Ein Stift zu Ehren des Göttlichen Nandus - Ein Besuch in St. Ancilla

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Kloster St. Ancilla, 24. Firun 1034 BF

Edorian brachte sein Pferd vor dem großen Portal zum Stehen und betrachte die Fassade des Haupttores eine Zeit lang andächtig. Über dem mit Schlangenornamenten verzierten Portal war ein übermannsgroßes Relief in das Mauerwerk eingemeißelt, das die lehrende Hesinde vor einer Kinderschar zeigte. Darüber prangte das vergoldete Wappen des Klosters. Wahrlich, besser hätte man den Auftrag des Klosters nicht symbolisieren können, dachte Edorian. Dann glitt er behutsam aus dem Sattel und strich seine Robe glatt, während er sich zu seiner Mutter umwandte, die in diesem Augenblick ebenfalls ihren Zelter zum Stehen gebracht hatte. Gedankenverloren half er seiner ihr aus dem Sattel.

Wie lange war er schon nicht mehr hier gewesen? Eine lange Zeit; damals als er sein Noviziat am Pentagontempel absolviert hatte, war er gelegentlich hier gewesen, hatte die faszinierende Bibliothek besucht und sich daran erfreut mit neuen und unbekannten Dienern der Allwissenden zusammenzukommen, vor allem mit anderen Novizen. Die Geweihten und Novizen aus St. Ancilla waren immer etwas anders als die aus Gareth, Dere mehr zugewandt, meist auch in besserer physischer Verfassung und durch die gelegentlichen Expeditionen in die Brache zum Teil schon Dingen begegnet, über die ein Novize und auch der durchschnittliche Tempelgeweihte in Gareth höchstens las. Er hatte diese Herangehensweise an Hesindes Gaben immer geschätzt und wer weiß, ob er ohne diesen Denkanstoß je in die Welt hinausgegangen wäre?

Als er so seinen Erinnerungen nachging und ein Klosterdiener ihm die Zügel abnahm um sein Reittier in die Stallungen zu führen, riss ihn das Knarren des Portals in die Gegenwart zurück. Einer der breiten Torflügel hatte sich geöffnet und ein Geweihter mit braunen Haaren, in eine einfache grüne Tracht gekleidet, trat ihnen freundlich lächelnd entgegen.

„Hohe Herrin, euer Gnaden. Ich freue mich euch in St. Ancilla begrüßen zu dürfen, schon die Ankündigung eures Besuches erfreute den Abt, er ist zurzeit in seinem Studierzimmer. Wenn ihr es wünscht kann ich euch gleich zu ihm geleiten?“

Seine Mutter nickte zustimmend und sie folgten Bruder Linderhold durch das Portal in die Eingangshalle. Auch Bander war älter geworden, stellte Edorian fest und er hatte es weit gebracht. Er musste wohl in den letzten Zwanzigern stehen, war höchstens dreißig Jahre alt und in diesem Alter schon Präfekt eines Klosters von diesem Renommee. Das war beachtlich, besonders wenn man seine Geburt in Betracht zog, doch so etwas stellte für die Allwissende ein geringeres Hindernis dar für als andere der Zwölfe.

Sie durchschritten die mit Fresken geschmückte Eingangshalle und näherten sich einer kleineren Tür. Bruder Linderhold klopfte respektvoll, bezeichnete den beiden Besuchen einen Augenblick zu warten und trat ein:

„Hochwürden, die Hohe Herrin Yelinde von Weidenhoff-Karfenck und ihr Sohn seine Gnaden Edorian sind eingetroffen. Ihr wünschtet sie umgehen zu sehen.“

„Ja bitte Präfekt, lasst sie eintreten.“

Bruder Linderhold wandte sich in der Tür zu den Gästen um und gab ihnen ein Zeichen einzutreten.

Das Studierzimmer des Abtes Adran von Feenwasser wurde von einem wuchtigen Schreibtisch aus dunklem Holz beherrscht, an den Wänden reihten sich Regale mit Folianten, Codices und Schriftrollen aneinander. Ein verstohlener Blick machte Edorian neugieriger. Neben religiösen Schiften und Geschichtswerken fanden sich dort horasische Staatstheorie der gemäßigteren Sorte, die Biografien großer Kaiser und Herrscher und bosparanische Traktate zur Rhetorik. Nicht unbedingt was man erwartete hätte. Einige der Bücher zeigten auch gar keinen Titel oder verschlungene Kalligraphien in Nanduria, die für nicht Eingeweihte eher wie verspielter Dekor wirken mussten.

Der Abt war wohl gerade in eine Lektüre vertieft gewesen, doch schlug er beim Eintreten seiner Gäste sein Buch zu und erhob sich.

„Hohe Herrin, euer Gnaden, es ist eine Freude euch hier zu haben. Bitten nehmt doch Platz! Ich habe die Verlautbarung der Hohen Dame mit großen Interesse aufgenommen, ich hoffe doch alles schreitet zufriedenstellend voran?“

„In der Tat Hochwürden, mit der freundlichen Vermittlung der Geweihtenschaft des Ingerimm konnte ich einen sehr renomierten Baumeister für die Errichtung des Stiftes gewinnen, der zur gerade die nötigen Handwerker aus den garether Zünften rekrutiert. Mein älterer Sohn kümmert sich zur Zeit um die Beschaffung von Baumaterial und lässt dabei seine Kontakte zu schlunder Kaufleuten spielen. Was uns eher Sorgen bereitet ist die personelle Besetzung des Stiftes. Wie eure Hochwürden wissen sind die Geweihten des göttlichen Nandus in der Kaisermark, ja im ganzen Königreich, dünn gesät und während wir keine Schwierigkeiten haben sollten in einer Stadt wie Gareth geeignete Schüler und Novizen zu finden, gestaltet sich, aus oben genanntem Grund, die Suche nach fähigen Magistern sehr viel schwieriger. Wir haben schon erwogen auch Laien zu Lehrzwecken in das Stift aufzunehmen, doch Ihr werdet sicher einsehen, dass ein gewisser Grundstock an Geweihten imperativ ist.“

Als seine Mutter geendet hatte nutzte Edorian die Gelegenheit für einen Einwurf: „Des Weiteren Hochwürden, wird gerade ein Mann eures Verständnisses erkennen, welch ein diffiziles Problem die delectio des entsprechenden Priors darstellt. Auch wenn es im Horasreich eine Vielzahl geeigneter Kandidaten gäbe, was wir brauchen, wenn das Stift in Gareth gut angenommen werden soll, ist ein Prior, der sowohl mit den Gepflogenheiten der Kaisermark vertraut ist, als auch über gewisse relationes zu den bedeuten Gelehrten und namhaften Anhängern unserer causae verfügt. Tertio sollte eine gewisse Erfahrung in der Verwaltung einer sakralen Körperschaft vorhanden sein. Wissenschaftliche reputatio wäre eine weiter wünschenswerte Dreingabe. Summa summarum: Eure Prokuratorin wäre die ideale Kandidatin für uns!“

Der Abt hatte den Ausführungen der hohen Dame und ihres Sohnes mit Interesse verfolgt. Als sie geendet hatten erhob er sich behutsam von seinem Schreibtisch und ging ein paar Schritte zum Fenster hin und blickte hinaus. „Soso, an Schwester Esmeria sind die hohen Herrschaften also interessiert...“, er wandte sich nun wieder seinen beiden Gästen zu, „die Magistra bringt in der Tat alle genannten Voraussetzungen mit, die es für diese verantwortungsvolle Position benötigt ... nichtsdestoweniger würde ihr Ausscheiden hier im Kloster eine große Lücke hinterlassen. Zwar konnten wir kürzlich den renommierten Magister Hesindion von Rossreut gewinnen, aber Schwester Esmeria wird hier schwerlich zu ersetzen sein. So verstehen die hohe Dame und euer Gnaden sicherlich durchaus, dass ich mich hier in einem inneren Zwiespalt befinde.“ Nach einer Kunstpause fuhr der Abt fort. „Da ich aber von den edlen Zielen des Nandusstiftes überzeugt bin, will ich alles dafür tun um dieses Projekt voran zu treiben! Es wird Zeit, dass die Weisheit der Allwissenden und ihres halbgöttlichen Sohnes auch in Garetien Einzug hält. Daher will ich ich mich Eurem Anliegen nicht entgegenstellen und lasse sie – so es Schwester Esmeria wünscht – ziehen.“

Die Gesichtszüge der beiden Gäste aus Gareth entspannten sich sichtlich nach dem der Abt geendet hatte.

„Allerdings habe ich eine kleine Bedingung: Schwester Esmeria wird dem Kloster auch weiterhin als Magistra Extraordinaria zur Verfügung stehen, so müssen unsere Schützlinge nicht vollständig auf sie verzichten. Ich denke diese Personalie vereinfacht die zukünftige Kooperation zwischen dem Kloster und dem Stift ungemein, oder etwa nicht?“

„Wie könnten wir euch diese Bedingung abschlagen Hochwürden? Und in der Tat eine derartige Kooperation kann nur in unser aller Interesse liegen. Wenn ihr gestattet, würde ich ihr das Angebot gerne selbst unterbreiten.“

Die Hohe Dame sah den Abt fragend an.

„Selbstverständlich Bruder Linderhold wird euch zu ihr bringen.“

Während sich seine Mutter erhob und sich dem Abt noch einmal dankend verabschiedete, nahm Edorian, der sich ebenfalls erhoben hatte, das nächststehende Bücherregal in Augenschein. Kurzentschlossen wandte er sich zu den beiden um.

„Mutter bitte entschuldige mich. Wenn ich seiner Hochwürden von Feenwasser nicht zu sehr zur Last falle, würde ich gerne noch einen Blick auf seine exquisite Sammlung hier werfen. Ich denke es gibt eine Überschneidungen in unseren Interessen.“ Erwartungsvoll sah er von seiner Mutter zu Adran von Feenwasser, der ihm mit einer einladenden Geste zu verstehen gab sich keinen Zwang anzutun.

„Wie du meinst. Aber störe seine Hochwürden nicht zulange. Werter Abt ich fürchte noch vor heute Abend werdet ihr die Klostergarde anweisen müssen ihn vor die Tür zusetzen oder ihr könnt ihm gleich die Gelübte eurer Gemeinschaft ablegen lassen.“ Mit einem leichten Kopfschütteln nahm sie ihren Abschied.

„Euer Gnaden interessiert sich für tulamidische Philosophie, wie ich dem Buch in eurer Hand entnehme?“, wandte sich Adran von Feenwasser an den jungen Nandusgeweihten, als dessen Mutter den Raum verlassen hatte.

„Mit unter Hochwürden, doch mit Verlaub, mein eigentliches Interesse gilt den Büchern hinter euch ... oder vielmehr dem was sie über euch aussagen... Ich nehme an, dass ein Mann in einer Position wie der euren und mit euren, nun sagen wir einmal, Lesegewohnheiten, politisch sehr viel besser unterrichtet ist als ein einfache Geweihter wie ich und da wir beide wohl auf einer Seite stehen, vielleicht sogar sehr viel mehr als ich vor diesem Besuch annahm, möchte ich ganz offen zu euch sein. Weniger meine Mutter als vielmehr ich habe noch einen zweiten Geweihten im Auge.“ Während Edorian noch immer in dem Traktat in seiner Hand blätterte, bemerkte er, dass ihn der Abt mit zunehmendem Interesse beobachtete. Mit gesenkter Stimmer fuhr er fort: „Was können mir euer Hochwürden über die causa Gerheim erzählen?“

„Mein junger Nandusjünger, Ihr kommt forsch zur Sache... eine Eigenschaft die ich an Euch mag. Ein Mann in meiner Position hat die Pflicht politisch interessiert zu sein – ganz unabhängig von meinen Lesegewohnheiten - oder etwa nicht?“, der Abt trat einen Schritte näher an Edorian heran und fuhr mit gesenkter Stimmer fort. „Ich weiß nicht woher ihr Kenntnis von der causa Gerheimiensis bekommen habt, denn dieser Fall ist sehr delikat und kommt dem Spiel mit dem Feuer gleich – verbrennt Euch nicht daran, euer Gnaden!“ Der Abt schaute den Nandus-Geweihten warnend an, doch sein Gegenüber wirkte nicht verunsichert sondern vielmehr gespannt. „Nun gut, wie Ihr wünscht... Euer Bruder Gerheim wird seit geraumer Zeit von dem hochadligen Reichsrichter und Pfalzgrafen von Sertis auf der Kaiserpfalz Breitenhain festgehalten. Ich persönlich habe im Namen der Kirche der Allwissenden einige Hafterleichterungen erwirken können, allerdings erweist sich die causa auch für unsere Mutter Kirche als äußerst schwierig, da euer Gnaden Gerheim als ... sagen wir mal ...schwierig einzustufen ist. So sehr ich mir, wie Ihr, eine baldige Freilassung Gerheims erhoffe, sollten wir doch nicht übereilen, denn letztendlich ist er auf Breitenhain auch sicher ... vor Nachstellungen und vor sich selbst. Hier in Gareth können wir für seine Sicherheit nicht garantieren. Ich denke Ihr könnt Euch vorstellen wie der hiesige Adel auf das Wirken Gerheims reagieren würde, wenn er den Pöbel aufstachelt... Außerdem bin ich davon überzeugt, dass der göttliche Nandus einen Plan mit Gerheim verfolgt, nicht umsonst hat er ihn in das von Hesinde verlassene Waldstein geschickt. Ich kenne meine Heimat gut, junger Freund, Gerheim ist dort am richtigem Ort und wie ich hörte ist seine Saat bereits gesät.“ Der Abt schaute Edorian eindringlich in die Augen. „Handelt wohlüberlegt, euer Gnaden! Soviel ich weiss ist seine Schülerin Danah Thanner zur Zeit in Gareth...“ In normaler Lautstärke fügte der Abt hinzu. „Sollte Ihr noch weitere Unterstützer für Euren Nandusstift suchen, so kann ich Euch an den Baron von Viehwiesen verweisen, meine Nichte hatte kürzlich eine Audienz bei Baron Anaxios von Ochs und er hat ebenfalls Überlegungen geäußert in seiner Baronie eine hesindegefällige Schule zu errichten.“

Nun war Edorian doch etwas verunsichert. Dass ihm der Abt zur Vorsicht raten würde, hatte er schon erwartet, aber mit der Empfehlung die Sache ganz auf sich beruhen zu lassen, hatte er freilich nicht gerechnet. Natürlich sein Bruder im Glauben war sicher auf Pfalz Breitenhain. Von dem was Edorian vernommen hatte, behandelte man ihn traviagefällig und seines Ranges entsprechend. Doch die Annahme, dass der göttliche Nandus diesen Weg für einen seiner Jünger plante, schien ihm schwer vorstellbar - eingeschlossen in der Pfalz eines Mannes, der dafür bekannt war, dass seine Deregewandheit, an den Grenzen einer Grafschaft endete, deren Bevölkerung mit dem Wort Deregewandheit kaum etwas anfangen konnte, oder besser noch, mit der Vorstellung von Dere kaum etwas anfangen konnte, nun dass konnte Edorian kaum glauben. Verphext dieses Gespräch war mehr als ein wenig entäuschend gewesen. Nun immerhin hatte der Abt diese Schülerin Gerheims erwähnt wie war nochmal ihr Name gewesen Tamala ... nein Danah, das klang doch schon vielversprechender. Edorian nahm sich vor mehr über diese Dame herauszufinden. Nur wie sollte er an sie herankommen? Wenn sie wirklich in Gareth war, sollte man eine nandusgefällige Person schon finden können, es gab in Gareth einige Orte an denen solche Personen aufzutauchen pflegten und er kannte sie...

Mit einiger Mühe riss er sich aus seinen Gedanken und wandte sich dem Abt zu, der ihn nun schon eine Weile beobachtet hatte. Er blickte ihn immer noch voll Interesse an und mit einem Lächeln, dass auffällig verschmitzt wirkte wie Edorian fand. Wahrscheinlich machte er sich auch seine Gedanken. Wie dem auch sei, Edorian mochte diesen Mann und selbst wenn dem nicht so wäre, er schien einer der wichtigsten Verbündeten zu sein, den sie hatten.

Zu gerne hätte der Abt dem jungen Nandus-Geweihten geholfen, aus Edorians Augen sprachen jugendlicher Tatendrang und Idealismus... Er erinnerte Adran an ihn selbst, als er als junger Geweihter im Garether Hesinde-Tempel lebte. Aber die causa Gerheim war zu delikat, zumal die Ansichten des Nandus-Geweihten auch für ihn etwas zu weit gingen, die Zeit war noch nicht reif, so glaubte Adran. Oft hatte er mit Schwester Esmeria darüber diskutiert. Zum Abschluss schob der Abt Edorian ein kleines Pergament zu, es war eine Liste mit Herbergen in der Reichstadt Gareth. Eine davon war markiert: die Herberge Natterhort. „Ich denke, Euer Gnaden, dass wir von Euch hören werden“, der Abt lächelte väterlich.

Edorian verabschiedete sich höflich und unter Segenswünschen. Es war Zeit seine Mutter aufzusuchen. Er war gespannt wie sich seine Schwester im Glauben entschieden hatte