Die Macht des Wortes

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Anshag Breitenbach, seines Zeichens Vorsteher der Schreibstube auf Burg Rabicum, seufzte innerlich, als er von einer Wache die Mitteilung erhielt, dass seine Herrin Maia von Perricum ihn unverzüglich in einer höchst wichtigen Angelegenheit zu sehen wünsche. Derlei Wünsche bedeuteten seiner Erfahrung nach Arbeit, ruinierte Nerven und vergeudete Lebenszeit. Anshag atmete noch einmal tief durch, bevor er sich straffte und an der Tür des Arbeitszimmers der Landvögtin klopfte, wohin sie ihn bestellt hatte. Nach einem leisen "Herein" betrat er das Zimmer, verbeugte sich und sprach: "Euer Hochgeboren haben mich rufen lassen?"

"Jaja, das habe ich", antwortete Maia lächelnd. "Ihr erinnert euch doch sicher noch an das jüngst zu Ende gegangene Fest zur Genesung der perricumer Lande!"

Wie könnte ich nicht: Ein Haufen Leute, die das Lehen halbleer gefressen, dabei über allerlei wirres Zeug diskutiert hatten. Und der Herold bekommt jetzt noch Krämpfe, wenn er daran denkt, was das alles gekostet hat. Da hätte man das ausgegebene Gold besser direkt den Armen zukommen lassen oder in den Fluss kippen können.
"Natürlich, euer Hochgeboren. Soweit ich das beurteilen kann, war es ein großer Erfolg und wird gewiss maßgeblich dazu beitragen, dass die Gräben innerhalb der Provinz alsbald überwunden werden."
Wenn man nicht vorher darunter verschüttet wird. Wie gut, dass Naivität keine Schmerzen verursacht.

"Ganz recht, mein Guter, ganz recht. Hier habe ich die Abschlusserklärung, mit der sich alle Unterzeichnenden dazu verpflichtet haben, zukünftig nur noch zum Wohle des Landes zu handeln."

Na klar, wo sich der Adel nicht einmal das Schwarze unter den Fingernägeln gönnt und die Pfeffersäcke einander für ein Butterbrot an den Namenlosen verschachern! Und morgen reiten Einhörner auf einen Regenbogen gen Sonnenuntergang. Ich hätte schon früher auf Mutter hören und die Dienstherrin wechseln sollen. Scheiß Loyalität.
"Ein großer, ja, ein historischer Tag für Perricum, fürwahr, euer Hochgeboren."

"In der Tat. Bitte sorgt für ausreichend Abschriften dieses bedeutsamen Dokuments, die dann an die Unterzeichner und unsere Boten zu übergeben sind, die es überall im Lande aushängen und verkünden werden. An den Formulierungen bedarf es, denke ich, keine großen Änderungen, das ist schon ganz wunderbar." Mit diesen Worten überreichte die Landvögtin ihrem Bediensteten das Pergament, welcher es kurz überflog.

Bei. Den. Göttern. Wer hat dieses Verbrechen an Rechtschreibung, Stil und Grammatik begangen und alle drei dermaßen geschändet! Und warum ist sowas nicht strafbar? Das arme Rind, das dafür seine Haut und sein Leben geben musste! Auf dem Seminar hätten sie mich für so ein Machwerk relegiert und es mir dahin gesteckt, wo keine Sonne scheint.
"Habt Dank, euer Hochgeboren. Es wird so geschehen, wie ihr es wünscht."
Als wenn ich auch eine Wahl hätte! Hm, vielleicht sollte ich doch wieder mit dem Trinken anfangen, dann wäre das Alles hier zumindest ein wenig besser zu ertragen.

Zurück in der Schreibstube las sich Anshag die Erklärung nochmal in Ruhe durch, wobei er sich kurz nacheinander zwei Schnäpse genehmigte. Anschließend musste er sich kräftig schütteln, wobei unklar blieb, ob dies dem Alkohol oder der erneuten Lektüre des Pergaments zuzuschreiben war.
Hm, da hülfe eigentliche nur eines: Verbrennen und neu schreiben, auch wenn das nur ein frommer Wunsch bleiben wird. Immerhin hatte es der oder die Verfasser geschafft, ein Maximum an Text mit einem Minimum an konkreten Inhalten niederzuschreiben. Irgendwie auch eine Leistung. Und wo habe ich nur die zweite Flasche Meskinnes versteckt? Und warum bin ich nicht als Schreiber zur Stadtwache gegangenen wie Vetter Woldemar?
Einige Minuten später rief der seltsam gelöst und entspannt wirkende Vorsteher der Schreibstube seine Untergebenen zusammen und teilte Ihnen die Anweisungen der Landvögtin mit.

An die Bewohner der Markgrafschaft Perricum

 
 
 
 
Vivum Perricumensis

Wir, die Unterzeichnenden, die wir uns am ersten Tage des Mondes des Herrn Phex im Jahre Eintausendundvierzig nach dem Falle Bosparans auf dem Marschenhof versammelt und sieben Tage getafelt und sinniert haben, erklären und legen hiermit hochfeierlich nieder:

Ad primum.
Wir wünschen - hochbeschwingt von der jungen Göttin Tsa - in Frieden und Harmonie in den kultur- und traditionsreichen Perricumer Landen beiderseits des Darpats zu leben , welche unser allerlieblichste Heimat sind. Sie sollen im Sinne der alveranischen Echse gedeihen. Dies soll unser aller großherziges Bestreben sein.

Ad secundum.
Wir begehren hochfreudig Verständnis und Respekt in dieser unserer hochgeliebten Heimstatt; Eintracht statt Zwietracht soll unser hehres Motto sein.

Ad tertium.
Wir ersehnen hochgütig die friedliche und einvernehmliche Beilegung von Streit und Hader jedweder Art, deren wir angesichtig oder in die wir verwickelt werden sollten, denn unser aller Heimlande sollen von der schönen und der jungen Göttin geküsst sein.

Ad quartum.
Wir sehnen uns nach dem einen gesunden und fruchtbaren Lande, das uns Leben zu schenken vermag. So gefällt es uns hochstimmungsvoll, unserer nährenden Heimat nicht von nur von ihren im Boden ruhenden Schätzen zu nehmen, sondern sie mit Muse und Stärke hierfür zu entlohnen, den drei gütigen alveranischen Schwestern zum Wohlgefallen. Wir streben bei all unseren Taten an, das Wohl des Landes im Zweifelsfalle über unsere eigenen Interessen zu stellen.

Ad quintum.
Wir - gleich welchen Ursprungs in unserer kulturvollen Heimat - gelüsten hochsehnsuchtsvoll danach, fürdererst Perricumer zu sein und als solche dem Reiche Rauls des Großen zu dienen.

Ad sextum.
Wir vertrauen hochhoffnungsvoll darauf, die vorgenannten Werte und Ziele in unser aller Leben stets und überall zu verwirklichen und mit hohem Beispiele vorzuleben gegenüber unseren geliebten Familien , unseren getreuen Freunden sowie all jenen, die uns in hochheiliger Pflicht zu Schutze und Sorge anbefohlen sind.

Ad septimum.
Es ist unser aller hochsinnlichstes Bedürfnis und Verlangen, dass diese unsere gemeinsame Charta ihre Wirkung entfalte und niemand ihr zuwider handle.

Gegeben und begossen zu Marschenhof am siebenten Tage des Mondes des Listenreichen im Jahre Eintausendundvierzig nach dem Untergange Bosparans
 
 
 
 
Zeichen und Siegel der Unterzeichnenden