Fünf Köpfe für Totentanz - Gedankenbrüten

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Burg Bogenbrück, 25. Tsa 1040 BF

Er starrte in die erlöschende Glimmen im Kamin, dessen Wärme seine alten Knochen kaum noch erreichte und lauschte dem Rauschen des Flusses draußen in der Nacht, das selbst durch die gegen die Kälte dicht verhangenen Fenster des Saales drang. Er fühlte die Kraft der wilden Fluten, die sich schäumend an den uralten steinernen Fundamenten tief unter ihm brachen, denn die feinen Erschütterungen setzten sich durch das so hastig und ohne alles Gespür für die Zusammenhänge aufgetürmte Mauergestein fort. Er spürte die Macht um ihn her, die so viel stärker geworden war, seit er das letzte Mal seinen Fuß auf dieses Stück von Sumus Leib gesetzt hatte.

IHR Wille zur Freiheit war geweckt worden und SIE stemmte sich gegen die letzten verbliebenen Ketten, die SIE noch banden. Doch nicht nur SIE. Er hatte es in den vergangenen Monden in vielerlei Zeichen gesehen, so deutlich, dass es wohl mittlerweile auch die mit Blind- und Taubheit geschlagenen Menschen, die sich sonst nicht für die Hinweise auf die größeren Zusammenhänge interessierten, bemerkten: Das Land erwachte.

Er hob nicht den Kopf, als die Saaltür knarrte. Der Gast des Hausherrn schlurfte herein und ließ sich in den knarzenden Lehnsessel fallen, bevor er ihn bemerkte: „Na Alter? Kannst wohl auch nicht schlafen? Was ist es bei dir? Der Rücken?“

Er schüttelte mit dem Kopf, während seine Nase die stark alkoholschwangere Aura um den hohen Herrn registrierte.

Nur ein weiterer armer Blinder, den Blick auf die Nichtigkeiten des Lebens gerichtet.

„Es ist alles schon vertrackt genug und nun noch dieser verdammte Traum! Kein Auge kann ich schließen, ohne... “, murmelte der Herr und ergänzte, als er bemerkte dass er gehen wollte, „Bleib ruhig. Du siehst so aus, als hättest du einiges erlebt, von dem zu erzählen uns die Zeit bis zum Morgen vertreiben könnte. Wie heißt du?“

Dieser Dummkopf begehrte seinen Namen um zu schwatzen; ohne zu wissen, ohne zu ahnen um die damit einhergehende Macht. Nun, er würde kein Risiko eingehen, dass der Mann bemerkte, mit wem er es tatsächlich zu tun hatte. Einen Namen würde er nennen; einen, den er sonst kaum mehr benutzte und auf den er schon lange nicht mehr gerufen wurde. Ein Name, der kaum Bedeutung hatte, weil er zu klein und zu jung war, um seiner eigentlichen Aufgabe gerecht werden zu können.

„Goswin, Herr.“

„Nun denn, Goswin. Erzähl mir von dir.“

„Mit Verlaub, Herr. Das würde Euch nur langweilen.“

„Vielleicht langweile ich mich dann so sehr, dass ich darüber endlich einschlafe. Wäre nicht das Schlechteste.“

„Vielleicht. ERZÄHLT mir was Euch bedrängt und Euch bis in Eure Träume verfolgt. Möglicherweise kann ich Euch ein wenig weiterhelfen“, er lauschte den nun mit schwerer Zunge vorgetragenen Worten des hohen Herrn, dem gar nicht bewusst war, was da gerade geschah. Er hörte erneut, was er aus anderen Zeichen bereits herausgelesen und gedeutet hatte.

Narr. Du bist verheddert in deiner kleinlichen Suche und verstehst nichts davon, was wahrhaftig vor sich geht. Und als solcher Narr wirst stattdessen du mir und IHRER Sache dienen.

„Und, was willst du mir nun raten, Goswin?“

Er überhörte den Spott in der Stimme, mit welcher der Gast seinen Bericht beendete: „Nun, Herr. Ihr habt Euch sicher schon viele Gedanken darüber gemacht, wem dieses Attentat gelegen kommt.“

„Selbstverständlich.“

„Könnte es jemand sein, der sich für würdiger hält, über die Lande der Igelkrone zu wachen, als der gegenwärtige Graf und seine Familie?“

„Hm. Wer sollte das sein? Die Quintian-Quandts sind außen vor und...“

„Mit den Angelegenheiten der hohen Herrschaften kenne ich mich nicht aus. Aber ich habe munkeln hören über Leute, die sich für die wahren Diener des Igels halten und dies offen oder versteckt zeigen.“

„Ach. Kannst du diese Personen genauer benennen?“

„Ich erinnere mich nur, dass es Leute jeden Standes sein sollen, von der Adligen bis zum Geächteten, die geheime Treffpunkte und Kultstätten in den Wäldern unterhalten. Doch habe all dem bisher keinen Glauben geschenkt, weil ich es für bloßes Geschwätz hielt, und leider nicht weiter darauf geachtet.“

„Zu schade.“

Die Saat ist gesät.

„Und was sagst du zu diesem Traum?“

„Der scheint mir ein gutes Omen zu sein. Ihr werdet die Schuldigen am Tod eurer Verwandten und Gäste finden und gleichsam als Werkzeug und Vollstrecker der Gerechtigkeit wirken. Freilich, ein Küken schlüpft auch erst aus dem Ei, wenn die Henne es ausbrütet.“

„Wie meinst du das?“

Es scheint mir fast, als hättet Ihr die nötigen Hinweise und Fakten vorliegen und es gilt nur noch, sie auf die richtige Weise im Geiste miteinander zu verknüpfen. Die von Euch im Traum gerichteten Personen sind sicher nicht diejenigen, die man schlechterdings mit dem schrecklichen Attentat in Verbindung bringen kann. Es sei denn, Ihr wäret selbst einer der Übeltä...“

„Was fällt dir ein, Schurke!“

„Verzeiht Herr, so war es nicht gemeint. Vielmehr wollte ich darauf hinaus, dass diese Personen lediglich Vorstellungen von bestimmten Eigenschaften sind, welche sie mit den Übeltätern teilen.“

„Hmpf. Na schön.“

„Wenn Ihr noch einmal in Ruhe darüber nachdenkt, was Ihr auf dem Fest gesehen und gehört habt und was Ihr von den Vorkommnissen und den einzelnen Personen vor Ort zum Zeitpunkt des Verbrechens wisst...Gab es da Dinge, die Euch beim genaueren Betrachten merkwürdig oder unpassend vorkommen?“

„Nunja...Es ging los, als der Nettersqueller den Saal betrat...“

Sehr schön. Grüble nur noch ein wenig. Und dann: SCHLAF!