Dreihügeler Familienzusammenführung - Vergangenheit und Gegenwart

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Vergangenheit und Gegenwart

Waldstein, auf der Straße nach Greifenfurt, Mitte Praios 1036 BF

Wohl ein halbes Stundenglas war vergangen, seit Wulfhart die Räuber in die Flucht geschlagen hatte. Sein Knappe lag mit verbundenem Kopf im Zelt und auch sein Page war, nachdem er sich vom Schock des Angriffs erholt hatte schnell wieder eingeschlafen. Nun saß der Ritter am geschürten Feuer und ließ sich von Rahjamunde die eigenen Wunden verbinden. Vier hässliche tiefe Löcher hatte die Dornenkeule des Räubers in Wulfharts Arm hinterlassen, doch zu seinem Glück hatten die Knochen die Wucht des Schlages unbeschadet überstanden. Rahjamunde wusch die Wunden vorsichtig mit dem klaren Wasser des Baches aus, bevor sie den Arm mit den Streifen eines zerschnittenen Leinentuches notdürftig verband.

"Ich fürchte, das ist alles was ich im Moment tun kann. Es sollte die Blutung stillen, aber wenn wir in Kressenburg sind, solltet Ihr trotzdem einen Geweihten aufsuchen." Die junge Edeldame klang ehrlich besorgt.

"Das ist mehr als gut genug, ich danke Euch." Wieder bewegte Wulfhart probeweise den Arm, doch mehr um auszuprobieren, ob der Verband seine Beweglichkeit einschränkte. Mit den Schmerzen konnte der erfahrene Ritter umgehen, aber da sie noch einige Tage durch den Reichsforst reiten würden, wollte er bei einer ähnlichen Überraschung nicht behindert sein. "Wie kommt es, dass Ihr Euch so kunstfertig auf die Versorgung von Wunden versteht? Habt Ihr neben Eurer Lehre bei den Schmieden auch noch Unterweisungen eines Peraine-Priesters gehabt?"

"Nein, das nicht." Rahjamunde errötete ob des Lobes. "Aber im Hause meines Meisters in Wandleth hatten wir ein kleine Truhe mit Verbandszeug und Salben. Die Arbeit in einer Schmiede ist nicht ungefährlich wenn man nicht weiß wo man seine Hände besser nicht haben sollte. Brandwunden, Quetschungen und Schnitte sind gar nicht so selten, vor allem bei den jungen Lehrlingen. Mein Meister war darauf bedacht, dass jeder in seinem Haushalt wusste was in einem solchen Fall zu tun ist."

"Sehr löblich und vor allem nützlich, ohne Frage." Wulfhart nickte anerkennend und setzte sich dann bequemer ans Feuer, wobei der den verletzten Arm auf sein Bein bettete. "Dieses kleine Kästchen das Leuthardt den Räubern wieder abgejagd hat", wechselte er das Thema, "mir schien, es bedeutet Euch sehr viel."

Verlegen schlug die junge Maid eine Hand vor den Mund und senkte den Blick zum Feuer. "Es ist nichts, wirklich. Zumindest nichts von großem Wert. Es ist ein einfacher eherner Reif, welchen ich zum Abschluss meiner Lehre angefertigt habe. Mein Gesellenstück...", endete sie leise. Behutsam griff sie nach dem blutverschmierten Kästchen. Nach kurzem Zögern reichte sie es Wulfhart und forderte ihn mit einem stummen Nicken auf es zu öffnen.

Dem Ritter war es, nun da er wusste um was es sich handelte, ein wenig peinlich so indiskret gefragt zu haben. Doch kam er Rahjamundes Aufforderung nach und drehte das Kästchen in den Schein des Feuers um den Inhalt besser sehen zu können. Wie sie gesagt hatte, fand er einen Stirnreif aus Bronze darin und tatsächlich waren weder Gold noch Silber an ihm. Doch das Metall war mit hoher Kunstfertigkeit verziert worden. Der Reif stellte zwei ineinander verwobene Zweigen dar. Wulfhart erkannte feinste Blätter und die nachgeahmte Maserung von Rinde die aus dem Metall herausgearbeitet worden waren. In der Mitte des Reifes saß, umgeben von einem Ring aus feinsten Blütenblättern, ein kleiner hellroter Granat, dessen Schliff den Schein des Feuers einfing und ihn wirken ließ, als würde eine kleine Glut in dem Stein brennen.

Sprachlos betrachtete der Ritter den Reif eine geraume Zeit, fasziniert vom Lichtspiel des Feuers. Durch sein langes Schweigen verunsichert, rutschte Rahjamunde unbehaglich auf ihrem Platz herum. "Wie ich sagte, nur ein einfacher Reif, gerade gut genug für eine Bürgertochter." Sie nahm an, er wäre zu höflich seine Kritik gerade heraus zu äußern und suche nun nach Worten ihr seine Meinung schonend beizubringen.

"Der Reif einer Bürgertochter...", murmelte er leise vor sich hin, während er das Stück noch ein wenig länger betrachtete. Rahjamundes Verunsicherung nahm er in diesem Moment gar nicht wahr, jedoch verstand er in diesem Augenblick den Hintergrund des Vergleichs den die junge Frau vor einigen Tagen nach ihrem Besuch in Gareth angebracht hatte. Endlich sah er wieder zu Rahjamunde auf und blickte sie voller Bewunderung an. "Dieser Reif ist nicht der einer einfachen Bürgerlichen. Er gebührt einer Edeldame und wird Euch wahrhaft gut zu Gesicht stehen."

Verschämt wandte Rahjamunde ihr Gesicht vom Feuer ab. Sie spürte ihr Gesicht heiß werden und schämte sich ob des unerwarteten Lobes. "Sagt so etwas nicht, werter Wulfhart. Ich werde im Leben keine Edeldame sein. Mag meine Mutter inzwischen auch Junkerin sein und sich Perlvögtin nennen dürfen, so bin ich doch nichts als der unscheinbare schwache Sproß einer Bastardlinie und völlig aus der Art geschlagen noch dazu. Für eine Edeldame bin ich wahrhaft nicht geschaffen." Ein Hauch von Bitternis schwang in ihrer zittrigen Stimme mit. Deutlich hatte sie die Kränkungen und Zurückweisungen vor Augen die sie als kleines Mädchen von ihren Altergenossen hatte erfahren müssen, weil sie stets zu zart und schwach für die ausgelassenen Spiele der Nachbarskinder gewesen war. Zwar hatten die bösen Worte nachgelassen, als ihre starke jüngere Schwester alt genug gewesen war sie zu verteidigen, doch wurde sie fortan von fast allen einfach ignoriert was noch schwerer zu ertragen gewesen war als die pöbeleien. Mochte sie mit ihrem Weg als Handwerkerin auch später glücklich geworden sein, so hatte sich die in der Kindheit erfahrene allgemeine Ablehnung doch tief in ihre junge Seele gefressen und eine Wunde hinterlassen, die schmerzte wenn man daran rührte.

"Rahjamunde, bitte schaut mich an. Seht mir ins Gesicht und wisst, dass ich die Wahrheit spreche." Wulfhart wartete, bis die junge Frau sich gesammelt hatte und sich überwand ihn anzusehen. Die Röte ihrer Wangen war selbst im diffusen Feuerschein nicht zu übersehen. Der Ritter zögerte einen noch Moment, doch schließlich gewann das Gefühl die Oberhand, dass die Götter selbst hier ihre Finger im Spiel haben mussten. "Rahjamunde, ich weiß nicht woher Eure geringe Meinung über Euch selbst herrührt. Jedoch kann ich Euch aus tiefstem Herzen versichern, dass Ihr für solche Selbstzweifel nicht den geringsten Anlass zu haben braucht. Der Herr Ingrimm hat Euch über die Maßen gesegnet, wie ich an diesem Kleinod hier unschwer erkennen konnte." Vorsichtig schloss er das Kästchen mit der Stirnreif und legte es achtsam beiseite. "Dazu habt Ihr das Herz am rechten Fleck und wisst zuzufassen wo Euer Wissen und Eure Fähigkeiten nützlich sein können", sprach er weiter, wobei er auf den frischen Verband an seinem linken Arm deutete. "Und zum guten Schluss seid Ihr von solch einem zarten Liebreiz, wie ich ihn seit meiner guten Holdwiep, Travia hab sie selig, nicht mehr erblickt habe. An Euch ist alles was es bedarf um Eurem Stand als Edeldame gerecht zu werden und nicht zuletzt auch das Herz eines gestandenen Ritters im Fluge für Euch zu gewinnen."

"Wulfhart, Ihr macht mich schaudern." Wieder senkte Rahjamunde den Blick und starrte auf den Waldboden. Ihre Gefühlswelt geriet von einen Moment zum nächsten völlig aus den Fugen. Obgleich die Worte des älteren Ritters ihr schmeichelten und ihr wohltaten, fürchtete sie sich doch davor ihm länger in die Augen zu schauen. "Wie kommt Ihr nur dazu mir derart zu schmeicheln." Ein leichter Tadel lag in ihren Worten, der schärfer klang als sie es beabsichtigt hatte.

"Ich hatte gehofft, dass Ihr mich im Laufe unserer gemeinsamen Reise besser einschätzen könntet, als mich für einen Schmeichler zu halten." Er verbarg die aufkeimende Enttäuschung über Rahjamundes zurückweisenden Worte. Stattdessen ließ er sein Herz sprechen, denn er hatte das Gefühl es würde ihm in der Brust zerspringen wenn er es nicht täte. "Meine Worte sind so wahr wie mir die Zwölfe heilig sind. Ihr mögt nichts dazu getan haben, dennoch gehört Euch allein mein Herz, liebste Rahjamunde. Vom Augenblick unserer ersten Begegnung an habt Ihr mich verzaubert und nun ist es mein innigster Wunsch, dass Ihr mit mir den Travia-Kreis beschreiten mögt."

Die junge Frau schwieg. Wulfharts Ansinnen hatte sie vollkommen überrascht. Auf ihrer gemeinsamen Reise war er für sie wie ein väterlicher Freund geworden, jemand dem sie Vertrauen schenken konnte. Doch nun da er es ausgesprochen hatte, spürte sie auf einmal den geheimen, ihr verboten vorkommenden, Wunsch nach mehr. Viel zu verworren waren ihre Gedanken, als dass sie einen davon klar hätte fassen können. Nach langen Minuten des Wartens, in denen der Ritter geduldig neben ihr ausharrte, wurde ihr die sich ausbreitende Stille aber doch unheimlich.

"Lieber Wulfhart, ich bitte Euch nicht hier und jetzt auf eine Antwort zu beharren." Sie sprach sehr zögerlich und unsicher, wollte sie den Ritter doch in keinster Weise verletzen. "Ihr sollt wissen, dass ich mich durch Euer Ansinnen sehr geehrt fühle. Doch kommt es für mich sehr überraschend und ich bitte Euch um ein wenig Zeit, damit ich in Ruhe über Eure Worte nachdenken kann. Ich erkenne, dass es Euch ernst damit ist, deswegen will ich Euch keine übereilte Antwort geben die dieser Ernsthaftigkeit nicht würdig wäre. Bitte seid mir deswegen nicht gram", fügte sie fast kleinlaut hinzu.

Wulfhart traute der Festigkeit seiner Stimme nicht und so beließ er es dabei, ein wenig von Rahjamunde abzurücken und seinen Blick auf das Feuer zu heften. Die Edeldame erhob sich fast hastig, hauchte ein "Gute Nacht" und begab sich eilig zum Zelt. Schlaf sollte sie in dieser Nacht keinen mehr finden. Der Ritter aber blieb vor dem herabbrennenden Feuer sitzen und betrachtete bis zum Sonnenaufgang versonnen die immer schwächer werdende Glut.

14. Pra 1036 BF
Vergangenheit und Gegenwart
Unruhige Nachtruhe

Kapitel 8

Heimkehr
Autor: Keilholtz