Fest der Gaben – Im Vorhof der Hölle

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Helburg, Baronie Höllenwall; Tsa 1040 BF:

Die schwarze Kutsche schlängelte sich behäbig den schroffen Felsen zur gefürchteten Kerkerfestung Helburg empor. In dem edlen Vierspanner saßen Reichsvogt Reto Eorcaïdos von Aimar-Gor, sein Privatsekretär Romelio von Agur, sowie sein persönlicher Knappe Salix Borontreu von Zolipantessa. Hinter dem Gefährt folgten die drei burggräflichen Hausritter Rondrian Reto von Luchsenau, Deromir Leuwart von Rossreut und Kedia von Sturmfels zu Pferde.

Es dämmerte bereits. Beklommenheit machte sich bei den Insassen breit. Die Umgebung der Festung war schroff und abweisend, nahezu lebensfeindlich.

„Was für ein unwirtlicher Ort“, murmelte Romelio vor sich hin.

„Kein Wunder, dass die Helburger so böse sind“, platzte es aus Salix heraus.

„Wenn ich hier leben müsste, wäre ich wohl auch grimmig und bitter geworden. Wie das Land, so der Mensch.“

„Das ist eine interessante Frage die du da aufwirfst, Romelio“. Der Reichsvogt war noch halb in seinen Gedanken versunken und spielte mit der rechten Hand an seinem Schnauzbart. „Passt sich der Herrscher seinem Land an, oder aber umgekehrt?“

„Wir sind da!“, rief der junge Knappe aufgeregt und riss Reto dabei vollends aus seinen Gedanken.

„Nun, da wären wir also in des Reiches Kerker. Ein Ort, den man nicht unbedingt aufsuchen sollte ...“

Die Helburg erhob sich direkt an einer steilen Felswand und die Schlucht darunter schien bodenlos zu sein, da ihr Ende im düsteren Zwielicht nicht mehr zu erkennen war. Salix schauderte. Die Feste selber war ein schwer zugänglicher, dunkler, massiver und trutziger Bau. Welch Wunder, dass sie nie in Feindeshand gefallen war.

Die schwarze Kutsche blieb vor dem Palas der Feste stehen. Ein Hand voll Gardisten patrouillierten über den Burghof. Einige von ihnen trugen gar kaiserliche Wappenröcke. Der Reichsvogt und seine Entourage wurden von dem Kerkerkommandant der Festung, Mortus von Helburg, mit versteinerter Miene in Empfang genommen. Begleitet wurden die Gäste vom Bellen der berühmt-berüchtigten Höllenwaller Bluthunde.

„Ihr werdet erwartet Hochgeboren, folgt mir bitte. Und für euch Ritter, Weibel Grimmstein hier zeigt Euch wo ihr die Pferde versorgen könnt und dann könnt ihr euch im Zwinger was zu essen holen. Dort könnt ihr auch übernachten, sofern ihr eine freie Koje findet.“ Die Grimmigkeit des Ritters zur Hel ließ keinen Widerspruch zu.

Den Reichsvogt und seinen Sekretär führte er hinauf zum mittleren Trakt der Festung, der sich mittig des Zwingers erhob. Dieser sah bedingt wohnlicher aus, und eine separate, eingebaute Treppe an der Seitenwand vom Zwinger führte hinauf.

Romelio schien etwas irritiert über den schroffen Ton, doch Reto lächelte ihn nur milde an. Schließlich war Reto nur zu gut bewusst wo sie sich befanden. Die Helburger waren nicht für ihre Freundlichkeit bekannt.

Die Treppe führte auf die Dachterrasse vom Zwinger, mit seinem Wehrgang, den Türmen an den Ecken, und alle Zugänge waren durch Gittertüren gesichert. Inmitten dieser Terrasse erhob sich der Palas, nur geringfügig freundlicher wirkend als der Zwinger. Einen herrlichen Ausblick hatte man von hier. Man konnte den Silvandorn sehen, samt Burg Nymphenhall und sogar die Dächer der Stadt Höllenwall. Wie mussten sich die Junker hier einst gefühlt haben, die Juwelen vor Augen, und doch solange unerreichbar.

Sie näherten sich dem massiven Tor in den Palas, über ihm prangerte ein steinernes Wappen, umgeben von einem Kranz aus Sonnenstrahlen, der Spruch darunter war verwittert und auf Boparano: Exitus acta probat

`Der Zweck heiligt die Mittel´, murmelte Reto in sich hinein. Der Wahlspruch der Helburger sprach ihm aus der Seele.

Die Wachen der Helburg-Garde in ihren schwarzen Wappenröcken mit dem silbernen Fallgitter öffneten das Tor. Direkt dahinter lag die große Halle, welche vermutlich die Hälfte des unteren Stockwerkes einnahm. Erhellt wurde sie von wenigen Pechfackeln, Wände und Decke waren über die Jahrhunderte Ruß geschwärzt, alles wirkte karg und wenig einladend.

An einer großen, alten Tafel war eingedeckt worden, und an der Stirnseite gegenüber dem Tor auf einem hohen Lehnstuhl, saß der Baron von Höllenwall. Links und rechts von ihm kauerten zwei dieser monströsen Bluthunde, die aus ihren trüben Augen abschätzig den Besuch betrachteten. An der rechten Seite zum Höllenwaller befand sich ein weiterer Stuhl, eher schlicht, davor wie beim Baron silbernes Geschirr. Sonst fand sich kein weiterer Stuhl noch Gedeck.

Malepartus von Helburg erhob sich: „Willkommen auf der Helburg euer Hochgeboren. Ich freue mich den Reichsvogt der Gerbaldsmark in den Hallen meiner Familie begrüßen zu können. Travia und Praios zum Gruß.“, er deutete dabei auf den Stuhl und aus dem Schatten zwischen den Säulen kam ein junger und elegant gekleideter Mann hervor, welcher den Stuhl zurückzog.

„Malepartus, den Göttern zum Gruße! Viel Zeit ist vergangen seit dem wir in Beilunk so erfolgreich für unser Anliegen gestritten haben. Wir können sehr zufrieden sein, denn Großgaretien zeigt sich gütig und spendet reichlich – Hartsteen einmal ausgenommen. Was könnt Ihr mir aus Eslamsgrund berichten?“

„Setzt euch doch erst einmal, Reto. Ihr seid wegen der Alomosen hier?“, leichte oder gespielte Verwunderung lag in der Stimme des Höllenwallers. „Nun in dieser Angelegenheit solltet Ihr Euch mit meiner Gemahlin unterhalten. Sie hat sich dieser wichtigen und der Travia gefälligen Sache angenommen, nachdem ich mich um anderes und wichtiges kümmern musste. Eigentlich hätte ich auch in dieser Angelegenheit Voltan von Heiterfeld, den Almosenmeister für die Lande Garetiens, erwartet.“ Das Grinsen auf dem Gesicht des Barons zeigte deutlich, dass er andere Gründe für einen Besuch auf der Helburg annahm.

„Doch bevor wir zu geschäftlich werden, ihr habt immerhin eine lange und beschwerlich Reise hierher auf euch genommen, wollen wir uns stärken. Ich habe extra ein Ferkel schlachten lassen, und so beginnen wir mit einem guten Schluck Höllinger und einer deftigen Blutsuppe.“

„So soll es sein!“ Reto prostete dem Baron von Höllenwall zu.

Nachdem die Herrschaften das Mahl beendete hatten, erhob der Reichsvogt wieder seine Stimme.

„Ihr hattet natürlich recht, Malepartus, ich bin primär nicht wegen der Almosen hier. Romelio wird sich gerne diesbezüglich mit Eurer teuren Gemahlin austauschen, so Ihr gestattet.“ Reto machte eine Kunstpause. „Ich habe ein Anliegen, das höchste Diskretion voraussetzt.“

Interessiert sah der Höllenwalller seinen Gast an.

„Ihr seid ein Mann der Familie, sehe ich das richtig, Malepartus? Sie gibt uns Schutz, definiert unseren Stand auf Deres Antlitz. Ihr gilt all unser Streben. Wir würden alles tun um sie vor Unheil zu bewahren. Wie Ihr wisst, stammt mein Haus aus Aranien und diente dort treu der Fürstenfamilie, wie auch unserem Kaiserhaus. Nach dem schändlichen Abfall Araniens vom Kaisereich wurde mein Haus wegen seiner Reichstreue aus seiner Heimat vertrieben. Nun, der Rest ist Geschichte. Warum ich Euch mit dieser Erzählung langweile? Bei unserer Flucht haben wir vieles, was uns lieb und teuer war, zurücklassen müssen. Darunter auch etwas, was zur untrennbaren Identität meines Blutes gehörte. Geraubt von unseren Feinden und scheinbar für immer verloren. Doch nun habe ich die Information erhalten, dass der Schlüssel zu dem was ich suche, hier in Eurem Gemäuer als „Gast“ einsitzt.“

Die Mine des Höllenwallers verfinsterte sich. Die Gäste, sofern es sich dabei um bereits länger Einsitzende handelte, waren zum Teil gestorben, zumindest offiziell. Sofern man für diesen Gast kein ausreichendes Kostgeld bezahlt hatte, oder aber er für das Reich große Bedeutung aufwies, war er mit ziemlicher Sicherheit über den Wall gegangen, wie man hier auf der Hel zu sagen pflegte.

Zum anderen hatte es in den letzten Jahren zwei unerfreuliche Vorkommnisse gegeben, welche die Integrität des Kerkers in Frage stellten. So was durfte sich auf keinen Fall wiederholen. Lauernd beugte sich der Baron nach vorne.

„Ein Gast, nun derer haben wir einige. Und ja, Ihr habt Recht, die Familie ist wichtig, und man ist doch allzu oft bereit dafür Wagnisse auf sich zu nehmen. Ihr habt daher mein Ohr, und ich versichere Euch meiner Diskretion. Jedoch, da ihr noch keine näheren Angaben gemacht habt über das wer und wie, werde ich keine weiteren Versprechungen machen! Nun denn, Ihr habt meine volle Aufmerksamkeit.“

„Ich wusste, dass ich mich auf Euch verlassen kann.“ Der Reichsvogt wirkte erleichtert. „Geradlinig und frei heraus, ich will Euch nicht im Unklaren lassen! In Euren Registern müsste diese Person als Sulman Tulachim geführt sein, doch ist sein wahrer Name Selim Marwamir. Er ist ein Reichsverräter, der vor vielen Götterläufen festgesetzt wurde und seither in verschiedenen `Orten´ dieser Art inhaftiert wurde. Er war nach dem schändlichen Abfall meiner Heimat vom Reich maßgeblich an der Verfolgung und Liquidierung von Reichstreuen verantwortlich. Offiziell gilt er als tot, da sich die Wogen zwischen Aranien und dem Reich nun wieder geglättet haben. Dieser Feind der Reichstreuen hat meinem Haus wichtige Insignien unseres Blutes gestohlen.“ Reto machte eine kurze Pause und atmete tief aus. „Es handelt sich um Schmuckstücke, die unser Haus von Fürstin Sulamin I. geschenkt bekommen hat. Ich bitte Euch nun, den Gefangenen über den Verbleib befragen zu dürfen – wenn nötig, würde ich auch auf die Expertise der Helburger bei der Gefangenenbefragung zurückgreifen wollen.“

Dem Baron von Höllenwall huschte ein kurzes Lächeln über Lippen. Es kam doch selten vor das man nach dem alten Können der Helburger verlangte. Nur zu gerne würde er es unter Beweis stellen lassen: „Nun gut, ich werde Eurem Gesuch stattgeben. Zuerst einmal werde ich nach ihm sehen lassen, in welch einem Zustand er sich befindet.“, damit wandte sich der Baron an den jungen Helburger neben ihn. „Kümmere dich darum, und lass den Raum vorbereiten. Mortus soll dir zwei Knechte zur Hand geben. Doch zuerst versichere dich das der besagte Gefangene am Leben und wohlauf ist.“

Der junge Helburger verbeugte sich gewissenhaft: „Gewiss mein Herr!“, und verabschiedete sich galant und in aller Form von den Gästen.

„Sicherlich soll Euer Entgegenkommen nicht unvergessen werden.“ Der Reichsvogt nahm einen Schluck Wein. „Ach, bevor ich es vergesse, der Sohn des Reichserzkanzlers ist Eurer gewahr geworden … Ihr wisst schon, das kleine Füchslein Sigman Therengar von Gareth-Firdayon, der Gastgeber der Feierlichkeiten zu Korgond. Ein strammer Jüngling, das kann ich Euch sagen. Er hat kürzlich seine Zeit als Page am nordmärkischen Hof beendet und ist nun wieder in seine Heimat zurückgekehrt. Mit großem Interesse hat er dabei die Berichte der Schlacht bei Zwingstein nahezu verschlungen. Wie es heißt, soll die Leidenschaft des Jungen für das garetische Rittertum just hierbei entbrannt worden sein und dabei seid Ihr ihm wohl besonders aufgefallen. Das Füchslein schien sehr beeindruckt von Euren heldenhaften Taten, in der Schlacht gegen den niederhöllischen Feind. Eure Geradlinigkeit, Eure Tapferkeit und Euer Mut schienen ihn sehr zu inspirieren. Ohne Geltungssucht und Arroganz, habt Ihr dem Land bis aufs Blut gedient.“

Die Stirn des Höllenwallers legte sich in Falten, redet der Reichsvogte da etwa von der gleichen Schlacht an der er teilgenommen hatte? Seinen Erinnerungen zeichneten kein ganz so rondrianischen Bild der Vorkommnisse, und dann die Schmach einem dahergelaufenen Schlunder das Marschallamt überlassen zu müssen. Aber ja, die Eslamsgrunder hatten sich heldenhaft geschlagen, zwei Märtyrer entstammten ihren Reihen. Sollte sich nun hier endlich die Gelegenheit auftun auf die er so lange gewartet hatte, die Anerkennung seines Hauses in den Augen der Hohen. Das Ganze hier versprach deutlich interessanter zu werden wie er es sich vorgestellt hatte.

„Nun denn mein guter Reto, dann erzählt mir mal von dem jungen Füchslein, der Abend ist ja noch lang.“