Ende einer Ära - Tock, tock tock

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Staatscantzley des Königreichs Garetien, 1. Tag des Namenlosen

Tock, tock tock.

»Gsevino es klopft!« Schroeckh konnte die Panik nicht ganz aus seiner Stimme verbannen. Er hockte unter dem mächtigen Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer, das aussah wie eine Mischung aus einer Müllhalde und eines anderen Arbeitszimmer, trug nur das nötigste am Leib, um die Hitze ertragen zu können, und war leidlich betrunken.

»Vater? Gsevino ist nicht mehr hier. Ich gehe öffnen.« Ludemar von Schroeckh hatte die Tür in der Hand, als er in das Zimmer seines Vaters gesprochen hatte, und machte sich nun auf, die Pforte im Erdgeschoss zu öffnen.

»Öffnen?«, hörte er hinter sich den erstickten Schrei seines Vaters, als er die Treppe ins Vestibül der Staatscantzely hinab eilte. Es war heller Tag, etwa Mittagsstunde, und die Sonne brannte unbarmherzig auf die Hauptstadt hernieder. ›Praios‘ Antlitz extra hell«, dachte Ludomar, ›und das während dieser Tage. Seltsam.‹ Unten öffnete er die Pforte selbst - das Personal hatte frei bekommen. Nur der Gärtner war wohl draußen, um die Pflanzen nicht verkommen zu lassen.

»Die Zwölfe zum Gruße, Hoch…« begrüßte Ludomar den Gast.

»Euch auch, Schroeck-Sohn.« Der Ankömmling gab Ludemar die Hand - sie steckten in feinen Wildlederhandschuhen -, und Ludemar wunderte sich über die adrette und viel zu warme, dafür aber hoch korrekte Kleidung des Gastes. »Meine Begleiter habe ich nach hinten geschickt, sich zu stärken und ein wenig zu trinken. Das ist recht?«

»Gewiss.« Ludemar ging voran und nahm Stufe für Stufe, ohne sich so anzustrengen, dass er erneut in Schweiß ausbräche. Der Mann hinter ihm ließ kein Anzeichen von Schweiß erkennen und glitt die Stufen mehr elegant empor, als mühsam zu steigen.

»Vater? Du hast Besuch! Es ist …«

»Es soll eine Überraschung sein, Schroeckh-Sohn«, grinste der Gast maliziös, wohl wissend, dass dem Staatsrat einerlei wäre, ob er käme oder der wahre Namenlose.

»Besuch?« vernahm man aus dem Arbeitszimmer.

»Aber ja, ich bin’s, Schroeckh!«

»Dieser Tage?« Der Staatsrat quälte sich hinter seinem Schreibtisch empor, die Wangen unrasiert, ein Hemd mit offenem Kragen am Leib, das eine Schulter herabhing.

»Schroeckh. Diese Tage sind wunderbar: Kein Mensch auf den Straßen, und wenn namenlose Kreaturen umgehen, dann garantiert nicht in der Garether Altstadt. Nur für Einbrecher ist Saure-Gurken-Zeit.«

»Hä?«, machte Schroeckhs Gesicht.

»Na, weil alle zu Hause sind. Schroeckh! Wie sieht es denn hier aus? Jemine! Lasst uns nach unten gehen. In der Küche wird sich ein bisschen kaltes Wasser finden lassen.« Der Gast wendete auf dem Absatz und verließ die unaufgeräumte Studierstube. Schroeckh kratzte sich unbequem im Nacken, packte dann kurzentschlossen die Flasche mit dem Perricumer Weißen und folgte dem Quälgeist in die Küche im rückwärtigen Teil der Staatscantzely. Dort verscheuchte Er seine drei Begleiter, die sich daraufhin im Hof in der Sonne zu aalen begannen, während er aus einer Kelle kühles Nass schlürfte, das er aus dem Brunnenstein geschöpft hatte. Schroeckh sah sich um, zog dann einen Schemel mit dem Fuß heran und plumpste darauf.

»Ah. Das tut gut. Ihr solltet auch ein wenig Wasser trinken, Schroeckh, oder den Weißen da wenigsten ein bisschen kaltstellen. Apropos Kaltstellen. Danke für die Übersendung des Briefes vom alten Pfeiffer.«

»Hä?«, machte Schroeckhs Gesicht.

»Graf Ingramm. Unvorstellbar, einem Jungspund wie Wolfaran die reiche Mardershöh zu geben! Dass der Zwerg das überhaupt in Erwägung zieht! Ich habe in Eurem Namen anders disponiert.«

Schroeckh verzog gequält das Gesicht. »Inwiefern?«, fragte er gepresst.

»Na, Ihr lehnt den Mann mit dem ochsenschwanzlangen Stammbaum ab, zack: kupiert! Und schlagt stattdessen einen begabten, bewährten, begnadeten jungen Mann vor, der nicht ganz so jung ist, dafür aber in der Kaisermark die beste Reputation hat, die man sich denken kann. Die Königin findet das grandios, und die Bestallung von Orelan von Leuenwald ist so gut wie sicher!«

»Nie gehört.«

»Macht nichts.« Der Gast wischte nun eine Ecke der Tischplatte mit dem Handschuh ab und setzte sich rittlinks drauf. »Wo wir gerade bei Personalien sind: Habt Ihr die Lehnsurkunde für Leihenbutt fertig? Ihr solltet dafür Sorge tragen, dass Junkobald noch im Praios seinen Lehnseid ablegt. Die Königin ist wegen des Turniers in Gareth und kann den Eid selbst abnehmen.«

»Die Königin ist hier?« Schroeckh nahm einen Schluck aus der Pulle. »Wusste ich gar nicht.«

»Das ist es, was mich an Euch so fasziniert, Schroeckh: Das, was Ihr nicht wisst, übersteigt immer wieder meine Vorstellungskraft! Erstaunlich!«

»Danke«, murmelte Schroeckh und kratzte sich ausgiebig zwischen den Beinen.

»Also: Personalien. Habe unlängst mit dieser Treumunde von Eychgras ein langes Gespräch geführt …«

»Kenn ich«, unterbrach Schroeckh, »das ist die aus Bärenau.«

»Hol mich der … genau die meine ich! Schroekh, Ihr seid unterhaltsamer als jede Hinrichtung!«

»Danke«, murmelte Schroeckh und kratzte sich nun den schweißnassen Nacken.

»Also; Treumunde von Eychgras hat eingesehen, dass sie Bärenau nicht bekommen wird. Klassischer Fall von Fehlinvestition: Hoch gespielt und doch verloren. Sie hat Schulden gemacht, die ich aufgekauft habe. Außerdem hat sie sich Feinde gemacht, was sie sehr wohl weiß. Vor allem bei Aldigen alter Häuser, die finden, dass eine Edle aus Eslamsgrund wissen sollte, wo ihr Platz ist, also jedenfalls nicht im Hochadel. Tapferes Mädel, ziemlich begabt, sehr ehrgeizig. Die hat noch ein paar Rechnungen offen und wird sicherlich gern zum Dorn am Rosenstängel, wenn man sie lässt.«

»Hä?«, machte Schroeckhs Gesicht.

»Sie bekommt ein schönes Hofamt: Königliche Brotmeisterin. Damit ist sie zuständig für die königliche Tafel und hat den Auftrag diese mit den Erträgnissen der königlichen Besitzungen zu bestücken. Das heißt, sie wird ständig unterwegs sein, die königlichen Güter besuchen und unterwegs riesenhafte Augen und Ohren bekommen. Ha! Mag sein, dass sie sich nicht mehr nach Hause trauen wollte, aber auf einer Stufe mit Kämmerer und Marschall zu stehen, das kann sich wohl sehen lassen!« Der Gast stieß so eine Art Lachen aus und glitt von der Tischkante.

»Noch eins, Schroeckh!«

»Ja?«

»Ihr werdet noch heute nach Tannwirk aufbrechen.«

»Was?«

»Jawohl, dort trefft Ihr den Junker Alrik Herdan von Prailind. Nach meinen Informationen ein von Ehrgeiz zerfressener Provinzler, der seine Familie zurück an die Fleischtöpfe Thalusas führen möchte. Dazu werden wir ihm einen großen Schritt ermöglichen, immerhin ist Tannwirk seit Jahren praktisch vakant. Ich gebe Euch meine Leute mit. Alle Urkunden sind fertig, auch das Todesurteil.«

»Wessen?« Schroeckh schluckte.

»Unwichtig, irgendein Greifenfurter Ritter, den wir uns geschnappt haben. Die Details müsst Ihr nicht kenne, Hauptsache, ich kenne sie. Also: Husch, husch! Ihr müsst noch heute aufbrechen!«

»Aber es sind doch Namenlose Tage!«

»Mein lieber Schroeckh«, sprach der Gast mit eisiger Stimme, »Was ist Euch lieber: ein namenloser Schrecken, der Euch vielleicht ereilt, oder ein Schrecken, der meinen Namen trägt und Euch ganz sicher trifft?«

Briefspiel.png Sieger im Wettbewerb Jahr der Geschichten

Dieser Briefspieltext wurde von den Spielern Garetiens, Greifenfurts und Perricums aus über 2.500 Briefspieltexten ausgewählt.