Familienfrieden - Die tote Braut

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Die tote Braut

Firun 1034 BF, Landwehrlager bei Broien in Eslamsroden

Es war schon fast Abend, als der Bote im Eslamsrodener Wappenrock ins Landwehrlager geritten kam. Ardo und Praiadne waren gerade noch dabei letzte Befehle für die anstehende Nachtwache zu geben. Der Baron schickte Mechthild hinüber um sich um das abgetriebene Pferd des Mannes zu kümmern und ihm zu sagen, dass er im Offizierszelt warten solle.

Wenig später kam Ardo selber nach, Praiadne an seiner Seite. Bereits beim Eintreten erkannte er an der Miene des Botenreiters, dass dieser keine erfreulichen Nachrichten bringen würde. Er hoffte inständig, dass seinem Vetter Greifwin nichts zugestoßen war. Der Bursche grüßte artig und zog dann zwei Schreiben aus seiner Umhängetasche.

„Euer Hochgeboren, Euer Wohlgeboren. Ich bringe Kunde von Baron Greifwin aus der Wildermark.“

Ardo atmete erleichtert auf. „Also...“

„So ist mein Bruder wohlauf?“ Der unruhige Blick der Adjudantin wanderte zwischen dem Gesicht des Boten und den beiden Pergamentrollen hin und her.

Das die ansonsten so disziplinierte Praiadne ihrem Hauptmann ins Wort fiel, zeigte Ardo, dass sie beim Anblick des Boten ebenso das Schlimmste befürchtet hatte. Er schwieg und blickte den jungen Mann fragend an.

„Ja, Euer Hochgeboren. Baron Greifwin war wohlauf als er mich zu Euch sandte. Aber ich fürchte meine Nachricht wird Euch trotzdem nicht gefallen. Bitte, es steht mir nicht zu mehr Worte darüber zu verlieren.“

Geduldig hielt er den beiden Adligen die Botschaften entgegen. Praiadne riss ihm die ihre förmlich aus der Hand und auch Ardo erbrach hastig das Siegel und überflog die Zeilen, die in der Handschrift seines Vetters geschrieben waren. Es bestand kein Zweifel an der Echtheit der Botschaft. Erschüttert hob er den Blick und sah Praiadne an, die ihn ebenso fassungslos anstarrte.

„Ifirnia...meine Schwester,... sie ist tot? Aber wie kann das sein?“

Ardo nickte mechanisch. Er hatte Ifirnia als kämpferische Frau und starke Kriegerin kennengelernt. Aber die Gefahren der Wildermark konnten auch den besten Kämpfer in die Knie zwingen. Der Schmerz in Praiadnes Blick verschlug dem Baron die Sprache und er fühlte sich mit einem Mal hilflos wie ein Kind. Mehr noch als das aber fühlte er sich schuldig, weil ihn der Tod seiner Verlobten nicht annähernd so nahe ging wie er vielleicht sollte und wie er offensichtlich ihrer Schwester zu Herzen ging. Seine Verzweiflung wuchs eher mit der Trauer Praiadnes, die mit den Tränen kämpfte und sich krampfhaft an der Tischkante festhielt. Sie wirkte so verletzlich wie er seine Adjudantin noch nie zuvor gesehen hatte. Mit Mühe wand er den Blick ab, um die Befehle zu geben die von drei Paar Augen von ihm erwartet wurden. Zuerst sprach er den Boten an.

„Wie heißt du?“

Junko Treufuss, Euer Hochgeboren.“

„Gut. Firnwulf, geh und bring Junko zu den Mannschaftsquartieren. Sag dem Koch er soll ihm eine kräftige Portion geben, er hat einen weiten und gefahrvollen Weg zurückgelegt um uns Nachricht zu bringen. Bleibe bei ihm bis er gespeist hat und zeige ihm dann seine Schlafstatt. Mechthild, du wirst noch einmal in den Stall gehen und dich überzeugen, dass es Junkos Pferd an nichts mangelt. Es hat einen ebenso anstrengenden Weg gehabt wie sein Herr und soll demenstprechend behandelt werden. Lass dir ruhg Zeit dabei. Junko, ich wünsche in meinem Lager weder Schauergeschichten über die Wildermark, noch dass zu diesem Zeitpunkt etwas über diese Botschaft zu den Mannschaften durchdringt. Schlaf dich aus und komme morgen zur zweiten Praiosstunde zu mir. Eventuell habe ich weitere Botschaften für dich.“

„Wie Ihr wünscht Euer Hochgeboren.“ Der Botenreiter verbeugte sich vor Ardo und Praiadne und verließ dann hinter dem Pagen und der Knappin das Zelt.

Kaum dass sie beide allein im Zelt waren, sank die junge Kriegerin schluchzend auf einen Hocker nieder, die Arme vor sich verschränkt und das Gesicht in der Armbeuge vergraben. Zögernd trat Ardo an sie heran und legte ihr behutsam die Hände auf die bebenden Schultern. Er wusste, dass in diesem Moment noch kein Wort des Trostes zu Praiadne durchdringen würde. Auch er hatte damals nach der Nachricht vom Tod seiner Mutter viele Stunden in seiner Knappenkammer auf der Kressenburg gelegen und allein vor sich hingeweint. Weder das gütige Zureden Phexians noch die verlockende Biersuppe Ugrimms hatte ihn damals von seinem Schmerz ablenken können. Erst als die ersten Tränen versiegt waren, hatte er begonnen das Geschehene zu begreifen und zu verarbeiten.

Praiadne spürte die kräftigen Hände des Barons. So sehr hatte sie sich in den letzten Monden nach einer solchen Berührung durch ihn gesehnt, doch immer hatte er trotz der beengten Verhältnisse im Lager völlig korrekt den Abstand gewahrt. Immer hatte Ifirnia zwischen ihnen gestanden, nie anwesend, unsichtbar und doch unüberwindlich. Nun war sie tot und auf einmal lagen seine Hände auf ihrem Rücken und streichelten sie sanft. Sie wusste, dass er nur versuchte sie zu trösten und zu beruhigen, doch das änderte nichts an dem Chaos das in diesem Moment über ihre Gefühlswelt hinneinbrach. Sie hatte ihre Schwester geliebt. Der Schmerz drohte ihr schier die Herz zu zerreißen. Aber wie konnte sie dann so kurz nach der Nachricht ihres Todes diese unbändige Freude über Ardos Nähe empfinden? Hatte die Eifersucht sie so sehr zerfressen? Verzweifelt drehte sie sich um, ließ sich in Ardos Arme fallen und vergrub ihr Gesicht an seiner Brust. Mochte es den Schmerz auch noch bitterer machen, so brauchte sie doch das Gefühl seiner Arme die sich besänftigend um ihre Schultern legten.

Noch fast eine halbe Stunde standen die beiden so da. Ardo spürte wie Praiadne irgendwann ruhiger wurde und schließlich, von ihm gehalten, an seiner Brust einschlief. Ihr Kopf fieberte wie bei einer Kranken und außer den rotgeweinten Augenpartien wirkte das Gesicht im Schein der Kerze totenblass. Behutsam hob er sie auf und trug sie zu ihrer Schlafstatt. Nachdem er sie gebettet und zugedeckt hatte, zog er sich einen Hocker heran, setzte sich zu ihr und hielt ihre Hand. Wenn sie aufwachte sollte sie wissen, dass sie trotz ihres Verlustens nicht alleine war.