Die mit Giganten ringen - Alfred und Palinai auf Kaltengrundt

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Dramatis Personae

Kaltengrundt, Ende Phex 1033 nach den Geschehnissen auf dem Sturmfels

Palinai von Isenbrunn trat ihm mit einem Lächeln entgegen. „Welch eine Freude euch wieder hier begrüßen zu dürfen Leutnant Alfred Beradje, und dieses Mal ganz ohne den Anlass, dass angeblich ein Ungeheuer sein Unwesen bei uns am Darpat treibt.“

Das Lächeln ließ ihr Gesicht warm erstrahlen. Die Frau am Ende ihres vierten Jahrzehntes bedeutete ihrem Gast ihr doch zu folgen. Wie schon bei seinem ersten Besuch hatte man ihn erst in ein Empfangszimmer unweit des Einganges gebracht. Ihre Augen, die deutlich von den Wurzeln Leomaras Augen kündeten, musterten ihn unauffällig. Scheinbar überlegte sie was wohl der Anlass für seinen Besuch war.

„Es ist ein solch schöner Tag, wollen wir uns nicht am Anblick des Darpats erfreuen?“ Sein nicken genügte ihr, um wie selbstverständlich die Führung zu übernehmen und ihn aus dem Gemäuer heraus in die strahlende Sonne zu geleiten. Auf dem Weg wies sie noch einen Bediensteten an in der Küche Bescheid zu geben, dass man ein wenig Obst und Wein ans Wasser bringen solle.

Ein Pfad entlang der Mauer führte sie zurück zum Tor, von wo aus sie einen gut ausgetretenen Pfad am Ufer des Stromes entlang ging. Sie zweigte nach wenigen Schritten auf einen Bohlenweg ab, der mitten ins Schilf führte. Dort angekommen konnte er das vermeintliche Ziel schnell aus machen. Eine Art Pavillon war dort im Flachwasser errichtet worden. Ein Dach schützte vor allzu heftigen Strahlen oder Regen, und in der Mitte war ein einfacher Tisch mit zwei Bänken aufgestellt. Ihm war sogleich aufgefallen, dass man hier einen guten Blick darauf hatte, ob man zum einen beobachtet oder gar belauscht wurde.

„Setzt euch doch, sicher seid ihr froh nach der Reise vom Sturmfels einmal wieder ausruhen zu können.“ Die Altjunkerin selbst setzte sich ihm gegenüber auf die Bank.

Alfred schien das Willkommen der Junkerin sehr wohl zu schätzen. Er beobachtete aufmerksam die Umgebung – ob nun eher neugierig oder fachmännisch der Kriegskunst entsprechend - war nicht wirklich ersichtlich und vermutlich auch einerlei. Seinen Kusliker Säbel legte er nun ab und stellte ihn an eine passende Stelle innerhalb der Reichweite seines gewählten Sitzplatzes. Fast schon entschuldigend sagte er während dieser Bewegungsabfolge mit einem leichten Schmunzeln zu Palinai, „Verzeiht, das ist wohl eine Angewohnheit, die ich nie werde ablegen können.“

Palinai winkte leicht mit der Hand ab, diese Angewohnheit schien sie keineswegs zu stören.

Er atmete tief durch und meinte dann, „Ein wahrlich schöner Platz ist dies, Euer Wohlgeboren. Das leise Geräusch, welches der vorbei fließende Strom erzeugt, das Platschen der Wellen. – es erinnert mich an meine Heimat, in der ich schon lange nicht mehr war.“

„Ich hoffe eure Aufgaben im Orden lassen es einmal wieder zu, dass auch ihr eine Reise in eure Heimat einrichten könnt. Die Wurzeln, die man in jungen Jahren ausbildet, sind mächtig, lasst euch das von einer alten Frau wie mir gesagt sein.“ Sie lächelte ihn verschmitzt an, als sie das sagte.

„Vielen Dank, dass Ihr so kurzfristig für mich Zeit gefunden habt. Die Geschichte um und auf dem Sturmfels war wirklich interessant und hat ja nun auch dazu geführt, dass mit Hochgeboren Korhilda ein Auswärtiger den Titel der Baronin erstritten hat.“

„Ja Leomara ist ja leider sehr angeschlagen zurück gekehrt–körperlich, gesehen- und hat mir bereits berichtet was dort oben alles passiert ist. Es gibt schon wundersame Dinge, die man bisweilen gar nicht ganz fassen kann. Dieser Mann, aus dem der Berg gesprochen hat beispielsweise…!“ Ihr Blick ging in Richtung des Gebirges in ihrem Rücken.

Leise Schritte kündeten auf knarrenden Bohlen das Nahen einer Bediensteten an. Eine Karaffe mit Bechern, und ein Teller mit Obst wurde auf den Tisch gestellt. Palinai entließ die Magd, und goss selbst ihrem Gast und sich ein, was von diesem mit einem höflichen „Danke“ quittiert wurde.

Die Gastgeberin wollte ihm wohl Zeit geben sich zu sammeln, denn sie setzte sich geduldig wieder auf ihren Platz nachdem sie ihm den Becher gereicht hatte, und blickte hinaus auf das Wasser.

Alfred nutzte die Zeit, die sie ihm gab. Es war für den Streiter des Zornesordens eine mehr als Willkommene Abwechslung. „Die Geschehnisse auf dem Berg lassen wohl keinen unberührt, der diese erlebt hat“, sagte er schließlich. Die Prüfungen waren mannigfaltig und doch ging die wahre Bedrohung nicht vom Berg aus, sondern von der Angroscha, die unsere Seilschaft anführte. Ich bin mehr als nur froh, dass Eurer Tochter nichts an Leib und Seele widerfuhr was mit der Zeit wieder zu heilen vermag. Sie ist eine tapfere Frau und reicht ihrem Stand zu Ehre.“ In der Betonung, wie der knapp über 40 Götterläufe dies sagte, klang es als ob ein stolzer Schwertvater sein Urteil sprach.

Sie nickte ihm zu, und er sah, wie sie sich über das Lob aus seinem Munde freute. Stolz lag auf ihrem Gesicht.

Schließlich entschied sich Alfred für eine recht direkte Eröffnung, „Dies ist in Ort zum Wohlfühlen, Euer Wohlgeboren und doch ist uns, Eurer Tochter und auch mir so, als ob Euch eine Last plagt. Euer Volk hat Euch schon länger nicht mehr bei offiziellen Anlässen gesehen – ich hatte etwas Zeit mit den Menschen zu sprechen und die Geschäfte überlasst Ihr Eurem Sohn, der seine Ziele strebsam verfolgt.“ Einen Moment pausierte der Leutnant und fragte dann, „Fühlt Ihr Euch hier wohl?“

Die so angesprochene fixierte ihn nun scharf. Ihre Ruhe hatte sie, wenn er den Ausdruck in ihren Augen recht deutete mit einem Schlag verloren. Sie wirkten wachsam.

„Wie ich vorhin schon andeutete, so ist es mit zunehmendem Alter doch immer wichtiger wo man ist. Dort wo man hingehört, in die Nähe seiner Kinder und an die Seite des Gatten.“

Sie machte eine kurze Pause, in der sie begann eine Frucht zu pellen, was sie sehr akribisch tat. „Was das Amt als Junkerin von Kaltengrundt angeht. Es war an der Zeit, dass Quanion die ihm anstehende Aufgabe übernimmt. Man sollte nicht damit warten, bis das Schicksal zuschlägt, damit der Jugend ihre Möglichkeiten sich zu beweisen, gegeben werden. So können wir ihm noch immer mit Rat und Tat zur Seite stehen.“ Vorsichtig begann sie ein Stück der Frucht zu kauen, bis sie damit zu Ende war schwieg sie. „Warum fragt ihr? Gibt es…Gerüchte?“

„Nun ja, nur die üblichen, wenn jemand, in diesem Fall die Bürger Gnitzenkuhls, schon lange nichts mehr von einer Person der Obrigkeit gehört hat. Ich würde sagen, sie rätseln ein wenig, wie es um Euch steht, wobei die Gespräche noch nicht sehr augenfällig sind.“ Alfred stockte einen kurzen Moment. „Sicherlich ist es verantwortungsbewusst, einen jungen Menschen schon früh an seine Aufgaben heranzuführen und ihm Verantwortung zu übertragen. Er macht seine Aufgabe als Junker Gnitzenkuhls bestimmt gut.“ Alfred nahm einen Schluck aus seinem Becher.

„Sicherlich habt Ihr Kenntnis davon, dass Unswin von Keilholtz, Ritter und Krieger im Orden des Zorns um die Hand Eurer Tochter angehalten hat. Da Unswin einst mein Edelknappe war und uns nun, da er voll und ganz in Amt und Würden, mir ein guter Freund geworden ist, konnte ich nicht umhin zu erfahren, dass es nicht auf ungeteilte Freude stieß, dass Unswin Eure Tochter freien möchte.“ Für einen Moment war Alfred unsicher, was er sagen sollte fügte schließlich abschließend an „Ist es Eurer Meinung nach zu befürchten, dass die Gegner dieser Verbindung zu Druckmitteln greifen würden, um diese zu unterbinden?“

Für einen Moment konnte er hinter die Fassade der Frau blicken, die sich so formvollendet um sein Wohl gesorgt hatte. Sie hatte kurz die Tischkante umklammert und in ihren Augen stand der Zweifel darüber geschrieben, was er wohl wissen mochte über die Geschichte ihrer Familie. Doch dieser Moment währte nur kurz.

„Leomara ist unsere einzige Tochter. Schon früh hat sie einen schweren Schicksalsschlag verkraften müssen. Orelan von Perricum, ein Geweihter der Leuin, ist an Rondras Tafel gegangen, und hat sie als gebrochene Frau hier zurück gelassen.“

Ihre Hände verkrampften sich unbewusst bei der Geschichte, und es wirkte fast so, als ob ihr diese Geschichte, oder vielleicht ihr eigener Bezug dazu, erneut Kummer bereiten würde. „Sie hat sich wieder auf gerappelt, und nach einige Zeit der Ruhe war es an uns, nach weiteren geeigneten Männern Ausschau zu halten, die ihr eine gesicherte Zukunft bieten könnten. Quanion war dabei meinem Mann behilflich. Doch ihr kennt sie ja, keiner der Männer hat es vermocht sie derart zu…beeindrucken, dass sie willens war einen Traviabund einzugehen. Selbst gute Worte des Zuredens meinerseits haben nicht geholfen. Sie war der Meinung, dass sie selbst für sich sorgen könnte…!“

Sie räusperte sich kurz. „Ich erzählte dies, damit ihr versteht, dass es nicht so ist, dass man hier generell etwas gegen euren Bundesbruder auszusetzen hat. Einzig die Tatsache die Zukunft und das Wohl unserer Tochter gesichert zu sehen, haben dazu geführt, dass mein Gemahl eine gewissen Bedingung zu unserer Einwilligung gestellt hat.“

Sie schaute auf den Darpat. „Es ist natürlich so, dass der ein oder andere sich vielleicht schon sicher wähnte eine von Isenbrunn als Zukünftige an seiner Seite zu wissen, dass kann ich nicht ausschließen…Doch glaube ich kaum, dass die Lage dergestalt ist, das man dem versucht mit Nachdruck bei zu kommen.“ Kleine Falten zeigten sich auf ihrer Stirn, ob sie doch Zweifel hatte?

„Ich verstehe. Natürlich wollen Eltern immer nur das Beste für ihre Kinder, sodass sie wollen, dass sie sicher und geborgen in die Zukunft gehen können. Bei allem Respekt für die Optionen, die Eure Familie erwägt kann ich Euch nur mitteilen, dass der Orden des Heiligen Zorns der Göttin Rondra immer für seine Ordensgeschwister und deren Familien sorgen wird. Vermutlich wisst Ihr nicht, dass es nicht unüblich ist in unseren Reihen, dass Ordensgeschwister den ehelichen Bund eingegangen sind.“

„Eure Tochter Leomara, ist zweifelslos eine starke Persönlichkeit mit rondrianischer Zielstrebigkeit und ich glaube nicht, dass sie auf einen Ehebund eingehen würde, dem sie nicht zugeneigt ist außer jemand würde sie mit einem ‚Argument’ überzeugen, dessen Sicherheit ihr wichtiger sein wird als ihr eigenes Leben.“ Alfred hatte sich leicht vorgebeugt und blickte Palinai freundlich aber sehr bestimmt an. Seine Unterarme hatte der Ritter auf den Tisch aufgestützt, der diesen Druck mit einem leichten Knarren quittierte.

Jetzt blinzelte sie ungläubig mit ihren Augen, als sei sie eben erst erwacht. Ihr sonst so freundliches Gesicht wirkte lauernd bis misstrauisch. „Was wollt ihr mir damit sagen?“ Eine Zuckung unterhalb ihres linken Auges fiel ihm auf und auch ihre Gesichtsfarbe war merklich blasser geworden. „Was hat sie euch erzählt? Wurde sie… hat man sie…?!“ Sie schüttelte besorgt den Kopf und nahm einen tiefen Schluck aus dem Weinbecher bevor sie weiter sprach. „Ihr wollt mir doch damit nicht sagen, dass sie gezwungen wird jenen Mann zu heiraten, den mein Mann und Quanion für den geeignetsten halten, oder?“

Sie hatte ihre Stimme gesenkt, als fürchtete sie gehört zu werden. Auch war er sich sicher bemerkt zu haben, dass sie sichernde Blicke in die Umgebung hatte schweifen lassen.

Ertappt – es schien Alfred, als ob er ihr nun mitgeteilt hatte, was er nicht ganz direkt sagen wollte. „Ich will nicht sagen wird und maße mir auch nicht an zu urteilen durch wen, “ sprach er mit gesenkter Stimme und nahm sich auch noch einmal den Becher und trank einen Schluck, „doch steht zu befürchten, “ meinte er weiter, „dass wir dieses Risiko sehen. Und es gibt momentan nur ein Druckmittel, dessen sich Leomara nicht erwehren könnte.“ Eindringlich blickte er sie an und meinte anschließend, nachdem er selbst mit wachem Geist die Umgebung unauffällig überblickt hatte, „Leomara berichtete mir von ihrer Herkunft, Euer Wohlgeboren und auch wenn sie es nicht explizit erbeten hat, sind Inhalte solcher Zwiegespräche für mich immer vertraulich und ich habe keinen Grund diese Inhalte kund zu tun.“

Palinai senkte den Blick, und seufzte laut auf. „So, sie hat ihre Herkunft also Preis gegeben? Das ist nicht recht. Es steht ihr nicht an das zu tun. Wir, ihr Vater und ich, wir haben unsere Fehler erkannt und bereut. Niemals sollten die unter Travias Namen in Ehre geborenen Kinder in der Öffentlichkeit der Schmach Preis gegeben werden, indem ein…Bastard neben ihnen ebenfalls in Erscheinung tritt.“

„Wir sind alle nur um ihr Wohl bemüht, und es will mir nicht in den Sinn, dass man hinter meinem Rücken versucht…sozusagen mit Gewalt, meine Tochter zu einem Schritt zu zwingen, den sie nicht ohnehin freiwillig gehen würde.“ Dann dachte sie noch einmal nach und setzte erneut an, während ihre Augen seinen Blick suchten, Scheinbar hatte sie eine andere Idee gehabt.

Sie schluckte schwer. „Ich weiß nicht recht, was die Tatsache, dass Leomara eine uneheliche Tochter des letzten Barons von Gnitzenkuhl ist, mit dem Ehegelöbnis zu tun haben sollte. Meint ihr es gibt jemanden, der Hochgeboren Geshla vom Thron haben will, und darum Leomara zu ehelichen gedenkt? Es ist noch lange nicht gesagt, dass Leomara überhaupt Baronin werden könnte, selbst wenn Geshla einmal nicht mehr wäre, was die Götter hoffentlich lange zu verhindern wissen.“

„Euer Wohlgeboren, Euer Bestreben um das Wohl Eurer Kinder ehrt Euch.“ Er atmete tief durch und meinte, „Politik ist teilweise ein schmutziges Geschäft bei dem viel gedreht wird, nur dass jemand an die Macht kommt oder diese mehren kann. Es geht eher nicht darum, dass jemand Geshla, verzeiht mir bitte die sehr persönliche Namensnennung, vom Thron haben will oder gar, dass Leomara ihren Platz einnimmt. Es geht vielmehr um das Bild, welches ein etwaiger zukünftiger Mann Geshlas von Leomara haben könnte und welche Vorteile sich durch sie überhaupt erreichen lassen. Verzeiht, meine harschen Worte aber wäre sie dann noch wohl gelitten, wenn ihr einmal jeglicher Rückhalt in der Familie fehlen sollte? Mit der Heirat mit Unswin, wäre sie nicht nur dem unmittelbaren Zugriff derjenigen entzogen, die sie als ‚Unterpfand’ in einem Handel sehen, sondern sie wäre als Gattin eines Ordensritters, der in einem Orden der Rondra sein Leben führt, quasi unantastbar.“

Allmählich, ganz allmählich begann sie wohl den Pfaden, die er eben mit Worten beschrieben hatte zu folgen. Ihre gerunzelte Stirn und die über der Nasenwurzel zusammen gerückten Augenbrauen zeugten deutlich davon.

„Ich fürchte ich kann euch nicht ganz zustimmen werter Leutnant.“ Sie schüttelte verwirrt den Kopf. „Meint ihr, dass wenn Hochgeboren den Traviabund begeht, dass dann eine Halbschwester hier nicht mehr erwünscht wäre, und man daher lieber vorher dafür sorgen will…“ Sie ließ den Satz unvollendet und schaute ihn stattdessen fragend an. Die Altjunkerin schien derartige Gedanken zumindest wohl bislang noch nicht gehegt zu haben.

„Außerdem verstehe ich nicht was ihr damit meint, wenn ihr sagt, dass ihr der Rückhalt in der Familie fehlen sollte. Meint ihr nun Hochgeboren Geshla oder die unsrigen Familie damit? Wenn ihr von uns sprecht: ich wüsste nicht, warum wir Leomara keinen Rückhalt mehr geben sollten.“

„Ich kenne Euch und auch Eure Familie viel zu wenig, als das ich Mutmaßungen über die Loyalität von Hochgeboren Geshla oder ihrem Herrn Vater anstellen dürfte, Euer Wohlgeboren.“ Für einen Moment schien der Leutnant verlegen – solche Gespräche gehörten wahrlich nicht zu seinem Standard-Repertoire. „Daher möchte ich nun sagen, dass Eure Tochter Leomara bat, mit Euch über ihre Sorge um Euch zu sprechen. Es ist die Sorge, um das gemeinsame Wohlergehen aller, welches Eure Tochter umtreibt. Ihr sagtet selbst, dass ein, unter Travias Namen in Ehren geborenes Kind, nicht ein solches an dessen Seite haben sollte, welches nicht unter diesem Segen geboren wurde. Dies ist die Gefahr, in der Eure Tochter Leomara schwebt, Euer Wohlgeboren und nur Eure schützende Hand vermag sie zu bewahren. Andererseits seit Ihr die einzige Person, mittels welcher Leomara zu einer Verbindung bewegt werden könnte, die sie nicht will.“

Er konnte es sehen, sie weigerte sich diesen Gedanken zu gehen. Ihr Blick verriet ihm mehr als viele Worte es vermocht hätten. Es war, als ob das, was er da erwähnt hatte jeglicher Grundlage entbehrte weil sie es schlichtweg aus ihrem Denken getilgt hatte. Doch ihre Hand zitterte, als sie ihr Trinkgefäß zurück auf den Tisch stellte.

Sie lächelte ihn entwaffnend an. „Seid euch versichert werter Leutnant, keiner will Leomara durch MICH zu etwas bewegen, was sie sonst nicht tun würde. Sicher, man versucht derzeit schon…“ sie suchte nach den passenden Worten, „sie verstärkt darauf hinzuweisen, dass es sicher kein einfaches Leben sein wird an der Seite eures Bruders. Ich erwähnte ja schon dass sie bereits in jungen Jahren ein schweres Schicksal hinnehmen musste, dessen Wiederholung ich persönlich ihr gerne ersparen würde. Wäre sie gewillt lieber eine SICHERE Verbindung einzugehen, mit jemandem, der weniger gefährlich lebt, wäre ich glücklich. Weiß ich doch nicht, wie sie einen neuerlichen Verlust im Leben hinnehmen würde.“ Sie legte die Hände in den Schoß. Sie schaute scheinbar entspannt auf den Darpat, doch sie hatte ein Tuch aus dem Ärmel gezogen, dessen Ecken schon ganz ausgefranst waren. Sie begann es in den Händen zu drehen und gedankenverloren daraus Fäden zu zupfen.

„Frau Rahja ist sehr häufig diejenige, die Menschen zusammen führen möchte und manchmal ist es den Paaren auch vergönnt diese Liebe unter Travias Segen zu stellen, Euer Wohlgeboren“, antwortete Alfred freundlich. „Leomara scheint dieses Glück ein zweites Mal von Phex und Rahja gegeben zu sein und wenn ich für sie entscheiden müsste, würde ich wie sie lieber ein Leben an der Seite eines Menschen wählen dessen Lebensspanne womöglich nicht lange währt als ein langes Leben an der Seite eines Menschen, den ich im besten Falle nur als Verbündeten sehen kann.“

An dieser Stelle schluckte Palinai ganz offensichtlich und ihre Lider flackern. „Und doch“, fügte er hinzu, „schätze ich die Stärke der Menschen, die eben diesen zweiten Weg aus welcher Gründe auch immer wählen.“ Alfred pausierte einen Moment und trank selber etwas von dem Wein. Er wollte ihr einen Moment Zeit zum Nachdenken, einen Moment der Ruhe geben bevor er schließlich meinte, „Zu meiner Frage am Anfang zurückkommend, Euer Wohlgeboren, fühlt Ihr Euch wahrlich wohl oder meint Ihr nicht, dass es Euch gut tun würde, die Anspannung, die trotz der idyllischen Lage über diesem Ort liegt, für eine Zeit hinter Euch zu lassen?“

Irritiert nahm sie diese Frage auf. „Ja, also, ich fühle mich hier verwurzelt und Anspannung…?“ Sie schaute zum Erkerfenster hoch und Alfred, der ihrem Blick folgte, konnte gerade eben noch einen Schemen wahr nehmen, der von einem Beobachter aus diesem Raum gekündet hatte.

„Ich sehe keinerlei Veranlassung mich vom Gut zu entfernen.“ Dieser Satz kam mechanisch schien es, wie als ob sie ihn schon oft widerholt hätte. „Meine Tochter muss sich darüber keine Gedanken machen, es geht mir wohl, und ich bin sicher, dass es keinen Grund gibt, dass die von ihr gewünschte Beziehung nicht besiegelt werden sollte.“

Sie war nicht dumm, er sah, dass sie durchaus registrierte, dass er ihr nicht ganz glaubte und sein Misstrauen wach geblieben war. Sie schien förmlich nach Alternativen zu suchen für Leomaras merkwürdiges Verhalten schien ihm. Ihr unsteter Blick, der suchend über die Wasserfläche eilte war ein Zeichen dieser flüchtigen Gedanken.

„Vielleicht macht ihr euch einmal Gedanken darüber, ob es nicht sie ist, die nicht mit ganzem Herzen bei der Sache ist. Soweit ich weiß, gibt es selbst neben den Männern, die wir in Betracht gezogen haben auch andere, die ganz ohne unser Zutun Gefallen an ihr gefunden haben. Vielleicht ist sie sich selbst nicht mehr sicher, und sucht nun einen Grund…?!“

„Ihr meint, sie sucht einen Grund, Unswin nicht zu ehelichen? In dem Falle hätte ich nicht herkommen brauchen und mit Euch das Gespräch geführt, Euer Wohlgeboren. Es ist doch wohl offensichtlich, dass Eure Schritte hier beobachtet werden“, er blickte deutlich nach oben zu dem Erkerfenster, „und dass man Euch allem Anschein kontrollieren will, um Kontrolle über Leomara zu gewinnen!“ Plötzlich war er sich seiner Sache sehr sicher und formulierte die Antworten recht direkt.

Ruhiger fügte er hinzu, „Niemand sagt, dass Ihr Eure Wurzeln lösen sollt, Euer Wohlgeboren. Aber ein wenig Urlaub von diesem Ort täte Euch sicher gut und gäbe Euch Zeit über alle Dinge, die Euch bewegen in Ruhe nachzudenken.“

Ihr Mund war nur mehr ein dünner Strich. „Ihr versteht nicht…ich bin hier unabkömmlich! Es ist für ihr Wohlergehen erwiesener Maßen unabdingbar, dass ich HIER bin. Für ihre und meine Gesundheit.“ Sie sah ihn mit flehendem Blick an. Dann hob sie ruckartig das Haupt. Auch er hatte kurz ein Knarren vernommen, doch hatte er nichts gesehen.

„Ich bin sehr froh, dass ihr mir noch einmal die Aufwartung gemacht habt und von diesen wundersamen Ereignissen auf dem Sturmfels berichtet habt. Leider muss Leomara sich noch ein wenig erholen nach diesen Strapazen. Doch ich richte ihr eure Grüße selbstverständlich gerne aus. Sicher sehen wir uns bald einmal wieder.“ Palinai hatte sich vom Wasser aus ihm zugewandt, sah ihm jedoch nicht ins Gesicht, sondern schien die Uferlinie nach etwas ab zu suchen mit ihrem Blick. Sie streckte ihm zum Abschied ihre Hand entgegen und wartete darauf, dass er sich verabschiedete.

Alfred ergriff ihre dargebotene Hand, jedoch nicht nur mit einer, sondern umfasste sie mit beiden Händen in fürsorglicher Art und Weise und übte leichten Zug auf sie aus, um zu bewirken, dass sie ihn anblickte. Auf ihn machte Palinai den Eindruck eines in die Enge getriebenes Wesen, welches keinen Ausweg mehr wusste als zu verharren. „Ich verstehe sehr wohl Euer Wohlgeboren. Jedoch ist niemand auf des Derenrund wirklich unabkömmlich. Dies, Phex sei Dank, durfte auch ich erfahren, als ich meinen Dienst als Kapitan der Zweililiengarde zu Grangor einst niederlegte, um einen Dienst zu beginnen, den ich für viel wichtiger erachte, als in einer Handelsstadt für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Aber auch hier – so mich die Herrin Rondra dereinst abbefehlen wird – bin ich nicht unersetzlich, denn tief in meinem Herzen weiß ich, dass meine Schwestern und Brüder den Dienst, den ich verrichte, genauso gut oder gar noch besser fortführen können.“

„Euer Sohn, Wohlgeboren Quanion scheint sich Euer vergewissern zu wollen, um Macht über andere ausüben zu können und sieht damit nicht, dass er sich selbst in seinen Möglichkeiten fesselt. Euer Wohlgeboren. Ihr sagtet, es ist an der zeit gewesen, das Staffelholz zu übergeben und doch wollt Ihr es nicht loslassen im Glauben, dass ohne Euch nichts funktioniert und das daran Euer und das Wohlergehen Eurer Tochter hängt.“

„Euer Wohlgeboren, hätte ich eine solche Seele wie die Eure unter meinem Kommando – eine Seele, die zerrissen und zugleich gefangen wirkt, so würde ich diese einem Diener der Zwölfe zum wohlgefälligen Gespräch überstellen. Euch kann ich nur raten dieser vermeintlichen Sicherheit eine zeitlang zu entsagen und gen Rashia'Hal zu pilgern!“

Alfred löste seine linke Hand von der Hand Palinais „Euer Wohlgeboren“, er verneigte sich knapp, „Es war mir eine Ehre, von Euch empfangen zu werden. Mögen die Zwölfe Euch auf den richtigen Weg geleiten.“ Nun löste er auch die rechte Hand und vollführte zum Abschied den rondrianischen Gruße, „Rondra mit Euch, Palinai von Isenbrunn!“

„Seid Leomara weiter ein guter Ratgeber, stützt sie und alles wird seinen Weg gehen, den die Götter uns weisen…Rondra auch mit euch.“ Palinai ging mit schnellen Schritten aus dem Pavillon. Sie hatte ihre Schultern hoch gezogen, so wie es Kinder taten, die gescholten werden, oder wenn ein kalter Wind weht und man sich gegen diese Unbill wappnen will. Alfred blickte der Junkerin nach. Jahrzehnte hatte er selbst nach Befehl und Gehorsam gelebt und dennoch immer eine gewisse Form des ‚ruhigen’ Kommandos inne gehabt. Nur deshalb war es ihm möglich solche Gespräche zu führen – normalerweise mit Ordensgeschwistern und nicht mit jemandem wie Palinai. ‚Hatte er alles gegeben?’ fragte er sich und wendete den Blick auf den Darpat nachdem Palinai gegangen war. Schwer stützte er sich auf dem Geländer ab und atmete tief durch.

Nach nur kurzer Zeit kam ein junger Mann heran, und räumte die Obstschale weg und die Becher mit den Getränken. „Soll ich euch nach draußen geleiten Hoher Herr?“ Zunächst hatte er ihn nicht wirklich wahrgenommen, nun drehte er sich um, „Das wäre freundlich von Euch.“ Der Leutnant straffte sich, richtete sich auf und war wieder der Ritter der er war – raue Schale, weicher Kern.

Zusammen mit dem jungen Mann schritt Alfred durch das Gut zu den Ställen, um dort sein Pferd wieder in Empfang zu nehmen. In dem, unweit des Guts liegenden Dorf Boronshof stieß er zu Weibel Xanatos von Bachental, der dort auf ihn gewartet hatte. Zusammen und über die aktuellen Geschichten der Dörfler redend, ritten sie gen Gnitzenkuhl, um dort wieder auf Unswin von Keilholtz und dessen Knappin zu treffen. Dort würden sie sich nach einer Übernachtung auch wieder trennen. Während Unswin und seine Knappin im Perricumschen verweilten, würden Leutnant und Weibel über Travinianshall gen Schwertwacht reiten.