Fünf Köpfe für Totentanz - Ausnahmezustand

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Vor den Toren der Reichsstadt Hartsteen, Nacht des 11. Tsa 1040 BF

Der Schnee glitzerte im Madaschein und knirrschte und klirrte fast, als würden die Hufe ihrer Pferde auf Glasscherben treten. Die Reiter ließen die ermüdeten Pferde jetzt langsamer gehen, denn es gab keine Eile mehr. Die nächtliche Jagd auf die Banditen am Natterufer war erfolglos und das Spähen in der Kälte vergeblich gewesen, wie sich Praiodan von Steinfelde schließlich eingestehen musste. Auch die von Helmbrecht und Adhumar informierte Lane von Schroeckh hatte auf ihrem Umritt mit den in Krallenwind stationierten Reitern bedauerlicherweise nichts Verdächtiges entdecken können, wie sie bei ihrem Zusammentreffen berichtete. Es blieb also nur noch die Rückkehr an die Tafel und einen warmen Würzwein und das dumpfe Gefühl, die Zeit vergeudet zu haben, wie er im Mienenspiel sowohl der gemeinen Reiter als auch der jungen Ritter in seiner Begleitung, zu denen sich Lanes Neffe Brinian gesellt hatte, auch wenn sich keiner von ihnen traute, dies auch nur mit einer Silbe kund zu tun.

Als sie im Schatten vom Natterndorner Burgfelsen die Vorstadt passierten und dem Stadttor näherten, gellte ihnen ein Alarmhorn entgegen.

„Halt! Wer seid Ihr und was ist Euer Begehr so mitten in der Nacht vor den Toren der Reichsstadt Hartsteen?“, rief ihnen eine energische Frauenstimme zu.

„Erkennt ihr mich nicht? Praiodan von Steinfelde bin ich und wir wünschen Einlass in die Stadt.“

„Das ist unmöglich“, tönte es von oben her.

Der Wegevogt glaubte, nicht recht gehört zu haben: „Was sagt sie?“

„Das Tor bleibt verschlossen, egal wer Ihr seid.“

Praiodan schüttelte erbost den Kopf: „Ihr wisst, wer wir sind und wollt uns dennoch nicht einlassen? Öffnet augenblicklich das Tor oder ich werde dem Herrn Orestes ausrichten, dass er eine neue Torweibelin braucht!“

„Darauf lasse ich es ankommen! Das ist der Kaiserin Stadt.“

„Was fällt ihr ein?!“, Praiodan wollte gerade zu einer geharnischten Rede ansetzen, als Helmbrecht, der an seine Seite geritten war, nach oben deutete: „Vater, sieh!“

Tatsächlich. Zwischen den Zinnen des Wehrgangs blitzten etliche Speerspitzen und Helme. Die Stadtmauer schien bemannt, wie in Erwartung eines Angriffs. Den Steinfelder beschlich ein sonderbares Gefühl und auch sein Gefolge wurde offenbar von Unruhe ergriffen.

„Was geht hier eigentlich vor?“, erkundigte er sich weiter und die Frauenstimme antwortete: „Ausnahmezustand, Aus- und Eingangssperre. Ausnahmslos. Niemand betritt oder verlässt die Stadt bis auf weiteres. Anordnung des Magistrats.“

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Lane von Schroeckh hatte angeboten, dass Praiodan Krallenwind als Nachtquartier nutzen könne, anstatt bei einem der Pfahlbürger unterzukommen, ein Vorschlag, den Praiodan wohl oder übel annahm. Soviel hatte er am Garether Tor noch herausbekommen, dass in der kurzen Zeit seiner Abwesenheit etwas Ungeheuerliches vorgefallen sein musste, selbst wenn nur die Hälfte von dem stimmte, was ihm an Gerüchten zu Ohren kam: Das gesamte Haus Hartsteen hingemeuchelt, das Rats- und Gildenhaus ein Schlachtfeld, die Mörder frei in der Stadt, ein dämonischer Angriff, gar die Wiederkehr des unseligen Frankward von Hirschenrode. Allerdings, Kampfeslärm allerdings war nirgendwo zu vernehmen. Fakt war allein, dass der Alarm die braven Spießbürger zu ihrer Pflicht gerufen hatte, welche seitdem grimmig und frierend ihren Dienst auf den Wällen versahen, statt ihren verdienten Schlaf zu genießen.

Im Gegensatz zu ihnen saß er nun hier in der Kemenate am Feuer im Warmen, doch an Schlaf war nicht mehr zu denken. War alles eine Finte, ein Ablenkungsmanöver gewesen? Hatte ihn jemand aus dem Weg haben wollen? Oder war es am Ende ein glücklicher Zufall? Ein Ratschluss der Zwölfe, dass er dem Attentat entkommen war? Er starrte er in die Glut; wartete, wie die Minuten zäh verflossen; wartete auf das erste Morgengrau, auf das Öffnen der Tore. Wartete, dass das Zittern der Finger nachließ, die er mühsam zur Faust ballte. Griff schließlich nach der bereitgestellten aber schon nur noch halb gefüllten Flasche und schenkte sich in geübter Manier ein weiteres Mal ein. Der Alkohol würde ihm guttun und die aufsteigenden Gesichte vertreiben. Gesichte, die ihn seit langem immer wieder verfolgten: Daimonenfratzen, Dythlind, Vater, die Maskierten, Heiltrud, der Zwerg, und wieder die Fratzen...Tote, immer wieder Tote, die ihm in einem endlosen Wirbel vor den Augen tanzten.

Praiodan schüttelte sich, denn es fiel ihm zusehends schwer, sich zu konzentrieren. Was, wenn es stimmte, was die Gerüchteküche auftischte? Sollte er auch seine zweite Frau zu Grabe tragen müssen? Dann wäre es wohl vorbei mit seiner guten Stellung am Grafenhof. Aus und vorbei. Aus. Aber wer würde das versammelte Haus Hartsteen gerade jetzt aus dem Weg haben wollen? Er musste die Antwort finden. Namen nennen. Namen. Und wer profitiert vom andauernden Chaos in Hartsteen? Und was konnte er dagegen unternehmen? Etwas wäre zu tun? Ja, zu tun. Ein Zutun. Wie es seinem Stand entsprach. Und Verstand? Ohne Sinn. Es war so schwer, die Gedanken zu ordnen: Was also? Aus. Name. Zu. Stand...