Ein weinseliges politisches Gespräch

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Im ›Kaiserstolz‹, Mitte Rahja 1029 BF

»Noch einen Humpen! Heda! Aber rapido!«, brüllte Burggraf Ardo vom Eberstamm durch den Saal, der mit erlesenem Samt, feinen Hölzern und edlem Mobiliar ausgestattet war. Ganz so edel wirkte allerdings der rotgesichtige Rittersmann nicht, der einen der höchsten Titel in Garetien trug. Eberstamm war nach der Sitzung des Zedernkabinetts noch mit seinen Jagdhunden im Garten der Alten Residenz herumtollen gewesen und war erst später zu seinen Kollegen hinzugestoßen, nämlich Burggräfin Rondriane von Eslamsgrund und Helmar von Hirschfurten. Sie hatten ausgiebig gespeist – Eberstamm befahl sein Rinderstück »blutig« – und viel getrunken. Rondriane hatte einen schläfrigen Blick und Helmar sprach mit einer Stimme so schwer wie ein Banner Garether Maulwürfe. Nur Eberstamm hatte das Bier getrunken wie klares Gebirgswasser.

»Und, Rondriane, noch ein Gläschen von Eurem Traubensaft? Wie? Schon genug? Na ja, ich sag ja immer: Die Nähe zu Almada bekommt Euch nicht da unten in Eslamsgrund! Oh! Wen sehe ich denn da? Sighelmsmark mit unserem Markvogt!« Eberstamm sprang auf, den Humpen in der Hand und empfing Alarich von Gareth-Sighelmsmark und Barnhelm von Rabenmund mit ungewünschter Umarmung. Zwischen ihnen gehend, die Arme um die Schultern der Begrüßten, den halbleeren Humpen gefährlich vor Alarichs Brust schwappend, bugsierte er sie an den Tisch.

»Hatten heute eine Sitzung des Zedernkabinetts, Rabenmund«, tönte Eberstamm und leerte den Krug in einem Zug. »Ihr wisst was einen Koscher nährt?«, riss er die siegesgewiss Augenbrauen hoch, doch Rabenmund wusste es: »… drum all die Humpen ausgeleert. Eberstamm. Mir scheint, Ihr habt Euer Koscher Herkommen heute schon eindrucksvoll unter Beweis gestellt.« In diesem Moment fiel Helmars Kopf nach hinten auf die Lehne und ein herzhaftes Schnarchen erscholl aus seinem Mund. »Hirschfurten offenbar auch das seine. Nicht gerade der Kosch …«

Sighelmsmark erweckte einen eher sauertöpfischen Einruck und sprach dem Wein nur maßvoll zu. Das Gespräch wurde seichter, weil Eberstamm die Themen diktierte – Jagdhunde, Jagdwild und Pferde –, doch Rabenmund konnte ganz gut mithalten, Rondriane steuerte ein paar Anekdoten von Eslamsgrunder Jagdgesellschaften bei, doch Sighelmsmark verabschiedete sich alsbald: »Ihr verzeiht, ich werde noch heute zurück nach Neu-Sighelmsstein aufbrechen. Ich wünsche noch einen angenehmen Abend.«

»Na, wie sich das trifft«, rieb sich Eberstamm den Schaum vom Schnurrbart, »Ich muss doch noch nach Güldenfeldt, die beiden Rappen abholen. Aber dann komme ich lieber gleich mit Euch mit, Alarich, gemeinsam reist es sich angenehmer!«

Alarich von Gareth-Sighelmsmark stieß einen undefinierbaren Laut aus, raffte an vornehmer Würde seiner königlichen Abstammung alles an Höflichkeit zusammen und lächelte freundlich: »Das freut mich, Dom Ardo. Ich weiß Eure Geste zu schätzen.« Und beide verließen das ›Kaiserstolz‹.

Wenig später war Rondriane von Eslamsgrund wieder wacher geworden, denn mit Barnhelm von Rabenmund konnte man sich bestens über Weine – auch Eslamsgrunder – unterhalten. Helmar von Hirschfurten hingegen schlief tief und fest, er war die bäurischen Offerten Eberstamms nicht gewöhnt und hatte noch nicht gelernt, sich dagegen zu wehren.

»Ach, etwas ganz anderes, Rondriane«, hub Rabenmund an, nachdem er den Kristallpokal wieder abgesetzt hatte, »wie ich erfahren habe, wird der neue Erste Königliche Rat Garetiens zum Jahreswechsel ernannt werden.«

»In der Tat? Das ist nicht mehr lange hin.«

»Nicht wahr? Ich frage mich, auf wen die Wahl der Königin wohl fallen wird. Immerhin gibt es ja im Königreich ein ganz schönes Gezerre um diese Ernennung. Mir scheint, dass es doch so einige Fraktionen bei Euch gibt.«

»Bei uns? Rabenmund, Ihr seid doch auch einer von uns.«

»Ja, das heißt: Ich bemühe mich, einer von Euch zu werden. Da ich aber von außerhalb komme und ›nur‹ mein Leben lang Nachbar gewesen bin, kenne ich mich mit den vielen Fraktionen in Garetien nicht besonders gut aus.«

»Kommt, Rabenmund, das glaubt Euch doch nicht einmal ein tumber taladurischer Stutzer! Ihr habt doch schon immer ein feines Gespür gehabt für die Dinge, die so vor sich gehen.«

»Habt Dank für die Blumen, Rondriane, aber dennoch ist mir einiges ziemlich unklar. Warum beispielsweise hat Luidor von Hartsteen des Grafen Danos Tochter ins Gespräch gebracht?«

»Hm. Also was ich weiß, ist, dass die Familien Luring und Hartsteen sich immer schon gut vertragen haben. Beide gehören ja zu den sehr alten garetischen Herrscherhäusern. Ich nehme an, dass beide eine Allianz verbindet.«

»Aha«, nickte Rabenmund bedächtig. »Aber andererseits tut doch Luidor seinem Verbündeten Danos keinen Gefallen, wenn er entweder seine Tochter aus Luring weg und nach Gareth holt oder ihren Namen sozusagen ›verbrennt‹, weil sie öffentlich als eine ausgestellt wird, die eben nicht von der Königin zur Staatsrätin bestimmt wird. Oder?«

»Da könnt Ihr Recht haben. Andererseits bin ich sehr sicher, dass die beiden Familien gemeinsame Interessen verfolgen. Ihr könnt das besser verstehen als viele, Rabenmund, denn auch Ihr entstammt einer sehr alten Familie, genau wie ich oder beispielsweise der Baron von Uslenried. Dem gegenüber gibt es zahlreiche Emporkömmlinge, die ihrerseits Allianzen zu besitzen scheinen. Ich weise da nur auf die Kreaturen aus dem Hause Ehrenstein hin oder auf die Krämer Quintian-Quandt.« Rondriane von Eslamsgrund redete sich langsam in Rage.

»Das ist hochinteressant, Rondriane! So habe ich das ganze noch gar nicht betrachtet!« Rabenmunds Augen funkelten. »Das bedeutet ja, dass die Ernennung des nächsten Staatsrates auch für diese – ich sage mal: Parteien – eine heiße Sache darstellt. Ich meine: für die Festigkeit der Bündnisse.«

»Ganz recht, Rabenmund. Hinzu kommt freilich, dass erst heuer, da die Krone ihre Aufsicht vernachlässigt, es überhaupt so diesen Parteiungen kommen konnte. Andererseits – schaut Euch doch an, wer vorher Staatsrat gewesen ist: Praiodan von Luring, Alwene von Hartsteen. Das sind die alten Familien!«

»Was meint Ihr, Rondriane, wird die Ernennung eins neuen Staatsrates womöglich ein politischer Schachzug Rohajas sein?«

»Wie meint Ihr das. Natürlich ist es das.«

»Nein, nein. Ich meine: Könnte sie den Adel Garetiens womöglich provozieren wollen?«

»Was meint Ihr, Rabenmund?«

»Stellt Euch doch vor, Rohaja würde ganz offensichtlich eine alte Familie bevorzugen, sagen wir Hartsteen. Dann hätte das doch wohl Auswirkungen auf die Bewertung der Natterndorner Fehde, nicht wahr? Selbst wenn Rohaja nur jemanden erwählte, der Hartsteen nahe steht oder von einem der ihren vorgeschlagen wurde, dann ist das doch eine politische Ausage für Hartsteen und gegen Quintian-Quandt!«

»Ihr habt Recht, Rabenmund. So hatte ich das noch nicht gesehen.«

»Und nun stellt Euch vor, es wäre so: Würde nicht sie oder die Perricumer Elster genau beobachten, wer sich wie rührte?«

»Das wäre allerdings ein ziemlich politischer Schachzug«, bemerkte Rondriane trocken.

»Und nun stellen wir uns vor, Rohaja würde einen Junker von Entengrütz zum Staatsrat ernennen. Dann wäre doch klar, dass es sich um ihre Mirhamionette handelt. Dass die Elster oder sie selbst den Familien das Heft des Handelns aus der Hand zu nehmen gedenkt! Ich nehme an, dass sie damit womöglich allen vor das Schienenbein tritt, die sich nicht wohl verhalten!«

»Ich glaube nicht, das sie uns so genau beobachtet.«

»Das vielleicht nicht. Aber stellt Euch vor, direkt nach der Bestellung des neuen Staatsrates würde Zankenblatt nach Syrrenholt einladen: Es wäre klar, worum es da ginge. Und fast ebenso klar, wie die dort versammelten denken!« Rabenmund versank in einem Brüten. Dann hob er den Kopf:

»Wisst Ihr was? Es erscheint mir sehr angebracht, mich mit meinen politischen Freunden lieber unauffällig zu versammeln. Da, wo die Elster vielleicht nicht so genau hinsieht und auch keinen schlimmen Verdacht schöpft, ich würde meinen Kopf konspirativ unter irgendeine Decke stecken!«

»Was meint Ihr, Rabenmund? Wie wollt Ihr vermeiden, dass Paligan – oder wer auch immer – misstrauisch wird, wenn sich mehr als drei oder vier garetische Adlige begegnen?«

»Das ist ganz einfach, Rondriane: Ich werde einfach einer Einladung folgen, die schon länger ausgesprochen ist, und zwar nach Greifenfurt! Ich wette, auf die Idee sind auch andere Adlige schon gekommen.«

»Genial, Rabenmund. Ich werd’s mir auch überlegen. Denn eigentlich hatte ich den weiten Weg nicht machen wollen. Aber wenn ich mir vorstelle, ein Ehrenstein würde Staatsrat werden – das würde mich sofort zur Konspiration treiben. Sofort. Und dann will ich schnüffelnde Nasen nicht in meinem Nacken haben!«

»Na dann: Prost, Rondriane!«

»Prost, Rabenmund!«