Fünf Köpfe für Totentanz - Weder Silber noch Turm

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Reichsstadt Hartsteen, 24. Tsa 1040 BF

Dunkle Augenringe zierten das bleiche Gesicht Praiodans von Steinfelde und gedankenverloren starrte er auf das Pergament vor sich, ohne richtig hinzusehen. Die letzten Tage war er rastlos in der Grafschaft unterwegs gewesen. Erst hatte er Halina nach Steinfelde gebracht, wo sie mit Praioswin, Alyssea und den Mädchen als Begleitung mehr Ruhe – wie vom Siechenherrn zur Förderung der Genesung angeraten – finden würde. Dort hatte ihn ein Traum heimgesucht. Ein Traum, der ihm auch jetzt vier Tage später noch, kaum, dass er die Augen schloss, klar vor Augen stand und ihn am Schlaf hinderte. ‚Korgond’, immer wieder ‚Korgond’, hallte es in ihm nach. Kurz darauf hatte ihn die Nachricht vom Rabensbrücker Stadtmeister Fredesaum von Nesselregen erreicht, dass unweit der neuen Natterbrücke bei Haldensbrüel unlängst ein großer Brand ausgebrochen war, verbunden mit wilden Spekulationen. Eine natürliche Ursache war nicht erkennbar gewesen und ein vom Nesselregen aus Rommilys herbeigeschaffter Zauberschnösel hatte etwas von geballten manifestationes respective eruptiones elementarum als Ergebnis gewisser narrativer constellationes fati geschwafelt und bedeutungsschwer genickt; Wörter, die nur an Praiodan vorbeirauschten, ohne ihm etwas zu bedeuten. Ob der Schlunder Graf dabei seine Finger im Spiel hatte? Immerhin schien die Brücke nicht direkt betroffen gewesen zu sein. Aber auch hier sickerte der Gedanke an Korgond in seine Überlegungen und setzte sich hartnäckig fest. Korgond. Seine Linke tastete nach dem zwölfstrahligen Stern an der Kette um seinen Hals. Er hatte die Ordensgemeinschaft vom Altar zu Korgond bisher als das wahrgenommen, als was sie wohl gedacht war: ein politisches Instrument des Canzlers Horulf von Luring zur Sammlung der Vertrauten der Krone. Sollte aber vielleicht doch mehr hinter diesem ominösen Korgond stecken? Er würde nach Bogenbrück reiten und seinen Bundesbruder Falk von Gneppeldotz dazu befragen – neben dem, weswegen er ohnehin mit ihm sprechen musste: dem Tsatagsattentat.

„Herr Praiodan?“

Die Frage ließ den Hartsteener Wegevogt blinzeln und er besann sich wieder auf die fragenden Gesichter des Orestes von Hartsteen und Praioswalds von Steinfelde ihm gegenüber, und den Grund für seine Anwesenheit hier als vom reichsstädtisch Hartsteener Magistrat bestelltem Ermittler in genau dieser Sache: „Verzeiht...äh...wo waren wir stehen geblieben?“

Der Befehliger der reichsstädtischen Garde antwortete, ohne sich seine Irritation anmerken zu lassen, während um die Mundwinkel seines Neffen schon wieder der Spott tanzte: „Lane von Schroeckh hat die üblichen Verdächtigen natürlich dingfest machen lassen und ist derzeit im Inquisitionsturm dabei, sie einzeln zu befragen. Aber bis jetzt ist noch nichts Greifbares dabei herausgekommen.“

„Sie soll trotzdem weitermachen“, der Wegevogt rieb sich die geröteten Augen, „Ich will die Protokolle sehen, wenn ich aus Bogenbrück wieder komme.“

„Selbstverständlich. Wenngleich ich befürchte, dass wir nichts finden werden“, gab sich Orestes pessimistisch, „Der ganze Fall ist so ungewöhnlich, dass wir die Täter wohl nicht unter den gewöhnlichen Verdächtigen finden werden. Und es erinnert mich ein wenig an diesen Fall anno 1035...“

„Mag sein. Aber irgendwie müssen wir doch an die Täter heran kommen“, insistierte Praiodan und ignorierte dabei, dass Praioswald, der sich, offenbar gelangweilt vom bisherigen Gang des Gesprächs, lässig noch etwas Würzwein nachschenkte und dabei die über den Tisch verteilten Papiere volltropfte. Der Wegevogt kannte das betont rüpelhafte Verhalten des einbeinigen Sängers in seiner Gegenwart nur zu gut und ging schweigend darüber hinweg, in der Hoffnung, dass dessen scharfer Verstand ihm in der Situation weiterhelfen könnte. Nur darum hatte er seinen Neffen überhaupt zu der Unterredung mit dem Stadthauptmann mitgenommen.

„Hm. So viel Gift zu besorgen verschlingt einige Mittel und nur wenige kennen sich damit aus“, bemerkte der Praioswald, als er seinen Becher in einem Zug geleert hatte.

„Wohl wahr. Und?“

„Wenn wir unsere Nachforschungen nun auf diese Personen konzentrieren, erhalten wir vielleicht die nötigen Hinweise.“

„Wunderbar“, bemerkte der Wegevogt sarkastisch, „Ich nehme an, du kennst nicht zufällig den ein oder anderen von denen?“

„Nicht direkt, nein. Aber ich könnte mich erkundigen.“

Auch das kannte Praiodan schon zur Genüge. Praioswalds Erkundigungen bestanden in der Regel in ausgedehnten Sauftouren durch alle Tavernen zwischen Gareth und Rommilys. Und so wedelte er unwillig mit der Hand: „Erkundige dich meinethalben. Und berichte möglichst bald, damit ich die Landreiter losschicken kann und diese Leute Bekanntschaft mit dem Inquisitionsturm schließen.“

„Das würde ich nun wieder lassen“, widersprach Praioswald und sein Tonfall verriet das innerliche Augenverdrehen.

„Weshalb denn das?“, erkundigte sich Orestes von Hartsteen.

„Mit Drohungen kommt man bei dergleichen Leuten nicht weit; die verschwinden einfach auf Nimmerwiedersehen. Sofern aber der Preis stimmt, könnten sie sich aber durchaus als hilfreich erweisen“, versuchte der Sänger zu erklären, doch der Wegevogt ereiferte sich: „Was? Soll ich dem Gelichter, das froh sein kann, wenn es nicht sofort mit Seilers Tochter anbandelt, auch noch Silber in den Rachen werfen?“

„Mitnichten, lieber Onkel...Gold nehmen die viel lieber.“