Die einen lieben ihn, die anderen hassen ihn

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Personae Dramatis

Pavillon im Garten von Schloss Neu-Sighelmsstein, Rondra 1041 BF

„Da bist du ja, endlich, liebe Zerline,“ flötete Selipha mit ihrer einstudierten Jungmädchenstimme und führte geeisten Holundersaft in zierlichem Glase an die Lippen.

Die großgewachsene Heroldin nahm an dem Tischchen Platz, an dem die drei anderen Frauen schon seit einer Weile geplaudert hatten, und überragte sie um Haupteslänge. Schon häufig war aufgefallen, dass Zerlines größter Schönheitsfehler ihre vergleichsweise kurzen Beine waren, weshalb sie im Sitzen noch umso überragender wirkte. Aufgefallen war dies selbstverständlich eben jenen drei Damen, die hier beisammen saßen.

„Entschuldigt, meine Lieben“, erwiderte die Mersingerin mit ihrer vollen, ausgebildeten Stimme, „ich hatte noch ein paar Aufgaben für den Erzfuchs zu erledigen.“ Sie setzte sich und betrachtete die albernen kleinen Gläser. Fingerhüte, dachte sie, und seufzte.

Selipha missverstand das Seufzen: „Du Ärmste, immer kommt er an mit seinen vielen Wünschen, Dokumente, Dokumente, Dokumente …“

„Er ist vielbeschäftigt, Selipha“, erwiderte Zelda, „die jüngsten Dekrete der Krone haben ihm nicht gefallen, wie man munkelt.“

„Erzähl!“, forderte Algerte sie auf.

„Da ist zum Einen der Rummel um seinen Ältesten, den Jungfuchs. Wie man so hört, gefällt es Vattern nicht, was sein Spross so anstellt. Immerhin ist die Großfürstenbewegung auch eine Opposition gegen die Krone.“

„Aber sie nützt ihm doch?“, hakte Selipha nach. „Immerhin wollen die Großfüchse doch, dass Sigman Großfürst Garetiens wird, oder? Dann wäre der Burggraf als sein Vater der mächtigste Mann im Königreich und hätte den lästigen Horulf ausgestochen.“

„Ja und nein,“ antwortete Zelda, „noch sind die Großfüchse schwach und eine Minderheit. Zumindest trauen sich viele Adlige nicht, offen aufzutreten, man hat noch gut im Kopf, wie es den Yppolitanern ergangen ist. Damals hat die Königin auch hart durchgegriffen – bzw. der Staatsrat. Und das war damals auch ein Luring, der Bruder sogar.“

„Ja, aber …“ Selipha wurde unterbrochen: „Der Burggraf ist über seinen Sohn auch angreifbar“, fügte Zerline hinzu, „und verliert durch die Ambitionen seines Sohnes Einfluss gegenüber den anderen mächtigen Herren im Königreich. Schau dir an, was Rohaja Neujahr für Personalantescheidungen getroffen hat: Die Eychgraserin ist Horulfs Geschöpf, die Goyern gehört dem Markvogt und vor allem – Lüstern gehört dem Borstenfeld.“

„Ist das so?“, fragte Zelda nach. „Ich weiß nur, dass er Lüsterns Figur war. Aber ob er es noch ist, weiß man nicht. Ich habe unlängst von Gritgnetha, die ja ihr Ohr immer in Bugenhog hat, gehört, dass Lüstern ein wenig zu häufig mit der armen, kleinen Selinde gesehen wurde …“

„Die arme, kleine Selinde? Oh, du meinst die kleine Nichte ihres Gatten, die Frau von Parinor?“ Selipha quiekte beinahe vor Vergnügen. Auf dem Parkett der ehelichen, vor allem aber der außer-, vor- und nebenehelichen Beziehungen war sie bestens beschlagen. „Oh, oh, oh. Wenn man seinen Ruf bedenkt … Der ist wirklich schamlos. Der hat schließlich gleichzeitig die alte Tannengrunderin bestiegen und es der Herzgrunderin und der Uckelsbrückerin besorgt.“

„Du meinst die Ehrgeizige aus Uckelsfelden?“, fragte Algerte nach.

„Aber nein – die Mutter!“ Selipha hob in gespielter Empörung die Augenbrauen. „Sie hat sich sogar aus Kummer das Leben genommen!“

„Quatsch, die ist vor Puleth gefallen“, widersprach Zerline.

„Das sollen die Leute nur glauben. In Wahrheit hat sie in der Schlacht den Tod gesucht!“ Selipha betonte das letzte Wort übertrieben.

„Ich weiß nicht“, zweifelte Zerline weiter. „Ich war ja mit Lüstern in Knappenschaft beim alten Burggrafen, da gab es schon eine gewisse Animosität zwischen ihm und Alarich. Kaum war der alte Sigman tot, trieb sein Sohn den Lüstern aus dem Haus. Und darum wurmt es ihn bestimmt besonders, dass Lüstern jetzt Großjagdmeister geworden ist.“

„Groß-was?“ Algerte wusste es nicht.

„Großjagdmeister“, half Zelda nach. „Er organisiert die Lange Jagd in Greifenfurt, Tausendjahrfeier und so. Das ist zwar politisch nicht so bedeutsam wie Cantzler oder so. Aber interessant ist halt, wer es nicht geworden ist.“

„Nämlich?“, fragte Algerte.

„Na, eben keine von den Figuren Alarichs, Horulfs oder Barnhelms. Das ist doch ein großes Spiel. Guck dir an, wie Lüstern beim Kabinett von Auenwacht plötzlich nach oben gespült wurde. Hat sich an zwei Burggräfinnen geschmissen und spielte plötzlich oben mit. Ich hätte gedacht, der ist jetzt weg vom Fenster, aber da ist er wieder!“ Zelda blickte Algerte herausfordernd an. „Hättest du das gedacht?“

„Ich kenn den nicht einmal, nur vom Namen her.“

„Eben! Und so einer sticht sie alle aus – und das obwohl nicht mal klar ist, ob Parinor noch hinter ihm steht!“ Zelda setzte sich zurück und hob beide Hände, drehte die Handflächen nach oben.

„Das finde ich auch spannend“, fügte Zerline an. Hat er vielleicht wieder was mit Burggräfinnen? Mit der jungen Irmhelde vielleicht?“

„Oder mit Waltrude?“, prustete Selipha, und alle vier Frauen lachten herzlich.

Zelda fasste sich als Erste wieder und wurde schlagartig ernst: „oder … aber das dürft ihr auf keinen Fall weitererzählen … vielleicht mit einer Burggräfin aus kaiserlichem Haus?“

Selipha schlug erschrocken die Hand vor den Mund: „Du meinst …? Nicht möglich!“

„Möglich ist bei Lüstern alles. Die einen lieben ihn, die anderen hassen ihn, das sind meistens die Ehemänner …“

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Texte der Hauptreihe:
K3. Die einen lieben ihn, die anderen hassen ihn
10. Ron 1041 BF
Die einen lieben ihn, die anderen hassen ihn
In den Betten des Königreiches wird die Politik gemacht

Kapitel 3

Gespräch mit dem Großjagdmeister
Autor: BB