Die Südinseln-Affaire - Aus der Sumu tiefem Leib emporgeholt

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Der Landvogt aus Mendena hatte die Tage aufgehört zu zählen, die er in diesem Loch nun schon zugebracht hatte. Seit er hier war wurde zumindest das faulige Stroh nicht mehr als dreimal gewendet und gewechselt. Nicht einmal hatte er die gelegenheit erhalten, sich zu waschen oder zu rasieren, die Kleidung war noch dieselbe wie am Tage seiner Verhaftung, wenn man überhaupt noch von Kleidung sprechen kann. Die Praioskrause um den dünnen hals des Magiers hatte auch schon genügend Rostflecken, denn feucht war's in dem Kerker, und weißer Pils überzog die Steinwände im hinteren Teil der Zelle, dort, wo dieser aneder angekettet war. Der war nur noch ein sabberndes Häuflein Elend, verrückt geworden in der Eintönigkeit von Hunderten von Tage in diesem Loch, beschäftigt nur mit dem eigenen Geist. In den ersten Tagen war er noch aufdringlich gewesen, doch Sherianus hatte ihn bald gelehrt, welches terretorium er für ich beanspruchte. Danach dauerte ihn das Schicksal des Mannes - war es vielleicht sein eigenes? - ud er beschäftigte sich mit ihm. Sein Name war Danne, oder so ähnlich, denn mehr als dieses Wort war dem zahnlosen Mund des anderen nicht entronnen. Doch ließ Sherianus alsbald auch davon ab, mit diesem manne eine sehr einseitige Diskussion zu führen.

Niemals vorher hatte der Landvogt derartig viele Stunden in der Nähe seines Kontrahenten Baron Rallerfeste zugebracht, der in einer zelle schräg gegenüber eingelocht war. Erst kürzlich war der zellengenosse des Rallerfeste gestorben, und ein neuer wurde dort eingelocht, ein aristokrtischer Mann mit hoher Stirn und gepflegtem Bart und feiner Kleidung, der aber nicht mehr war als ein Hochstapler, ein mutiger Bauernsohn aus Almada. Die ersten tage beneidete Sherianus den rallerfeste, denn der schien nun jemanden gefunden zu haben,. mit dem man zumindest reden konnte, doch nach weiteren Tagen schreien sich der Neue und Rallerfeste bloß noch an und wurden sogfar schon einmal handgemein, wonach die Wärter beiden Gefangegen blutige Nasen schlugen. Rallerfetse hatte immer noch eine grün-blaue Beule unter dem Auge, die zu sehen Sherianus insgeheim seine einzige Freude bereitete.

Die Tür am Ende des Ganges wurde lautstark geöffnet, der Schlüssel rasselnd im Schloß gedreht. Schon wieder dieser Fraß? Die Wärter, in fettigen Lederhosen, mit freiem Oberkörper und Knüppelbewehrt, kamen den Gang herunter, wobei sie knallend gegen die Stäbe schlugen, um die flehenden Gefangenen von dort zu vertreiben, die dürre Arme hinausstreckten, um die-Götter-wissen-was zu erlangen. Sherianus rührte sich nicht von seinem Platz an der Mauer; ihm waren die Wächter herzlich egal. Doch diesmal blieben sie erst an seiner Zelle stehen! Der Schein von vielen Fackeln blendete ihn, und er konnte wenigstens vier Wärter erkennen. Und daneben stand noch ein schmales Männlein, das sich ein weißes Tuch vor die Nase preßte - stank es denn so furchbar hier?

„Sherianus von Mendena?“ frug ein Wärter rasselnd. „Auf, auf, Gesell, troll dich!“ Dabei öffnete er die Zellentür, die mit einem kratzenden geräusch aufschwang. Rost platzte von den Scharnieren, dann traten zwei Wärter herein und hoben den Landvogt unsanft auf. Die Fußfesseln wurden gelöst, aber dafür handfesseln angelegt. Dann führten sie ihn auf den Gang. Sherianus warf noch einen Blick zurück. Verständnislos starrte ihn dann an, nicht begreifend, was vor sich ging.

Ewig wird der hier noch bleiben, dachte Sherianus, um dann vergessen zu sterben.

„Jetzt geht's dir an den Kragen, Sherianus!“ rief Rallerfeste aus seiner Zelle, doch schwng in der Stimme unüberhörbar die Sngst mit, daß der Landvogt vielleicht befreit würde, während der Baron die nächsten jahre noch hier schmoren müßte ...

Doch Sherianus erwiderte darauf gar nichts, zu sehr war er mit Gehen beschäftigt. Die dünnen Beine hielten iohn nur zitternd, und neimals hätte er zu fürchten gewagt, daß es schwer sein könnte, einen Fuß vor den anderen zu setzen. War er denn ein alter Mann? Die vier Wärter nahmen ihn in die Mitte und stützten ihn leidlich, der schmale Mann aber, offensichtlich ein Sekretär oder ähnliches, in schwarzem Rock und schwarzen Kniebundhosen und Schnallenschuhen, ging voraus.

Wochenlang waren die Zelle und der Gang die ganze Welt des Sherianus gewesen, nun durchschritt er die schwere Eichentür am Ende des Weltenganges, um in eine enge, düstere Wachstube zu treten. Von hier gingen noch andere Gänge ab, vermutlich ebenfalls voll mit bedauernserten Geschöpfen. Eine Treppe führte nach oben. Sherianus brach allerdings nach wenigen Stufen bereits zusammen, so daß die starken Wächterarme ihn mehr trugen, als daß er es aus eigener Kraft geschafft hätte. Sjherianus wurde es schwarz vor Augen, sein Kreislauf war an Bewegung dieser Art nicht mehr gewöhnt. So verpaßte er, die Zahl der Treppen und Stockwerke zu zählen, bis er schließlich in einen Gang geschoben wurde, der fenster besaß! Frische Luft kam von draußen herein, kalt und feucht, doch Sherianus sog sie gierig ein. Der Sekretär ging voraus, durch viele mächtige Korridore, mit dicken Wänden, breiten Söllern und hohen Decken mit Kreuzgewölbe. Offensichtlich befand er sich in einer Burg.

Die anstrengende Reise des Sherianus endete in einem kleinen Zimmer. Es war läneger als breit, doch geräumiger als die Zelle. Durch ein Fenster fiel fahles Tageslicht. Es gab einen Tisch, zwei Stühle, ezwei Eimer, eine Schlafstelle und eine Lampe. Sherianus wurde auf einen Stuhl gesetzt, der Sekretär setzte sich gegenüber, man nahm ihm die Handfesseln ab, nicht aber die Praioskrause, dann gingen die Wärter. Erstaunt stellet Sherianus fest, daß sie plkötzlich dunkle Waffenröcke trugen und Hellebarden in der Hand hatten und Helme auf dem Kopf! Es waren wohl andere.

„Euer Hochgeboren? Herr Sherianus von Darbonia, weiland Landvogt von Borwein und mendena?“ hub der Mann mit krächzender Stimme an.

„Ja, der bin ich,“ gestand Sherianus verwirrt.

„Ich bin Kanzleiassessor Alrik C. Jörbard. Man hat mich beauftragt, Euch die Beweise vorzulegen, deretwegen Ihr interneirt worden seid. Desweiteren bilde ich Euren Rechtsbeistand, so Ihr nicht einen eigenen bestellen wollt. Dazu dürft Ihr einen Brief nach Mendena senden. Bevor wir allerdings damit anfangen, bitte ich Euch, Euch zu waschen und die frische Kleidung anzuziehen, die dort auf dem Bett kiegt.“ Mit diesen Worten verließ er die Ksmmer.

Sherianus bemühte sich zu einem der beiden Eimer, der tatsächlich mit Wasser gefüllt war. In der glatten Oberfläche spiegelte sich sein Gesicht, und er erschrak. Ein zotteliger Bart bedeckte den unteren Teil seines Gesichtes, die Nase beherbergte einen auffälligen, roten Furunkel auf ihrer Spitze, Dreckschlieren lagen auf der Stirn, das Haar war ebenfalls wirr und verfilzt. erschreckend war aber auch die große Zahle weißer Haare in Haupt- und Barthaar. Genau über der Stirn war eine lange Strähne schlohweiß. Die Tür öffnete sich wieder, und Jörbard brachte ein Stück Seife, die er wohl im eigenen Interesse aufgetrieben hatte, dazu Rasierzeug. Sherianus hatte nun gut eine Stunde Zeit, in der er sich ausgiebeig wusch, rasierte und mit dem scharfen Messer auch seine Haare kürzte. Das Spiegelbild in dem Eimer aber war ohne den schützenden bart noch erschreckender: Die Wangen waren hohl und eingefallen, die Augenhöhlen dunkel. Die Haut spannte sich über den Wangenknochen. Die alten Sachen, dreckstarrend und voll Ungeziefer, warf Sherianus in den anderen Eimer. Dann legte er die neuen Sachen an, schlichte Leinenkleidung. Ein Hemd, eine Hose, Filzschuhe und ein Umhang gegen die Kälte.

Als Jörbard nun wiederkam, hatte er einen Stapel mit Pergamenten und Blättern unter dem Arm, Tinte und Federn in der andern Hand. Das alles breitete er über den Tisch aus und gab dem landvogt schließlich die Abschriften der Beiweisstücke zu lesen. Mehrmals mußte er schlucken, ob der haarsträubenden Passagen in den Briefen, die er selbst verfaßt hatte. „Warum hat man mich hierher verlegt?“ fragte er unvermittelt.

„Äh, Euer Freund, der Baron Rallerfeste, hat sich doch oftmals lautstark beschwert. Das haben die Wächter unten den Wächtern oben erzählt, un die haben es mir erzählt, und ich habe es dem Kanzleirat erzählt, naja und der hat angeordnet, daß man Euch verlegen soll. Ihr habt ja nun schon lange genug gesessen. Hehe.“

Sherianus war mit der Antwort nicht sehr zufrieden und mit blitzenden Augen maß er sein gegenüber, als dieses trocken zu lachen begann. Daraufhin verstummte dieser und begann ihm eilfertig die wichtigen Punkte in den Beweisen zu erklären. Schließlich verlangte Sherianus Tinte und Pergament und setzte seinen ersten Brief seit Wochen auf. Seine Handschrift war zittrig, doch lesbar. Den Brief nahm Jörbard mit, doch ließ er dem Sherianus einen großen Teil der Schriften da, mit denen der andere sich auch noch lange beschäftigte. Dann stand er auf und schritt zum Fenster, aus dem er gerade noich heraussehen konnte, da es recht hoch lag. Shreianus konnte draußen eine traurige, regenverhangegne Landschaft erkennen. Es mußte Frühling sein, oder ein schlechter Sommer hier in ... verdammt, er hatte vergessen zu fragen, wo er sich befand. Das würde er nachholen müssen.

Die Tür wurde geöffnet und zwei Knechte kamen herein, der eine wechselte den Eimer, in den Sherianus seine stinkenden Sachen geworfen hatte, und barchte auch frisches Wasser, der andere bat Sherianus zu Tisch. Und es war Essen! Sherianus galubte, nie wieder einen besseren Eintopf essen zu können, als diesen, auch wenn er wäßrig war und viel zu heiß. Obwohl noch immer gefangen und angesichts der beiwese nicht sehr beruhigt, schlief Sherianus nicht unglücklich ein.