Fünf Köpfe für Totentanz - Leerer Stuhl

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Ratssaal der Reichsstadt Hartsteen, 1. Phex 1040 BF

Xerber Zandor hatte in diesem Monat den interimistischen Vorsitz im Magistrat der Reichsstadt inne, und natürlich hatte der Alte die günstige Gelegenheit genutzt, seine Kollegen schon am Morgen zu einer Sitzung ins Rathaus rufen zu lassen. Mit zusammengekniffenem Mund zählte er nun die Anwesenden, bis sein Blick an einem leeren Stuhl hängen blieb.

„Wo ist Meister Wunsteln?“, schnarrte der Eichmeister stirnrunzelnd.

Ludewigja Sagersbold verbarg ihr Gähnen hinter der vorgehaltenen Hand. Zum Winteraustreiben am gestrigen Tag der Erneuerung hatte sie in der Rolle des Sommers den als Winter verkleideten Alrik Wunsteln unter großem Beifall der belustigten Bürgerschaft mit derben Sprüchen und theatralischen Handgreiflichkeiten vom Ratsplatz vertrieben. Tatsächlich hätte sie sich gewünscht, dass ihr Triumph in diesem Schauspiel größer ausgefallen wäre. Ihr Gegner jedoch hatte kaum Widerstand geleistet und war kurz nach dem Spektakel verschwunden, wohl, weil er schon vor dem Fest betrunken war: „Keine Ahnung. Aber wahrscheinlich ist er zu Hause, seinen Rausch von gestern ausschlafen.“

„Jedenfalls hat er sich nicht abgemeldet“, ergänzte Efferdane Kleinzicht.

Kalman Anstett verdrehte die Augen. In letzter Zeit hatte der Fleischermeister regelmäßig mehr Alkohol zu sich genommen, als gut für ihn war. Aber darauf konnten sie keine Rücksicht zu nehmen: „Fangen wir eben ohne ihn an.“

Zandor quittierte dies mit einem Naserümpfen und diktierte an den Kämmer Siren Goldacker gewandt: „Also unentschuldigtes Fernbleiben von der Ratssitzung. Das macht laut Statut einen Dukaten Strafe, zu zahlen in die Stadtkasse.“

Die anderen Ratsleute nickten zustimmend und der Eichmeister erhob wiederum die Stimme: „Punkt eins auf der Tagesordnung...“

Es klopfte an der Tür des Ratssaales.

„Den Dukaten zahlt er trotzdem“, kommentierte Goldacker bissig in Erwartung des Fleischermeisters. Doch es war nicht Alrik Wunsteln, sondern der Stadthauptmann Orestes von Hartsteen, der den Ratssaal betrat.

„Hauptmann, wie Ihr seht sind wir gerade in einer Sitzung“, meckerte Xerber Zandor los. Die Unterbrechung war ihm gar nicht recht.

„Verzeiht, ehrenwerte Herrschaften, aber die Sache, weswegen ich Euch mit meiner Anwesenheit behellige, duldet keinen weiteren Aufschub“, hub der Stadthauptmann an.

„So?“

Nun fiel allen die tiefe Furche auf der Stirn Orestes’ auf.

„Es hat letzte Nacht einen Vorfall gegeben. Der Gefangene wurde gewaltsam aus dem Inquisitionsturm befreit, wobei eine Wächterin ihr Leben verlor....“

Ein Großteil der Ratsleute erbleichte vor Entsetzen. Alle waren sie froh gewesen, dass der Steinfelder ihnen die Suche nach den Tätern und Hinterleuten der so katastrophal verlaufenen Tsatagsfeierlichkeiten vor drei Wochen abgenommen hatte; und noch mehr, als er tatsächlich so schnell einen Verdächtigen präsentiert hatte und damit Hoffnung bestand, dass sowohl die Grafenfamilie als auch die anderen betroffenen Hartsteener Ritterfamilien nicht die Reichsstadt für die Giftmorde zu Rechenschaft ziehen würden. Und nun das!

Von allen Seiten brach ein wüster Redeschwall los: „Was?“, „Unerhört!“, „Ihr ward persönlich verantwortlich!“, „Wie kann das sein?“ „Warum wurden wir noch nicht informiert?“

Doch der Stadthauptmann hob beschwichtigend beide Hände, um die aufgebrachten Ratsleute so weit zu beruhigen, dass er weiter sprechen konnte: „...Aber wir haben sie erwischt, gerade als sie die Stadt durch das Garether Tor verlassen wollten. Zur Stunde werden sie bereits verhört.“

„Nach einem Moment der Stille folgte ein weiteres – diesmal erleichtertes – Rededurcheinander: „Warum habt Ihr das nicht gleich gesagt!“, „Praiosseidank!“, „Das ist doch wunderbar.“

Doch Orestes von Hartsteen schien die allgemeine Erleichterung nicht zu teilen: „Wartet ab, bis ich Euch erzähle, wen wir da alles aufgegriffen haben: Neben Odilbert von Hirschenrode noch Brinwald und Lane von Schroeckh, den gesuchten Einsiedler namens Ardo vom Keilerholz - und den Ratsherrn Alrik Wunsteln.“