Ein einsamer Wanderer

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Ein einsamer Wanderer

Der - nun, in jenen Tagen war das mit Bezeichnungen so eine Sache. Andernorts verschwammen die Grenzen zwischen Landmann und Soldat, zwischen Reisendem und Vagabunden, zwischen Ehrenmann und Feigling. Hier waren es die Grenzen zwischen Jäger und Räuber. Aber da es auch nicht die Tage grundlosen Optimismus' waren, sind wir an dieser Stelle geneigt, bei der zweiten Bezeichnung zu bleiben und beginnen unsere Geschichte erneut.

Der Räuber hob die Armbrust und nahm den Wanderer auf dem Hohlweg unter ihm ins Visier.

"Was machst du da?" fragte sein Kamerad. "Bist du von allen guten Geistern verlassen?"

Er setzte die Armbrust wieder ab. "Dieser Kerl da", erklärte er, "ist allein. Er scheint bis auf dieses Paket unbewaffnet zu sein und er bewegt sich, als hätte er die letzte Nacht durchgesoffen."

"Ja, und? Der ist so ungefährlich wie ein Rotpüschel, warum ihn von hier oben abschießen und noch den guten Bolzen verschwenden?"

Der Schütze sah den Sprecher an, als sei dieser nicht ganz bei Trost. "Er ist bis hierher gekommen", erklärte er sich.

"Oh."

"Eben." Er hob die Armbrust wieder.

"Das Paket", sagte sein Kumpane, "ist ne Laute."

Aus der Nähe wirkte der Wanderer noch erbärmlicher. Seine Gestalt war ausgemergelt, als hätte er sich jede Unze Fleisch heruntergehungert. Seine Schritte waren untstet und schleppend, seine Kleider von Schlamm, Staub und altem Laub bedeckt. Man musste schon aúßergewöhnlich genau hinsehen um zu erkennen, dass die Fetzen der Weste und die zerschlissenen Reste eines Hemdes aus Brokat und Seide waren.

"Glaubst du, er ist ein Zombie?" fragte im Gebüsch der zweite Räuber jenen mit der Armbrust.

Dieser dachte nach. Die Gesichtsfarbe war zweifellos nicht die eines gesunden Menschen und auch die schleppenden Bewegungen mochten stimmen.

"Vater Gamoriel hat immer gesagt, in Praios Licht kann nichts Verderbtes wandeln."

"Ja. Nur wo ist Vater Gamoriel jetzt?"

"Guter Punkt."

"Also ist er ein Zombie?"

"Nein, ist er nicht."

"Warum nicht?"

"Zombies summen nicht."

Tatsächlich, jetzt deutlich hörbar, summte der junge Mann vor sich hin - etwas unstet zwar, doch unzweifelhaft meliodös.

"Na schön, er lebt. Bringen wir ihn um."

"Nein."

"Warum nicht?"

"Er summt und er hat eine Laute. Er muss Barde sein. Gewesen sein."

"Und darum lassen wir ihn am Leben?"

"Ja. Darum."

Der Wanderer, nun beinahe auf ihrer Höhe, hatte angehalten. Seine Augen durchforsteten suchend die Hecke, in dem sich die beiden Strauchdiebe verbargen.

"Er hat uns gesehen."

"Nein, er hat uns gehört."

Unschlüssig erhoben sich die beiden Räuber und kämpften sich, beinahe verlegen, die letzten Schritt bis zum Weg hinunter.

"Geld oder Leben!" forderte der zweite, in einem halbherzigen Versuch, die Form zu wahren.

Der junge Mann blickte ihn forschend an, als hätte er die Frage nicht gehört - oder als sei sie bedeutungslos.

"Leben", erklärte er dann schließlich.

"Was?" fragte der erste Räuber.

"Leben", wiederholte der Wanderer gleichgültig. "Geld habe ich keines mehr."

"Soo...", sagte der zweite Räuber gedehnt und sah - unschlüssig, wie er jetzt weiter verfahren sollte, zu seinem Kumpanen auf. Dessen Blick war, ohne dass es ihm selbst bewusst war, unverwandt auf das Wachstuchpaket mit der Laute gerichtet.

Es war eine Zeit, in der aus Menschen Wölfen wurden, aus Wölfen Hyänen, aus Hyänen Monstren, aus Monstren Dämonen. Es war keine Zeit, in der man viele Lieder hörte und obwohl an den Händen der beiden Männer genug Blut klebte, um in anderen Zeiten zum Himmel zu schreien, so war doch etwas in ihnen, das nach einem Kaminfeuer, einem Krug Spinatbier, einer Geschichte von wohligem Schaudern und einem Lied verlangte. Und nun, da eines dieser Dinge in Reichweite gelangt war, da brach sich dieser verbliebene Rest Menschlichkeit mit ungeheurer Wucht Bahn und riss Breschen in die Verhärtung, die sich um das Herz des Räubers gelegt hatten.

"Ein Lied, und wir lassen dich laufen", erklärte er mit trockenem Mund.

"Kannst auch einen Happen zu Essen haben, wenn's mir gefällt."

"Also spiel, Junge. Spiel mir ... spiel mir das Lied vom Tod."

Texte der Hauptreihe:
K1. Ein einsamer Wanderer
10. Pra 1028 BF zur mittäglichen Rahjastunde
Ein einsamer Wanderer

Kapitel 1

Autor: Lassan
Briefspiel.png Sieger im Wettbewerb Jahr der Geschichten

Dieser Briefspieltext wurde von den Spielern Garetiens, Greifenfurts und Perricums aus über 2.500 Briefspieltexten ausgewählt.