Ein Seufzen im Seufzer

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Im Seufzerturm der Burg Nymphenhall, kurz vor Sonnenuntergang.

Die Baronin saß im Musizierzimmer, welches ihr als Amtsstube für ihre Vogtei diente. Auf dem kleinen schmucken Tischchen lagen gesiegelte Dokumente und Berichte. Allerlei hatte sich in den letzten drei Monden ihrer Abwesenheit ereignet. Wie leider allzu oft wenn sie länger fernab der Baronie weilte. Sie blickte gedankenverloren durch das Fenster hinaus auf den Silvandornsee, dessen tiefblaue Oberfläche vom leuchtenden Rot der untergehenden Sonne durchzogen wurde. Ein farbenfrohes Spiel natürlicher Schönheit von Licht und Wasser, von dem sie sich verzaubern ließ. Für einen kurzen Augenblick war sie nicht die Gemahlin und Vögtin, Mutter und Tochter, sondern einfach nur Ondinai.
Sie wusste nicht wie lange sie sich diesem Traum hingegeben hatte, als ein lautes Klopfen sie daraus hinausriss. Sie atmete tief ein, das Mieder ihres samtblauen Kleides spannte sich und bat den Besuch herein.
Die Schwester ihres Mannes und Vögtin der Baronie stand in der Tür. Wie immer trug sie ein enges, schlichtest, schwarzes Kleid, allein die Säume und der Kragen mit feiner weißer Spitze verziert. Das Gesicht ernst und verkniffen, Augen und Mund schmal und bereits von tiefen Falten gezeichnet, welche die missgelaunte Natur Magnatas festhielten. Dabei hatte sie auch eine andere Seite, eine sehr familiäre Seite, welche jedoch nur die wenigsten je zu Gespür bekamen. Und welche durch das alles beherrschende Kalkül ihres Verstandes im Zaum gehalten wurde. Ondinai hingegen mochte ihre Schwägerin, da sie seit Anfang an ihr immer zur Seite gestanden hatte. Es gab nur eine Person die ihr noch wichtiger war, oder den sie vielmehr niemals hintergehen würde. Eine Person mit der sie manch Geheimnisse verband, von denen Ondiani nichts wusste, und eigentlich auch nichts wissen wollte.
Magnata schloss hinter sich die Tür und setzte sich auf den zweiten Stuhl, nachdem sie von dort ein paar Unterlagen sorgsam entfernt hatte. Ja, das Zimmer bot eindeutig zu wenig Platz.
Ihr Schwägerin kam wie so oft ohne Umschweife zur Sache:“ Ihr seht müde aus? Der Aufenthalt in Gareth war wohl sehr anstrengend. Ihr wart auch weit länger dort als erwartet.“
Ondinai lächelte: „Ja das war er. Ich hatte viel zu tun, und musste einiges regeln. Aber nun ist alles bestens.“ Und auch wenn sie Magnata mochte, sie würde ihr noch nichts erzählen von dem Junktertum Alfenmohn und ihren dortigen Bemühungen, und erst recht nicht davon, dass sie auf Seiten der Garether gegen die Chimären gekämpft hatte, welche der adelige Heerbann von Zwingstein von der anderen Seite angegriffen hatte. Die Helburger würden außer sich sein wenn sie davon wüssten. Doch sie als absolvierte Kriegerin konnte nicht in der Ferne weilen wenn ihre Heimat angegriffen wurde. Niemals hätte ihr Malepartus gestattet, sich dem Heerbann anzuschließen, und so focht sie auf Seiten der Bürger und Krieger der Stadt. Und auch wenn sich der Adel rühmte bei Zwingstein den Hauptangriff geführt zu haben, so waren die Kämpfe der Garether Miliz nicht weniger tapfer oder gefährlich gewesen. Unbewusst legte sich ihre Hand oberhalb ihrer linken Taille, dort war sie durch einen dieser monströsen Käfer verwundet worden. Und es waren ihre Heilung und Genesung, welche den Aufenthalt in Alfenmohn verlängert hatten. Nein darüber würde sie kein Wort verlieren: „Meine gute Magnata, erzählt mir doch lieber was sich in meiner Abwesenheit hier alles zugetragen hat. Die Dinge um den neuen Tempel des Kor haben sich ja regelrecht überschlagen.“
„Du wirst nicht begeistert sein. Es kam über den Tempel zum Bruch mit Escalia von Hahnentritt, dafür wiederum hat der Tempel nun eigenes Kirchenland in Fremmelsfelde, irgend so ein unbedeutendes Junkertum.“, und so erzählte ihr die höllenwaller Vögtin haarfein die Einzelheiten.
Ondinai hörte nur mit halbem Ohr zu. Ihre Gedanken kreisten noch immer um Gareth, dem Junkertum Alfenmohn, der Schlacht gegen Haffax letzte Horden. Da schienen ihr die Dinge um den Tempel überraschend belanglos. Zudem in der ganzen Melange der Ereignisse mit Sicherheit Malepartus seinen Nutzen gezogen hatte. Und immerhin, auf dem Tischchen lag die Überschreibung des Gutshof Dreisigackers an die Vogtei Silvadon, die Söldner wurden nach Grummbusch verlegt was ihr besonders behagte und der Gedanke das der Hofkaplan nun nicht mehr allgegenwärtig in Nymphenhall weilte erfreute sie besonders. Und Escalia, nun sie hatte sich die Jahre wenig bemüht Bindungen zu Gallstein oder Höllenwall aufzubauen. Irean von Gippelstein war diese Verbindung gewesen, diesen guten und so tapferen Mann der ihren Gemahl gerettet hatte. Ihr Verlust wog weniger schwer, die Verhältnisse innerhalb Eslamsgrund waren eh zerrüttet.
So nahm sie die Besitzurkunde des Gutshofes in die Hände und wandte sich an Magnata.“Ich möchte das du den Rat der Stadt einberufst und ihm von mir folgende Offerte überbringst.“
Die Höllenwaller Vögtin wirkte irritiert: „Was für eine Offerte?“ „Ich kann mit dem Gutshof nicht viel anfangen, zudem gehört er eigentlich zur Stadt und ich möchte, dass er auch wieder ein Teil davon wird. Meinem Wissen nach steht die Villa Griffelspitz immer noch leer. Es hat sich weder ein Käufer gefunden, noch haben du und der Stadtrat eine andere Verwendung dafür. Oder irre ich mich?“
„Nein?“
„Gut, dann biete ich den Gutshof zum Tausch gegen die Villa Griffelspitz. Einzelheiten müssen natürlich noch ausgehandelt werden.“
„Warum? Was willst du mit der Villa Griffelspitz?“
„Nun schau dich um, Burg Nymphenhall bietet nicht genug Platz und Gemächer um hier ordentlich alle Amtsgeschäfte abzuwickeln. Die Geldmittel unserer Baronie fließen in das Militär und dubiose Tempelprojekte. Die Villa wiederum ist das schönste und modernste Gebäude der Stadt, ja gar innerhalb der ganzen Baronie. Immerhin hat der alte Amato geschickt die alten Nymer um ihre Einnahmen erleichtert und sich einen kleinen Palast erbaut. Und zukünftig möchte ich meine Amtsgeschäfte von dort aus führen. Nymphenhall wird somit wieder mehr der Ort der Familie. Dies soll natürlich auch die Bande zwischen der Stadt und ihrer Vögtin stärken. Ich denke der Rat wird dem freudig zustimmen, oder was meinst du?“
„Er wird, da bin ich mir sicher“, und mit einem anerkennenden Nicken stand Magnata auf. An der Tür wandte sie sich noch einmal kurz an Ondinai: „Er wird nicht erfreut sein. Er ist es in letzter Zeit eh immer seltener. Auch wenn die Segnungen der Innocensier helfen, sein Grimm und seine gnadenlosen Umtriebigkeit sind schlimmer geworden. Was mit Sicherheit an diesem Nebachoten und auch an seinem neuen Adjutanten liegt. Ich wäre dir dankbar wenn du es ihm selber mitteilst.“
Ondinai nickte und die höllenwaller Vögtin verließ das Gemach. Ihr Blick wanderte wieder hinaus auf den See, die Strahlen waren verschwunden, nur noch der entfernte Horizont war erhellt. Sein dunkles Blau wirkte nun geheimnisvoll. Magnata hatte sie leider an etwas erinnert, was sie vor sich hin geschoben hatte. Der Rat des Raben hatte ihr wenig genützt, Malepartus würde dem niemals zustimmen, und auch der Mons würde das Kloster Marmonte niemals mehr verlassen. Ob und überhaupt somit die Noioniten helfen konnten war damit hinfällig. Ein weiteres dunkles Rätsel, würde sie je eine Lösung finden?
Sie erinnerte sich an die Nymer Chronik, welche sie sicher verwahrte, dort stand irgendwo geschrieben, dass jedes Wispern und Flüstern zum Wasser getragen wurde, jede Tat und jedes Wort am tiefen Grund für immer ruhte. Mit einem male sprang sie auf. Warum in aller Welt hatte sie nicht früher daran gedacht.

5. Eff 1040 BF zur abendlichen Tsastunde
Ein Seufzen im Seufzer
Neue Ritter braucht das Land

Kapitel 39

Schwarz sind unsere Seelen, Rot ist euer Blut
Autor: Malepartus