Drei Krähen und ein Räblein – Totentanz

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Ritterherrschaft Praiosborn, Donnerhof, Mitte Efferd 1042

Die Kammer wurde lediglich von einer Laterne erhellt. Auf einem großen Bett lag eine Frau und das erste, was Nurinai von ihr sah, war ihr gewölber Leib. Sie eilte an das Kopfende des Bettes, doch Nella war schneller. Das Mädchen strich ihrer Mutter das feuchte Haar liebevoll aus der mit kaltem Schweiß bedeckten Stirn und raunte ihr leise zu: „Ich habe ihro Gnaden Nurinai mitgebracht. Sie wird sich um dich kümmern. Sie kann das, das weiß ich. Wenn eine dir helfen kann, dann sie.“

„Nella?“, seufzte die Frau mit flackernden Lidern leise, „Meine Nella... mein Kind...“

Die Geweihte rang sich ein Lächeln ab, drückte die Hand der Schwangeren fest und erklärte mit ruhiger und warmer Stimme: „Ich bin Nurinai. Ich werde dir helfen. Sei ohne Furcht.“

„Nella“, wisperte die Frau jedoch nur, „Nella... meine Nella...“

Das Mädchen hauchte ihrer Mutter einen Kuss auf die Stirn und blickte erwartungsvoll zu Nurinai.

„Geh zu Scanlail“, bezog diese nun Nella ein, „Hilf ihr dabei mein Gepäck hier herein zu bringen. Ich brauche alles. Anschließend brauche ich heißes Wasser und saubere Tücher.“

Pflichtbewusst nickte Nella und eilte davon. Nurinai wollte gerade den Bauch der Schwangeren betasten, da bemerkte sie, dass sie nicht alleine im Raum war.

„Ich... ich bin Palinai“, stellte sich die junge Frau schüchtern vor. Ihr Haar wirkte zerzaust und sie sah erschöpft aus, hatte dicke Ringe unter den Augen und war erschreckend blass.

„Bist du die Hebamme?”, wollte Nurinai wissen und betastete gekonnten den Bauch mit dem Ungeborenen, wobei sie versuchte die Lage des Kindes auszumachen, zu einem rechten Schluss kam sie nicht: Irgendwie war da alles... durcheinander, nichts passte so recht zusammen. Irgendetwas war hier ganz und gar nicht in Ordnung, aber das hätte sie auch von Weitem sagen können...

„Nein“, erwiderte Palinai leise und beobachtete aufmerksam das Tun der Geweihten, „Die Hebamme kommt nicht in unser Dorf.“

„Was soll das denn heißen?“, entfuhr es Nurinai, „Ihr werdet doch eine Hebamme im Dorf haben oder eine andere kundige Person, die ein Kind auf die Welt holen kann. Eine Geweihte vielleicht sogar. Hast du Kinder?“

Sie schüttelte ihren Kopf.

„Was machst du dann hier?“

„Ich kann sie doch nicht alleine lasse“, verteidigte sie sich erschöpft, „Wenn man geboren wird ist man nicht allein und wenn man stirbt sollte man folglich auch nicht alleine sein. Es waren auch noch andere...“

„Und wo sind die geblieben?“

„Sie sagten, es sei hoffnungslos”, sie zuckte mit den Schultern.

Nurinai schnaubte verächtlich, legte ihren Kopf gegen den Bauch und versuchte einen Herzschlag auszumachen, aber sie hört nichts.

„Sie haben alles versucht, Euer Gnaden. Ich war dabei, ich hab es gesehen. Sie haben alles versucht, aber nichts hat geholfen. Und das Kind... das Kind ist tot. Es lebt nicht mehr. Sie haben es genauso gemacht wie Ihr, aber sie hörten keinen Herzschlag mehr.“

Auch Nurinai hörte keinen Herzschlag.

„Wie lange geht das schon so? Wie lange liegt sie in den Wehen.“

„Zwei Tage.“

„Zwei Tage?“, wiederholte die Geweihte vollkommen fassungslos, „Und warum hat niemand nach mir geschickt? Warum wolltet ihr sie lieber sterben lassen?“

„Verzeiht Euer Gnaden, aber ihr seid eine Boron-Geweihte...“

„Und daher tauge ich wohl nur dazu, Tote zu verscharren? Glaubst du das?“

„Ich... ich... ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll, Euer Gnaden. Könnt Ihr denn ein Kind auf die Welt holen?“

„Es ist nicht mein erstes mal“, stellte sie klar, „Ich weiß, dass es vielen noch Überwindung abverlangt, einer Boron-Geweihte das eigene Leben anzuvertrauen, doch der Tod, Palinai, verpflichtet einen auch für das Leben, denn mein Herr schätzt es ganz und gar nicht, wenn Golgari einen allzu früh holen kommen muss...“

In diesem Moment betraten Scanlail, Lorine und Nella den Raum. Ein jede von ihnen trug ein kleines Kästchen bei sich, welche sie nacheinander auf einer Truhe platzierten.

„Ich werde einige Zeit brauchen“, hob die Geweihte an, „Ich muss... mir erst einen Überblick verschaffen. Ich werde wahrscheinlich Marbhán brauchen.“

Scanlail nickte verständnisvoll und schob die neugierig guckende Lorine mit sich aus dem Zimmer heraus. Nella unterdessen setzte sich auf das Bett, bettete den Kopf ihrer Mutter in ihren Schoß. Ein merkwürdiges Bild, dass man andersherum gewiss erwartet hatte, doch so?

„Normalerweise hätte ich ihr angeboten, bei mir die Lebendbeichte abzulegen, aber angesichts der Umstände...“, erklärte die Geweihte ihrer Gegenüber, sprach dabei aber mehr zu sich selbst. Erneut versuchte sie die Lage des Ungeborenen zu beurteilen, doch erneut kam sie zu keinem Schluss. Erneut stellte sie nur fest, was sie ohnehin schon wusste: Das etwas nicht stimmte.

Dann hob sie ihren Blick und schaute Palinai direkt an: „Wir müssen das Kind auf die Welt holen! Nur so werden wir ihr Leben retten können.“

„Ich will euch so gut unterstützen, wie ich kann, Euer Gnaden“, versicherte die junge Frau und nickte zögernd, „Aber ich verstehe davon nichts...“

„Manchmal ist es besser, nicht alles zu verstehen“, erwiderte Nurinai da nur, „Wir werden ihr jetzt etwas gegen ihre Wehen geben, gegen ihre Schmerzen und etwas, dass ihr das Bewusstsein trüben wird.“

Aus ihren Kischen zog sie dazu verschieden Fläschchen und Döschen heraus, deren Inhalt sie miteinander mischte. Palinai überließ sie es, der Schwangeren das ganze zu verabreichen. Dann versuchte Nurinai die Seele des Kindes den Göttern anzuempfehlen. Mehr als ein Versuch blieb es jedoch nicht, denn sie spürte nichts von der göttlichen Kraft in sich, nicht einmal ein winziges bisschen und das in Anbetracht der Tatsache, dass das bisher bei allen Ungeborenen stets funktioniert hatte. Es war ihr, ja es war ihr, als hätte dieses Kind - so abwegig es auch klag - gar keine richtige menschliche Seele… Nur wenn es keine richtige menschliche Seele hatte, dann war es auch kein richtiger Mensch und wenn es kein richtiger Mensch war, was sollte es denn dann sein? Ein Tier etwa? Oder weigerte sich die Götter sogar sich dieser Seele anzunehmen?

Nurinai schüttelte sich und schüttelte die trüben Gedanken gleich mit ab. Scanlail brachte das Wasser und nahm Nella mit. Sie nahm das Mädchen einfach mit, es bedurfte keiner Worte. Sie nahm sie bei der Hand, führte sie nach draußen und schenkte ihrer Schwester ein mutmachendes Lächeln.

Sie wusch sich die Hände. Wusch die Instrumente. Alle bis auf eines. Das holte Nurinai zum ersten mal aus seinem strahlend weißen Leinentuch.

„Was ist das?“, fragte Palinai schaudernd.

Marbhán“, antwortet Nurinai und betrachtete das makellose Instrument in ihren Händen. Es war nicht sonderlich groß, bestand aus zwei parallel verlaufenden hohlen Metallstäben, an deren Ende sich ein abgerundeter Kopf mit zwei Austrittsöffnungen befand. Durch die hohlen Stäbe schob die Geweihte einen schmalen, auf einer Seite gezackten Draht, dessen Zacken an die einer Säge erinnerten. „Sie heißt Marbhán.“

Die junge Frau schluckte: „Was heißt das?“

„Es steht für den Zustand zwischen Leben und Tod.“

Palinai atmete schwer: „Das... das klingt... schrecklich!“

„Das ist es auch“, erwiderte die Geweihte und raubte ihrer Gegenüber jede Hoffnung auf ein gutes Ende, „Nun schlag das Buch auf und blättere die Seiten um, bis ich Halt sage.“

Das tat die junge Frau auch. Blätterte sich durch ein Buch voller Abbildungen, die sie lieber niemals in ihrem ganzen Leben gesehen hätte, voller Scheußlichkeiten, Verderben und Tod.

„Halt“, sagte die Geweihte, „Eine Seite zurück bitte.“

Palinais Nackenhaare stellte sich auf. Sie schluckte, blätterte aber eine Seite zurück. Dann wurde sie blass.

„Das könnt Ihr... Ihr doch nicht tun“, wisperte sie mit trockener Kehle und stetig leiser werdender Stimme, „Es... es... zer... teilen!“