Fünf Köpfe für Totentanz - Ehrengast und Tortenschlacht

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Rats- und Gildenhaus der Reichsstadt Hartsteen, 10. Tsa 1040 BF

„...mögest Du uns noch lange erhalten bleiben, mein liebe Halina. Darauf ein dreifaches Hoch!“, schloss der greise Stadtvogt Torm von Hartsteen seine Ansprache und hob den gefüllten Pokal.

„Hoch! Hoch! Hoch!“, schallte es durch den festlich hergerichteten Saal und die versammelte Gästeschar stieß auf das Wohl der Grafenschwester an. Auch Helmbrecht von Steinfelde stimmte in den Ruf ein und ließ seinen Blick schweifen. Im Licht der hell flackernden Leuchter wurde aufgetragen, was die Keller und Vorratskammern der reichsstädtischen Residenz des Grafenhauses hergaben – die nur wenige Tage vor dem Fest reichlich gefüllt worden waren: Brot, Schmalz und Eier, Saucen und Suppen, verschiedenes Wildbret und Pasteten gefüllt mit Fisch und Geflügel, süßes Gebäck und Käse, Dörrfrüchte und Nüsse, dazu reichlich Bier und Würzwein. Sein Vater hatte sich richtig ins Zeug gelegt, um aus der Feier für seine Gemahlin ein besonderes Ereignis zu machen und die Bürger Hartsteens waren dabei nicht knausrig gewesen: Dank der unter der Leitung des Hartsteener Wegevogtes neuerbauten Brücke über die Natter hatte der Handelsverkehr seit dem Herbst wieder deutlich zugenommen, was Kaufleute wie Herbergsbesitzer nicht zuletzt – und mit Genugtuung – auch an ihren praller gefüllten Säckeln gemerkt hatten. Helmbrecht wusste, dieses Geld fehlte nun in den Schatullen der Schlunder Nachbarn, die umso weniger erfreut über das Bauwerk bei Haldensbrüel waren. Aber an diesem Abend waren die Probleme der Grafschaft Hartsteen weit weg.

Eine heitere Plauderstimmung hatte sich nach dem letzten Gang an der Tafel breit gemacht. So fachsimpelte der Leiter der Akademie vom Institut der hohen Schule der Reiterei zu Gareth angeregt mit dem Stadthauptmann Orestes und dem Ritter auf Bogenbrück über die Fehler der Nebachoten an der Gaulsfurt und die hohen garetischen Verluste in der Schlacht an der Tobimorastraße – unter Zuhilfenahme von Tellern, Besteck, Soßenklecksen und einer Sülzeschüssel. Währenddessen gab Helmbrechts einbeiniger Vetter Praioswald zotige Witze zum Besten, so dass es den ihm gegenüber sitzenden jungen Windischgrützer Damen die Schamesröte ins Gesicht trieb und was seine Gnaden Rukus von Hartsteen zu ein paar mahnenden Bemerkungen veranlasste.

Der junge Ritter bemerkte, dass die Ausgelassenheit der Schmausenden einen Dämpfer erlitt, als die Tür zum Saal geöffnet wurde und der Baron von Nettersquell eintrat. Der Schlunder war nicht gerade für sein umgängliches Gemüt bekannt und es hatte hinter vorgehaltener Hand einige Tuschelei gegeben, dass seine Stiefmutter ausgerechnet ihn eingeladen hatte. Nun stand Halina für den späten Gast sogar auf und wies auf den bislang freigebliebenen Ehrenplatz zu ihrer Rechten: „Seid uns willkommen, Herr Rondradan. Wir hatten schon etwas früher mit Euch gerechnet. Umso mehr freuen wir uns, dass Ihr dieses Fest mit Eurer Anwesenheit beehrt.“

„Seid bedankt für Eure Einladung, Frau Halina“, antwortete der Baron, „Und verzeiht mein verzögertes Eintreffen. Ich wurde etwas... aufgehalten.“

„Aber nun seid Ihr ja da,Travia sei’s gedankt.“

Nachdem er Helmbrechts Stiefmutter gebührend gratuliert hatte, erhob letztere an die Tafelnden gewandt erneut ihre Stimme: „Vielen der hier Anwesenden ist es wahrscheinlich noch nicht bekannt, aber Herrn Rondradan gebührt unserer besonderer Dank. Denn mein Gemahl wäre heute nicht mein Gemahl ohne die tatkräftige wie diskrete Unterstützung seiner Hochgeboren. Darum lasst uns an diesem Abend auch auf sein Wohl anstoßen.“

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Der leise Wortwechsel zwischen dem Rondradan von Rommilys-Nettersquell und Praiodan von Steinfelde hatte nicht lange gedauert, aber es hatte gereicht, dass sich die Miene des Hartsteeners jäh verfinstert hatte, wie Helmbrecht von Steinfelde bemerkte. Mit einem Ruck schob sein Vater den Stuhl zurück und stand auf.

„Wo willst du denn hin, gerade, wo gleich der letzte Gang aufgetragen wird?“, erkundigte sich Halina verwundert.

„Entschuldige mich bitte. Es ist nichts, was dich heute beunruhigen muss“, hörte Helmbrecht seinen Vater sagen, bevor dieser ihm im Hinausgehen mit einem deutlichen Wink zu verstehen gab, er solle mitkommen.

Helmbrecht seufzte innerlich mit Blick auf die riesige, mit blauen Früchten garnierte Torte, die gerade hereingetragen wurde. Aber hatte er eigentlich etwas anderes erwartet?

„Was ist los?“, erkundigte er sich, als die beiden schnellen Schrittes die Vorhalle passierten.

„Jemand hat dem Nettersqueller beim Übersetzen über die Natter aufgelauert und ihn und sein Gefolge bis in Sichtweite der Stadttore aus dem Hinterhalt beschossen“, erklärte Praiodan knapp und der Unmut troff aus seiner Miene, „Dergleichen Ungeheuerlichkeiten kann ich mir als Wegevogt nicht leisten. Wenn wir es schaffen, die Halunken zu stellen, wäre viel gewonnen. Ich werde sofort mit ein paar Leuten das Natterufer absuchen. Du, mein Sohn, machst dich nach Krallenwind auf und alarmierst Lane von Schroeckh mit ihren Reitern. Die sollen in einem Bogen die Hügel abreiten, für den Fall, dass die Schurken meinen, sie könnten Richtung Feidewald entkommen. Treffpunkt spätestens Mümmelmannshag. Klar?“

Helmbrecht nickte nur. Er verkniff sich die sinnlose Widerrede. Es war Abend, es war draußen bitterkalt, und die Aussichten hier etwas zu erreichen ziemlich gering, auch wenn die klare Firunsluft und der helle Madaschein für recht gute Sicht über die winterliche Landschaft sorgten. Aus Erfahrung wusste er aber, solche Einwände würden seinen Vater in seinem Aktionismus nicht bremsen.

„Wenn Ihr erlaubt, werde ich euch begleiten “, hörte er da eine wohlbekannte, aber in den letzten Jahren nur selten gehörte Stimme hinter sich, die Helmbrechts Grübelei mit einem Male wegwischten.

„Selbstverständlich, Adhumar“, preschte der junge Steinfelde vor, bevor der Ältere den Mund auftun konnte, und der dann nur noch brummte: „Wenn dein Onkel nichts dagegen hat.“

Doch der Windischgrütz schüttelte den Kopf: „Ganz und gar nicht. Der setzt dem Herrn von Gneppeldotz anhand der Torte gerade die Schlacht von Yrosien auseinander“, Abenteuerlust flackerte in seinen Augen.

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10. Tsa 1040 BF 19:10:00 Uhr
Ehrengast und Tortenschlacht
Selbstgespräche

Kapitel 8

Atemnot
Autor: Steinfelde