Eine Gruft für Odilbert - Zu Sertis im Frühjahr

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Ein Blick hinaus aus dem Fenster konnte im Waldsteinschen zu unterschiedlichen Jahreszeiten, die seltsamsten Gefühle wecken. Schaute man etwa an einem frühen Herbstmorgen, kurz nach oder besser noch während dem Aufgang der goldenen Praiosscheibe, sah man über den weiten Wäldern in der Nähe Nebel aufsteigen, wenn man sie überhaupt sah. Oft war dies das Zeichen für einen schlechten und dunklen Tag, an dem der Götterfürst nur ungern auf die grünste Grafschaft Garetiens blickte. Dann konnte man sich alleine fühlen, obwohl, eigentlich verstärkte es nur das Gefühl, dass irgendwo in diesem Nebel noch irgendwas lauerte, eine uralte Wesenheit, etwas, von dem die Menschen eigentlich nichts wissen wollten.

Anders an einem fröhlichen Frühlingsmorgen, nachdem man nach einer durchgefeierten Nacht unerwarteter Weise doch noch ein Quentchen Schlaf hatte nehmen dürfen. Das Gefühl durchfloss in solchen Tagen die Menschen, dass sie alles schaffen würden, was sie sich vorgenommen hatten. Die Holzerfäller und Köhler schafften die doppelte Arbeit, und abenteuerliche Helden starben in den unerforschten Dunkeln des Reichsforstes.

Von einer längeren Reise zurückgekehrt, hatte sich der junge Reichsvogt eine Feierlichkeit mit Freunden und Nachbarn der Grafschaft gegönnt. Zum Teil, um die Menschen kennenzulernen und seinen Einstand zu geben, aber auch, um alte Freunde wie den Uslenrieder oder Leihenbutter Baron wiederzutreffen. Auch Graf Danos von Luring hatte er eingeladen, als einen Mitbruder der Pfortenritter, doch hatte dieser leider absagen müssen. Nichtsdestotrotz war die Feier bis in die frühen Morgenstunden gegangen.

Frisch gewaschen und frisiert schaute Hilbert von Hartsteen auf seine Wälder. Sie gehörten zwar nicht ihm selbst, aber immerhin war er an Stelle der Kaiserin hier. 'Unserer Rohaja!' ging ihm mit einem Lächeln durch den Sinn. 'Oder was klingt besser? "Unsere Yppolita!"? Wir werden sehen...'

Seine Gedanken wurden abrupt gestört, als sein Leibdiener und Medicus Tumanjan gestört, der auf leisen Schritten sich knapp hinter den Adligen gestellt hatte. "Aus Hartsteen ist noch keine Antwort, Hochgeboren." - "Verdammt! Aber wie töricht von mir, anzunehmen, sie würde einfach so antworten. Schreiben wir eben nochmals. Nur diesmal warten wir keine zwei Monde vergehen. Los hol Feder und Pergament!"

An Ihro Hochwohlgeboren Thuronia von Quintian-Quandt,

Gräfin zu Hartsteen, etc. pp.

Ihro Hochwohlgeboren!

Da leider der letzte Brief ohne Antwort von Euch geblieben ist, sende ich Euch noch einmal meine treuesten und besten Grüße. Ich hoffe, Ihr erfreut Euch bester Gesundheit und habt Freude an dem fast schon geendetem Frühling, der dieses Jahr gewiss in einen sehr warmen Sommer münden wird.

In meinem letzten Brief bat ich Euch darum, meinen über alles geliebten Vater als Ehre für sein Reich und seinen Namen bei seinen Urahnen beizusetzen. Die Gruft der Herzöge von Hartsteens ist ebenfalls die letzte Ruhestätte ihrer Frauen und Kinder. Nun ist mein Vater ein um das Reich verdienter Mann gewesen, dessen Taten gebührend gewürdigt werden sollen. Doch nur einen Wunsch hatte er, als er über das Nirgendmeer schritt: Man solle ihn an die Seite seiner glorreichen Urahnen legen, denen er an Ruhm und Glanz gewiss ebenbürtig ist. Und wie ich Euch auch in meinem letzten Brief kundtat, seid Ihr als Hausherrin und Gräfin die Person, die diesen bescheidenen Wunsch erfüllen könnt.

Es ist mir bewußt, dass zwischen unseren Häusern seit einem Jahrhundert eine erbitterte Fehde herrscht, aber wäre nicht dies ein Schritt in Richtung Frieden? Ist es nicht im Sinne der Zwölfe zwei im Streit befindende Adelsfamilien auszusöhnen, und ist nicht besonders der liebreizenden jungen Göttin TSA dies eine besondere Huldigung?

Bitte nehmt meine Bitte als ein Zeichen von Respekt gegen Eure Person und Eure Familie an, und tretet diesen jungen Zweig aufblühender Friedlichkeit nicht aus niederen Gründen in den Staub zurück!

Im Namen der Zwölfe,

Hilbert von Hartsteen

Vogt zu Kaiserlich Sertis, Ritter der Bruderschaft der Trollpfortensieger

gegeben zu Sertis im Ingerimm 32 Hal"

Der Medicus hatte zuende geschrieben, und überreichte dem Vogt das Pergament zum Siegeln und unterschreiben. Ein fragender Blick genügte, um Hilbert auf die ungestellte Frage antworten zu lassen: "Natürlich meine ich das nicht ernst! Von wegen, Adelsfamilie, pah! Eine emporgekomme Krämersippe sind diese Quintian-Quandts. Ich werde auf deren Grab spucken, wenn Hartsteen wieder von seinen wahren Besitzern regiert wird. Ich hoffe nur, die alte Wachtel nimmt mir diesen Unsinn ab."

"Und wenn nicht?"

"Dann werde ich versuchen bei der Heirat im Horasreich Verbündete zu finden. Graf Danos von Luring könnte mir nützen, wie eigentlich alle anderen Pfortenritter. Und wer weiß, vielleicht erwische ich unsere Königin unter vier Augen."