Ein weiteres Viertel Unglück

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Gut Jachtern, 20. Hesidne 1041 BF

Die Mutter saß auf ihrem Sesel am Feuer und stierte in die Glut. Sie stierte immer, fand Moribert, aber so war seine Mutter eben. Er betrachtete ihr langes graues Haar, das zottig zu einem Knoten gewunden war. Sie wirkte keinen Tag jünger als die 62 Jahre, die sie jetzt zählte, dabei könnte sie etwas aus sich machen. Moribert dachte an die lauten Streitgespräche zwischen seiner Mutter und seinem Vater, in denen es immer darum ging, dass Jurfinde sich zu wenig um sich und die Welt kümmerte, aber zu viel um ihre Rösser, Schwerter, Forsten und Felder. Zugegeben – aus Altjachtern ein derartig florierendes Rittergut gemacht zu haben, dazu gehörte schon einiges. Immerhin gelang es seiner Mutter, zwei Ritter zu unterhakten, nämlich sich und ihren Sohn, und überdies eine Knappin auszubilden. Wobei - diese Knappin war der Schwertmutter für Moriberts Geschmack viel zu ähnlich.

Egal, sie hatten ein Problem, und dass musste gelöst werden. Moriberts Frau, die kluge Boriane, hatte mit ihm alle Varianten durchgesprochen, und die Lösungsmöglichkeiten waren schrecklich. Moribert hatte seit Wochen einen Klos im Hals, schlief schlecht und schien einen verwesenden Eber da zu haben, wo bei anderen das herz schlug.

„Mutter?“, sprach er vorsichtig.

„Ja, Mori, ich höre dich“, antwortete die alte Ritterin, ohne die Augen von der Glut zu wenden.

„Was machen wir nun?“ Moribert rang die Hände und blickte zu seiner Frau hinüber, die neben ihm auf der Sitzbank wartete, gewandet in ein Gewand in Grau, das wunderbar mit ihrer gesamten Erscheinung harmonierte.

„Was habt ihr ausgetüftelt?“, wollte Jurfinde wissen. „ich nehme doch an, dass du, Boriane, alles bereits hin- und hergewendet hast?“

„Das habe ich“, entgegnete Boriane unbescheiden. „Und nichts gefällt mir daran. Wie wir es drehen oder wenden, entweder verliert die Familie oder das Lehen oder wir Eltern. Die Mädchen sowieso – in jedem Fall.“

„Was meinst du?“, hakte die alte Jurfinde nach.

„Nun ja. Das Problem ist nunmal, dass Praida zweifelsohne magisch begabt ist. Das ist eine Katastrophe, weil es sie aus der Erbfolge faktisch ausschließt. Eine Schande. Hinzu kommt dann das Problem, dass Jerma noch in den Tagen ohne Namen geboren wurde, wie leider jeder weiß. Dass unsere Drillinge an der Jahreswende durch die lange Geburt auf zwei Jahre aufgeteilt wurden, hat sich leider rumgesprochen.“

„Leider“, fügte Moribert an und seufzte.

„Leider“, bestätigte Jurfinde und blickte ihren Sohn und ihre Schwiegertochter kalt an. „Leider. Es macht sich nicht gut, sein Lehen einem Balg zu vererben, dass in den Namenlosen geboren wurde. Das ist wie ein Fluch.“

„Aber Jerma ist …“, weit kam Boriane nicht.

„Ein Fluch, sage ich!“, unterbrach sie Jurfinde. „Ich habe mit deinen Geschwistern gesprochen, Mori. Drego hat wie immer keine Meinung und scheut harte Entscheidungen – da ist er wie sein gräflicher Namensvetter. Und Gerlinde ist wie immer für irgendwelche göttlichen Wege und nennt das eine Herausforderung. Pah!“ Jurfinde wischte sich eine Haarsträhne aus der Stirn und verzog den Mund. „Ich habe noch nie eine Herausforderung abgelehnt und noch alle überwunden. Es ist nun einmal ein Jammer, dass Praida mit Madas Fluch eine Schande für unsere Familie ist. Zusammen mit Jerma ist es fast schon unerträglich.“

Jurfinde machte eine Kunstpause, in der Moribert sein schweres Herz so laut hämmern hörte wie das Schlagen von Tarja dem Schmied unten in der Werkstatt.

„Sie müssen weg“, befand Jurfinde.

„Weg?“ keuchten Moribert und Boriane gleichzeitig.

„Ja, weg. Schick Praida nach Sankt Quelban, da soll man sie ausbrennen. Und Jerma …“

„Was ist mit Jerma?“, fragte Boriane argwöhnlisch.

„Jerma bringt ihr entweder in den Kasterforst und lasst sie dort liegen oder ebenfalls in ein Kloster.“

„Mutter!“ empörte sich Moribert, aber die beiden anwesenden Frauen wussten, dass er niemals widersprechen würde, wenn seine Mutter etwas entschieden hatte. Und Boriane wusste, dass Jurfinde richtig gerechnet hatte, wenn am Ende die Familie gewinnen sollte. Wie bei einem guten Gardanspiel muss man sich ein Ziel setzen und andere Ziele diesem unterordnen. Und dass die Mädchen leiden würden, das hatte sie sich von Anfang an ausgedacht. Allerdings schwor sie sich eines: Ihrer Schwiegermutter niemals zu verzeihen, dass sie vorgeschlagen hatte, eines ihrer Mädchen schändlich umzubringen.

Und so kam es, dass Praiodane von Altjachtern im zarten Alter von sechs Jahren in den Tempel Sankt Quelban nach Luring gebracht wurde, wo der gefürchtete Sharban von Greifenstolz Madas Fluch ausbrennen würde.

Und Jerma wurde flugs Vetter Firunian als dem Gnadenthal Verschworene versprochen, sobald sie alt genug wäre.