Geschichten:Die dunkle Seite - Über die Toten nur Gutes

Aus GaretienWiki
Zur Navigation springen Zur Suche springen

"Wie ich höre, ist alles so getan worden wie es getan werden sollte?"
"Ja, Herr, auch wenn es die Zielperson beinahe geschafft hatte, die Eroberung Mendenas zu überleben."
"Wie das? Hattet Ihr nicht dafür Sorge getragen, dass sie der 'ruhmreiche Schlachtentod' - der Redner sprach diese Worte mit einem spöttischen Unterton aus - jederzeit hätte ereilen können?"
"Gewiss, Euer Er-"
"Keine Namen, formellen Anreden oder Titel! Auch wenn wir hier vor unerwünschten Zuhörern sicher sein dürften, sollten wir kein noch so geringes Risiko eingehen. Außerdem wäre es für jemanden in meiner Position höchst unschicklich, solch´ unappetitliche Vorgänge zu diskutieren, geschweige denn davon zu wissen oder gar mit ihrer Veranlassung in Verbindung gebracht zu werden. Und nun weiter."
"Verzeiht Herr", erwiderte sein Gegenüber mit leicht devotem Unterton. "Wie es Ihnen aufgegeben war, haben sich unsere zwei Agenten stets in der Nähe ihres 'Schützlings' aufgehalten und mich regelmäßig über sein Verhalten auf dem Laufenden gehalten. Unser Kriegsheld gab sich während des ganzen Feldzugs keine Blöße und tat uns leider nicht den Gefallen, vor dem Erreichen Mendenas zu sterben. Wir hatten eigentlich damit gerechnet, dass er irgendwie den Vormarsch behindern, dem Feind heimlich wichtige Informationen zukommen lassen oder gar direkt überlaufen würde, aber seltsamerweise tat der Kerl nichts dergleichen. Sogar bei der Einschließung der alten tobrischen Grafenstadt und der Eroberung des Hafens legte er keinerlei Fehlverhalten an den Tag. Nun, unsere Agenten sahen die letzte gute Gelegenheit zur Erfüllung ihres Auftrags unmittelbar vor dem weiteren Vorstoß ins Stadtzentrum. In dem dann dort herrschenden Chaos wäre es sonst wohl sehr schwierig gewesen, einen geeigneten Moment abzupassen. Irgendwie seltsam: warum hat dieser Verräter seine Maske als ehrenhafter und tapferer Streiter des Reiches bis zuletzt aufrechtgehalten? Ich verstehe das nicht, sein Verrat stand doch außer Frage."
"Und ich verstehe nicht, warum Ihr nicht versteht.", entgegnete sein Gegenüber gelangweilt, während es beiläufig sein Wams glatt strich. "Er gab sich keine Blöße, weil er genau wusste, dass Haffax in Perricum landen würde! Und da er dort den Boden schon für seinen wahren Herrn zumindest teilweise bereitet hatte, konnte er seine Rolle als loyaler Diener des Reiches bis zum Schluss unbesorgt weiterspielen. Haffax Plan - der zumindest von der Grundidee her nicht schlecht war, wie ich zugeben muss - basierte ja darauf, unsere Truppen möglichst weit von Perricum wegzulocken, um uns dort dann mit heruntergelassenen Hosen erwischen zu können. Kurz gesagt: Unser Mann hätte der Sache seines Herrn einen echten Bärendienst erwiesen, hätte er unseren Heerzug sabotiert. Außerdem wissen wir dadurch, dass er in den Überlegungen des Erzverräters eine wichtige Rolle gespielt haben muss, denn seinen Angriffsplan wird er wohl kaum jedem seiner Offiziere offenbart haben."
"Ah, jetzt verstehe ich. Demnach war es also die Loyalität gegenüber dem Erzverräter, die auf dem Kriegszug zur Loyalität dem Reiche gegenüber führte."
"Endlich habt ihr es begriffen." Innerlich stöhnte der höherrangige der beiden Männer über soviel Beschränktheit kurz auf. "Wir werden unserem großen Kriegshelden aber natürlich ein ehrendes Andenken bewahren. 'Über die Toten nur Gutes', so heißt es doch, nicht wahr?" Ein sardonisches Lächeln umspielte sein Gesicht, dass seinen Untergebenen unwillkürlich frösteln ließ. "Aber genug davon", fuhr er fort. "Was ist mit unseren beiden Agenten?"
"Nach Erledigung ihres Auftrages und der Befreiung der Stadt haben sie wohl zuviel gefeiert. Sie haben dabei offenkundig weit mehr getrunken als gut für sie war und sind dann ins Hafenbecken gefallen, aus dem man sie dann am nächsten Tag rausgefischt hat. Trotzdem schade um sie, wie ich hinzufügen möchte."
"Ja, der Alkohol hat schon viele gute Leute das Leben gekostet. Tragisch, tragisch..." antwortete der Sprecher mit gespieltem Bedauern. "Aber grämt euch nicht, wir werden neue Leute finden, die willens und in der Lage sind, Dinge für das Reich zu tun, von denen das Reich nichts wissen darf. Und in diesem speziellen Falle war ihr Opfer aus Gründen der Sicherheit leider unumgänglich." Bei den letzten Worten blickte der Mann missmutig auf seinen rechten Ärmelbund. Dort befand sich ein kleiner Rotweinfleck, wie er jetzt erst feststellte. Wie unangenehm.
"Kann ich Euch sonst noch irgendwie zu Diensten sein?"
"Nein, es ist alles gesagt. Der Rest ist borongefälliges Schweigen."

Trenner Perricum.svg


1. Rondra 1040 BF. Aus einer Ansprache Rondrigan Paligans an den versammelten Adel und das Patriziat von Stadt und Land Perricum, gehalten auf Schloss Perringrund.
"...Doch nicht nur in der stolzen Perle am Darpatmund sowie an der Gaulsfurt wurde für den Schutz des Reiches ein hoher Blutzoll entrichtet. Wir gedenken auch all der tapferen Gefallenen aus unserer Provinz, die an der Seite meiner kaiserlichen Gemahlin für das Reich und die zwölfgöttliche Ordnung fochten und mithalfen, Mendena und große Teile Tobriens zu befreien. Stellvertretend für all diese Streiter sei ihr Oberkommandierender, Baron Wallbrord von Löwenhaupt-Berg, genannt, der unsere Truppen mit großer Umsicht und Geschick ruhmbedeckt bis nach Mendena führte. Während er den entscheidenden Vorstoß in das Herz der Stadt vorbereitete und dabei auch heldenhaft in vorderster Reihe focht, ereilte ihn sein Schicksal in Form eines feige aus dem Hinterhalt abgeschossenen Pfeils. Sein Mut, seine Tapferkeit und sein überragendes militärisches Können sollen allen derzeitigen und zukünftigen Offizieren und Streitern unserer Truppen stets als leuchtendes Beispiel dienen. Möge Baron Wallbrord Eingang in Rondras Hallen finden und..."