Die groß-garetische Heerschau - Nachrichten aus erster Hand

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Dramatis personae:


Greifenfurt, markgräfliche Residenz, Anfang Hesinde 1037 BF

Der stellvertretende Heermeister der Mark stand über einem Kartentisch gebeugt, als eine Wache den Raum betrat und einen Besucher aus Gareth meldete. "Hauptmann Balrik von Keres, Heermeister!"

Der Edle, in einen teils noch mit Schneeresten bedeckten Wintermantel gehüllt, betrat den Lageraum der Märkischen Residenz. Er maß diesen mit einem Blick. Er war nur sparsam möbliert. Nirgendwo auch nur ein Hauch von Behaglichkeit, den einzigen Lichtblick stellte das große prasselnde Feuer im Kamin an der gegenüberliegenden Wand dar, vor dem ein kleiner Beistelltisch und zwei Stühle standen. An der Seitenwand standen weitere Stühle, die womöglich höhergestellten Personen im Falle einer großen Lagebesprechung als Sitzgelegenheit dienen mochten.

"Die Zwölfe zum Gruße, Urion“, begrüßte der eben Angekommene den Gastgeber. „Wahrlich, Firun hat die Mark heuer früh mit Schnee bedacht. Ich lade Euch für das nächste Mal gerne nach Gareth ein. Wenn es auch nicht viel wärmer ist, so gibt es dort sicherlich schönere Annehmlichkeiten. Andererseits verstehe ich, warum ihr Märker so unverbrüchlich zu eurer Heimat steht."

"Die Zwölfe auch mit Euch, werter Balrik. Entschuldigt die Umstände Eurer Reise, aber es erschien mir reizvoll, dass Nützliche mit dem Praktischen zu verbinden. So bekommt Ihr auch die Gelegenheit neben Eurem turnusmäßigen Bericht auch gleich Euer Lehen in Augenschein nehmen zu können. Euer Angebot nach Gareth nehme ich gerne an, zumal ich so auch meine Schwester konsultieren kann, die derzeit in Gareth weilt und einen Lehrauftrag an der Schwert und Stab bis zum nächsten Frühjahr übernommen hat."

Während er sprach nahm er dem Gast den Mantel ab und gab diesen dem Wachsoldat, der ihn eifrig mit nach Draußen nahm. Dann führte Urion seinen Gast an den kleinen Tisch am Kamin, über dem eine Kanne mit Würzwein hing und goss ein.

"Nun, Balrik, was gibt es Neues zu berichten?"

Der Aufklärungsmeister warf einen Blick auf die Karte. "Nun", sagte dieser. "Das Wichtigste zuerst: Haffax hält noch immer still. Und meinen Informationen nach, wird das auch so eine Weile bleiben. Erst recht jetzt, wo die Kaiserin verkündet hat, selbst einen Heerzug nach Mendena zu führen."

Dass Balrik vermutete, dass Haffax nur auf einen Angriff wartete und man Gefahr lief, in eine Falle zu laufen, wusste Urion. Diese Problematik hatte er früher bereits in Erwägung gezogen. Letztlich würde alles vom Entschluss des Reichsmarschalls über das gesamte Vorgehen abhängen. Jener war jedoch von der Kaiserin noch nicht ernannt worden. Und so hatte sich Urion seit Monaten den Kopf darüber zerbrochen, welche Optionen des Handelns Haffax blieben. Einer Offensive des Mittelreiches würde Haffax zwar entschlossen entgegentreten, aber genauso war Urion klar, dass sich Haffax niemals nur mit der Reaktion begnügen würde. Es galt herauszufinden, wo und wann der alte Fuchs zuschlagen würde. Er wusste, dass Haffax von seinem taktisch Naturell eher zum Angriff neigte und in der Historie allzu oft in die Defensive gezwungen worden war.

Die verschiedenen räumlichen Offensivoptionen hatte er bereits durchdacht. Dabei hatte er militärische Operationen außerhalb des Reichsgebietes hintangestellt, aber deren Potential für einen Angriff auf das Reich, beispielsweise durch eine vorherige Invasion Araniens, genau analysiert. Letztlich blieben vier strategische Ziele übrig.

„Dass Ihre kaiserliche Majestät das strategische Ziel Mendena ausgibt schadet nicht. Vielmehr kann es zur Verwirrung beitragen, denn das oberste Ziel ist letztlich die entscheidende Schlacht gegen Haffax zu gewinnen und ihn in die Niederhöllen zu schicken. Was ist da schon Mendena! Nein, nein, Haffax wird uns nicht bis Mendena kommen lassen. Er weiß, dass wir seine Truppen stellen müssen, daher wird er, sobald unser Heerbann marschiert, zuschlagen. Ich habe bisher vier räumliche Ziele ausgemacht:

Erstens Perricum“, sagte Urion und zeigte auf die Markgrafschaft im Süden. „Strategisch ungeheuer wichtig für die See- und Landbewegungen, zudem für die Versorgung Beilunks und Warunks, und zudem das Herz des Rondraglaubens.“

Urions Finger wanderte weiter und beschrieb Kreise über zwei große Städte im Osten. „Zweitens: Beilunk und Warunk, ebenfalls Schlüsselpositionen zweier wichtiger Kirchen und sehr symbolträchtig.

Drittens: ein Angriff auf das Herzogtum Tobrien“ - der Finger fuhr weiter nach Norden - „mit der Eroberung von Ilsur und den Gebieten bis zur Sichel. Der Schwarze Herzog würde sicherlich für eine solche Option zu gewinnen sein.

Und viertens der Angriff über die Trollpforte in die neuen Marken und dann nach Gareth.“ Der Finger zeigte auf die genannte Pforte und fuhr nach Osten bis er über der Hauptstadt verharrte und darauf tippte. „Ich treffe keine Reihung, möchte aber, dass Ihr Eure Aufklärung schwerpunktmäßig auf die ersten beiden Ziele konzentriert. Konntet Ihr bisher schon Informationen darüber sammeln?

„Ich habe bereits Informanten in den genannten Städten“, bestätige Balrik. „Auch in Mendena und an anderen strategisch wichtigen Orten.“ Er trank einen Schluck Wein und fuhr schließlich fort:

„Allerdings gibt es mehrere Parteien, die allmählich unruhig werden. Die Nebachoten in Perricum fiebern einem Angriff entgegen. Sie würden wahrscheinlich auf eigene Faust Haffax entgegen ziehen, werden aber vom Baron von Brendiltal an der kurzen Leine gehalten.

Und in Warunk wird auch der Sennenmeister unruhig. Jaakon von Turjeleff ist erzürnt über das Stillhalten von Kaiserin und Schwert der Schwerter. Er handelt mehr und mehr auf eigene Rechnung und geht, wie er es sagt, mit gutem Beispiel voran. Noch hat er zwar keinen Angriff gegen Haffax selbst gestartet, aber er schickt verstärkt Patrouillen raus und erkundet die Gegend. Ich vermute aber dennoch, dass er nicht eigenmächtig handeln wird. Zumindest noch nicht“, fügte er hinzu.

„Der Sennenmeister ist dem Schwert der Schwerter Gehorsam schuldig“, sagte Urion. „Und Ihre Majestät ist ihm keine Rechenschaft über Ihre Entscheidungen schuldig. Allerdings begrüße ich die Ungeduld und den Aktionismus den er an der Tag legt. Damit entsteht nach Außen der Eindruck, dass wir uneins wären. Die Patrouillen sind, wenn sie sinnvoll eingesetzt werden, eher von Nutzen denn von Schaden. Schickt Eurem Mann in Warunk eine Botschaft. Er soll nochmals in meinen Namen beim Sennenmeister vorsprechen und fragen, in welcher Weise wir ihn unterstützen können.“

Balrik nickte. „Auch Swantje von Rabenmund zeigt Initiative gegen Haffax“, fuhr er fort. „Allerdings auf eine sinnvollere Art und Weise möchte ich meinen. Sie hat einen Bund mit den Marken Perricum, Beilunk, Warunk und der Rabenmark geschlossen. Der sogenannte Pakt von Al´Zul. Sie wollen alle Streitigkeiten beiseite legen und sich gegenseitig im Kampf unterstützen, bis Haffax besiegt ist." Balrik blickte auf. "Dass sich mit diesem Pakt auch das Gleichgewicht im Spiel der Throne verschoben hat, brauche ich ja nicht zu erwähnen. Aber solange sie mit uns zusammen arbeiten, um gegen Haffax vorzugehen, sollte uns das jetzt nicht weiter kümmern."

„Das ist keine Überraschung,“, bemerkte der Heermeister. „Ich hörte bereits davon. So stärkt die Markgräfin ihre Position gegenüber der Kaiserin und gewinnt neue Verbündete. Man merkt, dass sie ihre Knappenzeit in den Nordmarken verbracht hat. Schließlich bleibt die Tatsache, dass sie kein erbliches Amt inne hat. Nach den Wirrungen um die Befriedung der Wildermark und der Märkischen Schlacht wird sie jedoch Zeit brauchen, um neue Kräfte auszuheben. Ich fürchte, die Mark Rommilys wird nur einen schwachen Heerbann stellen können, wenn der Kaiserin Ruf zu den Waffen erfolgt.“

„Dafür können wir mit den anderen Marken rechnen. Sie haben eine ansehnliche Anzahl von Soldaten, die auch Erfahrung im Kampf gegen die Schattenlande besitzen“, meinte Balrik. „Von den Rondrianern in Perricum und Warunk ganz zu schweigen. Allerdings fehlen ihnen – abgesehen von Perricum – die Ressourcen. Doch mit diesem Pakt sollte sich das nun ändern. In Beilunk ist bereits ein erstes Schiff eingelaufen, das im Zuge dieses Paktes Material und Versorgungsgüter brachte. Die Lage in Tobrien selbst ist unverändert. Zumindest habe ich da keine gegenteiligen Informationen.

Allerdings was Perricum betrifft“, ergänzte Balrik, „so kam es im letzten Monat nach dem Verschwinden des städtischen Reichsvogtes zu erheblichen Unruhen. In der Stadt wurde eine Notstandsregierung gegründet, die gegen die Aufstände vorgeht. Sogar die ganze Geweihtenschaft soll im Zuge dessen die Stadt verlassen haben. Ob und inwiefern Agenten Haffax´ dahinter stecken wird noch untersucht.“

Urion runzelte die Stirn. „Ich denke, die Kaiserin und zuvörderst ihr Gemahl werden diese Sache sehr genau verfolgen“, sagte er schließlich. „Sendet einen Boten zu Heermeister Aldron und bittet ihn um Informationen und seine Einschätzung der Lage. Euer Agent in Perricum soll eng mit dem Heermeister zusammenarbeiten. Auch Haffax Agentenetz hat Schwachstellen, wir müssen diese finden und unseren Nutzen daraus ziehen. Allerdings dürfen wir nicht außer acht lassen, dass es sich um interne Machtkämpfe der Patrizier und anderer Mächtegruppen handeln könnte. Wir brauchen schnellstmöglich Klarheit über die Lage vor Ort. Wir müssen ganz klar wissen, ob es nun Haffax war oder nicht.“ Urion hing kurz seinen Gedanken nach. Schließlich sagte er: „So etwas hat es, soweit ich mich erinnern kann, noch nie gegeben. Auch wenn der Klerus selbst betroffen ist, vermute ich dort dennoch die größte Objektivität.

„Ich werde gleich im Anschluss eine Nachricht losschicken“, bestätigte Balrik.

Der Marschall zeigte nochmals auf das Herz der Mark Rommylis. „Leider sind meine Verbindungen zum Informationsinstitut nur mäßig. Meine Schwester riet mir, Kontakt mit der Spektabilität Praiodane Almira Werckenfels aufzunehmen. Gegen Haffax müssen wir nicht nur unsere militärischen Kräfte bündeln, sondern alles Wissen und das Institut sammelt seit Jahrzehnten Informationen über die Schwarzen Lande. Kennt ihr jemanden der eine solche Aufgabe übernehmen könnte. Es muss aber ein absolut integerer Charakter sein, denn ihre Spektabilität ist ob der Brisanz des Themas äußerst misstrauisch.

Balrik wiegte kurz den Kopf, als er darüber nachdachte. „Ich habe in meinem Aufklärungsstab einen Magier aus dieser Akademie. Vielleicht eignet sich ja er? Ich werde sehen, was sich machen läßt.“

„Gut“, nickte Urion zufrieden. „Wie sieht es in den restlichen Provinzen aus?, fragte er.

„Nun, im restlichen Reich ist man größtenteils kriegsmüde oder man will sich lieber um andere Dinge kümmern, die einem dringender erscheinen“, fuhr der Aufklärungsmeister fort. „Die almadanische Marschallin beispielsweise unterschätzt meiner Meinung nach Haffax: Sie hält ihn für schwach und alt, von dem nicht mehr viel zu erwarten ist. Sie widmet sich lieber dem Yaquirbruch, um die Gegend zum Horasreich hin zu befrieden. Anders in Albernia. Sie überbieten sich gegenseitig in ihren Bekundungen, Haffax entgegenzutreten, doch sind ihre Ressourcen nach dem Krieg in ihrem Land noch immer erschöpft. Die Nordmärker sind besonnener. Aber sie halten sich bereit – sie wollen nicht wieder eine Schlacht verpassen“, schmunzelte Balrik.

„Ich konnte die arrogante Art der Nordmärker noch nie leiden“, meinte Urion. „Mal sehen, was ihnen diesmal einfällt, um sich aus dem Staub zu machen. Und was die almadanische Marschallin angeht. Sie ist eine Freundin aus Kindertagen, seit mein Vater mit Leomar in der Khom-Wüste war. Mit beiden, Leomar und Gerone, verbindet mich eine freundschaftliche Beziehung. Nur hat sie hier allerdings eine verzerrte Sicht auf die Gefahr, die von Haffax ausgeht. Es sei ihr verzeihen, denn sie hat derzeit genug eigene Probleme.“

Er hob die Augenbrauen: “Dies ist nur für Eure Ohren bestimmt. Seit dem Fall von Wehrheim stehen mein Vater und ich in losem Kontakt zu Leomar, weil dieser, alter Freundschaft eingedenk, angeboten hat, nach meinem verschollenen Bruder zu forschen. Er gilt seit der Schlacht vor Wehrheim als verschollen und wurde vor kurzem für Tod erklärt. Dennoch haben wir einzelne Hinweise, die auf einen Hauptmann der Bärengarde deuten, der sich schwer verwundet vom Schlachtfeld retten konnte, bevor das Magnus Opus losbrach. Bisher versorgte er meinen Vater und mich mit Informationen. Doch nach der Vertreibung in den Osten ist der Kontakt zu ihm viel schwerer geworden. Ich würde ihn nur ungern verlieren, zumal er sich jetzt ganz auf den Kampf wider Haffax zu konzentrieren scheint. Ihm verdanke ich im Übrigen die neuesten Berichte über die Städte von Altzoll bis Warunk. Ich nehme an, dass wird unser Aufmarschgebiet werden.“

„Tatsächlich?“ Balrik hob überrascht die Brauen. „Nun ja, wir können jeden gebrauchen, der uns unterstützt. Wenn sich Leomar im Kampf behauptet, könnte ich mir sogar vorstellen, dass die Kaiserin ihn begnadigt.“

Urion nickte. „Leomar hat damals mit der Unterstützung Answins sein Schicksal selbst gewählt. Ein Urteil maße ich mir nicht an, wird Answins doch von vielen Märkern ob seiner Taten für Greifenfurt beinahe als Heiliger verehrt. Meine Familie hat unter dem Usurpator Answin einen zu hohen Blutzoll entrichtet, als dass ich jemals für seine Sache hätte eintreten können. Allerdings kann ich die Motive Leomars zum damaligen Zeitpunkt nachvollziehen und muss feststellen, dass er niemals aus Eigennutz gehandelt hat. Falsch, ja, aber immer wollte er das Beste für das Reich. Ich lasse Euch die Informationen zukommen, dann könnt ihr im Falle eines Aufmarsches dort die Aufklärungsabteilungen genau instruieren. Gerade über die Weiler Eckelstor, Praiosau und Rabenfeld inklusive Burg Rabenfeld werdet ihr sehr detaillierte Informationen finden. Es schadet dennoch nicht, bereits jetzt einen Kundschafter dorthin zu senden. Zwar hat sich Aeron vom Berg kurz nach der Eroberung von Warunk zur Markgrafschaft bekannt, aber es schadet sicherlich nicht, seine Loyalität zu überprüfen. Im Falle eines Aufmarsches über die Trollpforte, möchte ich bis Warunk im Hinterland keine Überraschungen erleben.“

Schließlich tippte der Heermeister auf der Karte auf die Stadt Baburin. „Und wie sieht die Lage in Aranien aus?“, frage er.

„Das Heerlager der Gerechten wächst“, antwortete Balrik. „Es sind bereits 1500 Streiter und werden mehr. Ich denke aber, dass das nicht die einzige Unterstützung sein wird, die wir aus Aranien bekommen werden. Man hat uns volle Unterstützung zugesagt. Ich weiß nicht warum, aber diese Eleonora scheint Haffax wirklich nicht zu mögen.“

„Und wie schätzt Ihr dieses Heerlager im Einzelnen ein? Und wer sind die Kommandanten?“

„Viele von ihnen sind unerfahrene Freiwillige, aber auch Söldner gibt es, die auf ihren Sold verzichten. Auch vier Banner der aranischen Regimenter sind dort stationiert. Das Lager selbst scheint ein dauerhaft befestigtes Lager zu werden, auch für die Zeit nach Haffax“, meinte Balrik. „Ihre Kommandantin ist Ariana von Pfiffenstock-Ruchin, eine perricumer Adlige, allerdings ohne militärischer Erfahrung. Bei ihr habe den Eindruck, dass sie lediglich ein Aushängeschild ist.“

Urions Blick verweilte eine Weile auf Baburin. „Es schadet uns nichts, ob es uns nützt, wird die Zukunft zeigen.“ murmelte er.

Schließlich blickte er wieder auf. „Und das Horasreich?“, fragte er. „Mein letzter Stand der Dinge ist, dass der Horas und die Kaiserin einen Bund haben, um gegen die Heptarchen vorzugehen. Werden sie uns gegen Haffax helfen?“

„Ja, das werden sie“, antwortete Balrik. „Auf der kaiserlichen Hochzeit war auch Ralman Firdayon, der Comto Protector des Horasreiches, zugegen.“ Der Aufklärungsmeister konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. „Ich habe – nun, sagen wir so – eine Art kameradschaftliche Beziehung zu ihm aufgebaut. In welchem Umfang er uns unterstützt, konnte er zwar noch nicht sagen, aber er versicherte mir, und natürlich auch der Kaiserin, dass das Horasreich nicht untätig bleibt.“

Der Marschall schien zufrieden zu sein. „Habt Ihr Kenntnis über gegnerische Aktivitäten, außer in Perricum?“, fragte er.

„Ja, in der Tat“, nickte Balrik. „Uns ist es jüngst gelungen einen Agenten in Gareth fest zu nehmen. Er versuchte sich in die Garnison einzuschleichen und die Nahrungsmittel zu vergiften. Allerdings wusste er nichts über andere Spione. Er schien nur ein Handlager gewesen zu sein. Doch es gibt sicherlich noch andere Saboteure, die nur auf ihre Anweisungen warten. Hier arbeite ich mit dem Reichsgroßgeheimrat zusammen, um diese Spione zu finden.“

„Gut,“ Urion wies auf Perricum, dann auf Rommilys, Gareth und schließlich auf das Koschgebirge. „Was wissen unsere 'Freunde' von der KGIA? Der kaiserliche Gemahl wird sicherlich seine Spitzel nach Osten gesandt haben. Das Aufgreifen des Saboteurs war ein Erfolg aber ich möchte an die Hintermänner ran. Die unteren Chargen sind nur Befehlsempfänger und kennen meist noch nicht mal ihren Auftraggeber. Da reichen ein paar Silbertaler oder ein Dukat und man handelt aus reiner Geldgier, nicht aus Überzeugung. Bisher hatte der Reichsgroßgeheimrat seine Informanten und Spitzel nicht in den Kaschemmen und Katen, den Sündenpfuhlen und Hinterhöfen. Dabei hören und sehen die Bettler, die Gespielinnnen, die Lustknaben und -mädchen und das Diebesgesindel häufig mehr, als man landläufig denkt. Es sind verschlossene Menschen, denen Informationen nur schwer zu entlocken sind. Zumindest in Gareth und Perricum werden wir uns dieses Wissen erschließen. Ich habe bereits Kontakt mit zwei alten Gefährten und Veteranen der märkischen Wehr aufgenommen. Einer betreibt die Trinkstube 'Der letzte Tropfen' in Meilersgrund, der andere einen Krämerladen in Perricum. Beide sind kriegsversehrt und absolut vertrauenswürdig. Wir schulden uns unser Leben mehrfach gegenseitig. Auf diese Kontakte kannst du jederzeit zugreifen, Balrik.

So und jetzt zu den Internas. Was gibt es Neues vom Heerbann. Nach der unsäglichen Geschichte mit dem Nandusjünger, bin ich gespannt, wo noch überall Grabenkämpfe toben. Wer schmiedet mal wieder gegen wen Ränke. Ich hoffe, Garetien ist nicht so kriegsmüde wie andere Provinzen. Übrigens kann ich dir mit einigem Stolz berichten, dass die Markgräfin in Ihrem unendlichen Ratsschluss für Greifenfurt zwei Heerbannregimenter aufstellen lässt. In einem sind zwar die drei Schwadrone Grenzreiter enthalten, aber ihre Durchlaucht war der Ansicht, wir dürften in unserer Wacht gen Norden nicht nachlässig werden. Somit zieht ein schlachterprobtes märkisch-greifenfurter Regiment zur Heerschau. Ich werde dir die Aufklärunsgschwadron zu gegebener Zeit zuweisen.“

„Gut, damit weiß ich durchaus was anzufangen“, nickte Balrik. „Und ja, es gibt die Ränkeschmiede, die darum feilschen, wer alles zum Heerbann mit darf und wie viele Bewaffnete, jeder Baron stellen muss.“ Der Aufklärungsmeister schüttelte verständnislos den Kopf: „Normalerweise stehen die Zahlen ja für jede Baronie fest, aber da man auf Auenwacht beschlossen hat einen kleineren Heerbann auszurufen, wird noch immer darum gestritten, wer im Einzelnen was aufbieten muss. Aber Garetien wird bereit sein“, meinte er schließlich zuversichtlich. „Es wird zwar gestritten, aber fehlen möchte man bei diesem Unternehmen ja dann doch nicht. Und dennoch werden wir, so wie ich es sehe, eines der Provinzen mit dem größten Heerbann sein.“

Urions Gesichtszüge wurden eisig: „Es würde mich wundern, wenn sich jemand diese Gelegenheit entgehen lassen würde. Allerdings muss sich jeder darüber klar sein, dass es auch nie wahrscheinlicher war, nicht zurückzukommen. Ich brauche keine blauäugigen abenteuerlustigen Kriegsromantiker. Die Realität wird sie früh genug einholen und dann müssen sie unbeeindruckt von Tod und Dämonen ihr Werk tun. Da ist es mir auch lieber, wenn es weniger sind, dafür aber die Besten. Deshalb lege ich so viel Wert auf einen harten Drill und unbedingten Gehorsam von Anfang an. Auf den restlichen Heerbann möchte ich aber auch nicht verzichten. Wir brauchen Truppen, die die Versorgungslinien sichern, die zurückeroberten Gebiete besetzen und befrieden und in geeignetem Maße der Bevölkerung beim Wiederaufbau helfen. Ich werde dies bei der nächsten Lagebesprechung bei der Kaiserin ansprechen.“

Er wandte sich vom eichernen Kartentisch ab, stellte seinen Becher ab und setzte sich. „Balrik, ich weiß, dass dein Geschäft kein einfaches ist und ich mit meinem Lob häufig zu sparsam bin. Du und die Deinen habt bisher eure Aufgabe gut gemacht. Richte dies deinen Mannen und Frauen aus. Übrigens sind auch die Dossiers zu den Führungskräften des Heerbanns gut gelungen. Ein sehr guter Überblick über die Fähigkeiten und Erfahrungen jedes Kommandanten. Auch dafür meinen Dank und meine Anerkennung an die Truppe. Bei Gelegenheit bräuchte ich noch Eure Einschätzung der Arkanen und des Klerus des Heerbanns. Aber das hat jetzt nicht die erste Priorität. Sonst noch etwas von Belang?“

„Ja, eines noch“, sagte der Hauptmann und setzte sich auf den Stuhl neben Urion. „Der Cantzler hat die Sterne befragen lassen, wann ein guter Zeitpunkt für eine Heerschau ist. Zu diesem Anlaß waren auch mehrere Offiziere aus dem Heerbann zugegen. Auch ich hatte eine Einladung und soll Euch, da ich eh schon auf dem Weg hierher war, im Auftrag des Cantzlers mehrere Terminvorschläge überbringen.“ Balrik holte ein Schreiben mit dem Siegel des Cantzlers hervor und gab sie dem Marschall. „Kurz bevor ich hierher aufgebrochen bin“, ergänzte er, „habe ich erfahren, dass auch Wulf von Streitzig ein Horoskop hat erstellen und es dem Cantzler hat zukommen lassen.“

Urion erbrach das Siegel und las das Schreiben. „Schon erstaunlich, womit sich die Herren die wenige Zeit vertreiben“, meinte Urion. „Es mutet seltsam an, dass mein Stellvertreter sich zu solchen Spekulationen hinreißen lässt. Aber lassen wir sie die Sterne zu Rate ziehen, ich werde mich in meinen Entscheidungen davon nicht beeinflussen lassen, und Haffax wird dies sicherlich auch nicht tun. Die Kaiserin wird mir einen Termin nennen und dann sind wir bereit. Egal was die Sterne sagen. Wir haben andere Sorgen und müssen uns mit ganz realen Problemen eines Heerbanns herumschlagen. Ich behalte es im Hinterkopf und mache es mir bei Gelegenheit zu nutze, wenn die Moral der Truppe es bedarf.“

Er steckte das Schreiben weg und erhob sich und rief nach der Wache. „Sorgt für ein Quartier für den Herrn Hauptmann und dann gebt den Offizieren der Garnison und der Grenzreiter Bescheid. Wir speisen heute Abend im Jagdzimmer zu Ehren unseres Gastes.“ Zu Balrik gewandt sagte er: „Ich zeige dir jetzt noch die Räumlichkeiten der Residenz, die Greifin ist ja zur Zeit nicht anwesend. Und bei diesem Wetter ist es wohl besser, wir reisen erst Morgen weiter nach Hexenhain.“