Die Krähe

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Talon blickte aus seiner Kerkerzelle und ließ den Blick über den Burghof streifen. Hoch oben am Torturm flatterte das Banner des Grafen von Ochsenwasser im Wind, der heulend um die Mauern fuhr und den Regen durch die Gitterstäbe in seine Zelle trieb. Schon seit dem Morgengrauen ergoß sich das Wasser in Strömen vom Himmel, gerade so, als wolle der Herre Efferd seiner Schwester Peraine den Erdboden entreißen und zu einem Teil seines feuchten Reiches machen. »Hätte ich mir doch bloß einen anderen Tag ausgesucht, um mich in die Gemächer des Grafen einzuschleichen«, dachte Talon bei sich und zog die Decke fester um die Schultern. Er fror erbärmlich, und der kalte Hauch des Boronmondes ließ seinen Atem zu winzigen Eiskristallen erstarren. Seine Kleider waren auch jetzt - es mußte um die zweite Stunde der Rondra sein - noch klamm vom Morgentau, und allmählich bekam er das Gefühl, als ob der Rotz aus seiner Nase laufen wollte. »Eigentlich geschieht mir nur recht, daß ich nun in diesem kalten Loch sitzen muß«, murmelte er zu sich selbst. Wie ein blutiger Anfänger hatte er sich benommen! Wenn er doch nur die Türe der gräflichen Gemächer ordentlich verschlossen hätte, wären die Diener gewißlich nicht auf ihn aufmerksam geworden. Doch es war geschehen und ließ sich nicht mehr rückgängig machen. Er hatte versagt; vor dem Herre Phex, vor seinem Vetter Darbald, und vor allem vor sich selbst. Nun blieb ihm nichts Anderes übrig, als auf seine gerechte Strafe zu warten, und man sagte, daß der Graf mit Dieben nicht zimperlich umginge.

Gegen Abend vernahm er feste Schritte, die durch den Gang marschierten, und wenig später wurde der Riegel seiner Zellentür zurückgeschoben. Eine kleine Ewigkeit später, so schien es ihm, öffnete sich endlich die Tür, und ein Weibel aus der Garde des Grafen trat herein.

»Hoch mit Dir, Du nichtsnutziges Diebesgesindel!« schnauzte der Weibel und legte die Hand an den Griff seines Säbels. Mühsam stemmte Talon sich hoch, und brennender Schmerz raste durch seine steifen Glieder.

»Wird's bald? Wir haben nicht den ganzen Abend Zeit! Oder soll ich Dir etwa Beine machen?«

Langsam einen Fuß vor den anderen setzend folgte Talon dem Weibel hinaus auf den Gang und wurde sofort von vier wartenden Soldaten in die Mitte genommen.

»Fünf Wachen, um einen Gefangenen aus seiner Zeile zu geleiten«, dachte Talon bei sich, »so durchgefroren, wie ich bin, könnte ich hier doch ohnehin nicht einfach irgendwo hin verschwinden.«

Die Wachen führten ihn durch die dunklen Gänge der Burg, vorbei an einigen anderen Zellen, deren Türen jedoch offenstanden. »Mir scheint, ich bin derzeit der einzige Gefangene hier«, murmelte Talon vor sich hin, während er versuchte, mit den Soldaten Schritt zu halten.

Wenig später erreichte der Zug die große Halle der Burg, in welcher Barnhelm von Rabenmund, Graf zu Ochsenwasser, Hof zu halten pflegte. Ein Soldat aus der gräflichen Leibgarde öffnete die schwere, doppelflüglige Eichentür, und Talon, der einen Augenblick zögernd stehengeblieben war, wurde von einem seiner Wächter in den Thronsaal gestoßen, so daß er um ein Haar das Gleichgewicht verloren hätte und zu Boden gestürzt wäre. Am anderen Ende der Halle erblickte er den Grafen, der am Kopfende einer langen Tafel in einem hohen Lehnstuhl saß und mit einer jungen rothaarigen Dame in ein Gespräch vertieft war. Die Soldaten schienen auf ein Zeichen ihres Soldherrn zu warten, denn sie wagten nicht, sich der Tafel zu nähern. So blieb Talon, der noch immer in ihrer Mitte stand, nichts Anderes übrig als ebenfalls zu verharren und aus den Augenwinkeln verstohlen den gräflichen Thronsaal zu betrachten. Die Wände waren mit kostbaren Gobelins behängt, die das Wappen der Graftschaft Ochsenwasser und des Hauses Rabenmund zeigten, und ein besonders großer Gobelin in der Mitte war mit einer Karte der Grafschaft bestickt worden. Fast drei Mannslängen ragte der Thronsaal über ihm auf, dessen hölzerne Decke von mächtigen, mit Schnitzereien versehenen Eichenbalken getragen wurde. Der Schein der Pechfackeln, die in kunstvollen schmiedeeisernen Haltern an den Mauern ruhten, tauchten den Saal in warmes Licht, wenngleich das im Kamin prasselnde Feuer nur die Umgebung des Grafenthrones zu erwärmen vermochte.

Barnhelm von Rabenmund hob den schweren, mit almadanischem Rotwein gefüllten Kristallpokal und leerte ihn in einem Zug, bevor er sich gemächlich von seinem Stuhle erhob und seinem Gast bedeutete, ihm zu folgen. So stieg er die Stufen des Podestes hinauf, auf welchem der Grafenthron ruhte und ließ sich in selbigem nieder, während sich die rothaarige Dame auf einen gepolsterten Lehnstuhl an seiner Seite setzte. Mit einer schnellen Handbewegung winkte er die Soldaten heran, um sich dem dreisten Dieb zu widmen, der sich am vergangenen Abend in die Burg eingeschlichen hatte und in den gräflichen Gemächern von einem Diener gestellt worden war, als er eine Schmuckschatulle durchwühlte.

Mit gesenktem Haupt stolperte Talon den Soldaten hinterher, bis ihn schließlich keine zehn Schritte mehr vom Grafenthrone trennten. Verlegen blickte er zur Seite, während er auf die Knie fiel, doch seine Augen blieben an der jungen Dame hängen. »Bei Phex, die Baronin!« dachte er, als er die Herrin seines Heimatdorfes Aschenfeld erkannte, und schnell ließ er den Kopf sinken, während ihm die Röte ins Gesicht stieg. So bemerkte er nicht, daß die Baronin von Aschenfeld auch ihn erkannt hatte und daraufhin erschrocken zusammenzuckte.

Nachdem der Graf Talon eine ganze Weile von seinem Throne aus gemustert hatte, erhob er sich schließlich und trat die Stufen hinunter, ganz so, als ob er Talon genauer ansehen wollte.

»Wie heißt Du?« fragte der Graf streng.

»Mein Name ist Talon«, murmelte er leise.

»Das ist doch sicherlich nicht Dein richtiger Name, oder? Wie heißt Du wirklich?«

»Ich heiße Talon«, wiederholte er ebenso leise wie zuvor.

»Lüg mich nicht an!« herrschte ihn der Graf an. »Ich kenne Deinesgleichen zu Genüge, und niemand Deines Schlages nennt sich bei seinem richtigen Namen. Also, Bürschchen, rede: Wie heißt Du wirklich? Antworte, oder ich werde deinen Namen aus Dir herausprügeln lassen!« Erwartungsvoll blickte der Graf auf ihn hinab.

»Ich habe es Euch gesagt: Ich heiße Talon!« zischte er und hob den Kopf.

Wütend zog der Graf seinen Handschuh aus dem Gürtel und schlug Talon damit heftig ins Gesicht, so daß das nietenbeschlagene Leder dunkelrote Spuren auf der Wange des Diebes hinterließ.

Talon erhob sich. »Es verwundert mich kaum, daß ihr mir meinen Namen nicht glauben wollt, und doch kennt Ihr mich, wenngleich Ihr mich auch noch niemals zu Gesicht bekommen habt.« Der Graf ließ die Hand, die er soeben erhoben hatte, um erneut mit dem Handschuh auszuschlagen, sinken und blickte Talon fragend an. »Ich sollte Dich also kennen, behauptest Du. Fürwahr, das ist schon ein gewaltiges Stück, daß Du Dir da herausnimmst. Nun laß hören, was Du zu sagen hast!« Barnhelm von Rabenmund verschränkte die Arme vor der Brust und sah Talon auffordernd an.

»Man nennt mich die Krähe«, antwortete der Dieb betont langsam und blickte dem Grafen fest ins Gesicht.

Die Züge des Grafen strafften sich. »Du also willst die Krähe sein, jener Phexenjünger, den meine Büttel schon seit mehreren Götterläufen vergeblich zu fassen versuchen?« Barnhelm von Rabenmund schien seinen Ohren nicht trauen zu wollen, und auch der Baronin von Aschenfeld stand das Erstaunen ins Gesicht geschrieben.

»Du scheinst mir ein wenig zu jung zu sein, um die Krähe zu sein. Schon seit neun Jahren spricht man in der ganzen Grafschaft von den Taten der Krähe, doch Du magst noch nicht einmal siebzehn Götterläufe zählen. Glaubst Du wirklich, daß ich Dir diese Geschichte glaube?«

Talon nickte. »Ich habe Euch nicht belogen; ich bin die Krähe. Wenngleich ich auch jung sein mag: Wer sagt Euch, daß ich nicht der zweite oder gar dritte bin, der diesen Namen trägt?«

»Du hast Mut, Bürschchen. Doch ich bezweifle sehr, daß Du Dir der Folgen dieser Behauptung bewußt bist!«

»Ihr werdet mir die Hand abschlagen lassen, so wie es die Strafe für einen jeden Dieb ist«, antwortete Talon leise.

»Wohl war, wohl war. Doch diese nur gerechte Strafe meinte ich nicht. Was denkst Du, was die echte Krähe mit Dir anstellen wird, wenn sie die Kunde erreicht, daß Du Dich für ihre Person ausgegeben hast?«

»Sie wird nichts unternehmen, denn sie weiß es längst. Oder meint Ihr etwa, daß ich mich selbst bestrafen würde, weil ich mich für meiner selbst ausgebe?«

»Es sei. Wenn Du also darauf bestehst, die Krähe sein zu wollen, so will ich Dir diesen Glauben nicht nehmen. Oder möchtest Du Deine Meinung doch noch ändern, bevor ich das Urteil fälle?«

Talon schwieg.

»So vernimm denn Deine Strafe. Im Morgengrauen soll Dir der Scharfrichter die rechte Hand abschlagen, so wie es einem jeden Dieb gerechte Strafe ist. Doch da Du die Krähe bist, wird er das Beil nicht am Handgelenk, sondern am Ellenbogen ansetzen!« Ein spöttisches Lächeln glitt über das Gesicht des Grafen. »Und nun schafft ihn zurück in die Zelle!« Er wandte sich ab und begab sich zurück zum Grafenthron.

Die Soldaten nahmen Talon wieder in ihre Mitte und wollten sich gerade in Bewegung setzen, als sich der Graf noch einmal umwandte. »Halt, wartet noch einen Augenblick. Sag, Talon, woher stammst Du?«

»Aus Aschenfeld.« Betreten blickte der Dieb zu Boden.

»Aus Aschenfeld, soso«, murmelte Barnhelm von Rabenmund bedächtig und sah die Baronin an, die nunmehr mit bleichem Gesicht vor ihrem Stuhle stand. »Ich muß sagen, ein schönes Gesindel habt Ihr da in Eurer Baronie, meine Liebe. Mir scheint, ich muß dort einmal persönlich nach dem Rechten sehen. Doch sagt mir, kennt Ihr diesen Knaben?«

Die Baronin nickte stumm.

Mit einem Wink gab der Graf den Soldaten zu verstehen, daß sie sich nun entfernen konnten. Dann ließ er sich schweigend auf seinem Thron nieder.

Als die Wachen Talon aus dem Saal geführt und die Tür wieder verschlossen hatten, wandte er sich erneut an die Baronin von Aschenfeld: »Nun, was ist mit diesem Knaben?«

Die Gestalt der Baronin straffte sich. »Er ist das dritte Kind eines Aschenfelder Bauern, doch sieht man ihn nur selten auf dem Felde. Wissen die Götter, an welchen Orten er sich herumtreibt, während seine Familie ihrem Tagewerk nachgeht.«

»Dann mag es wohl wahr sein, daß er wirklich ein Dieb ist und sein Einstieg in die Burg nicht nur ein dummer Landjungenstreich war. Doch ich vermag nicht zu glauben, daß er wahrhaftig die Krähe ist!« Der Ausruf des Grafen hallte laut im Saal wider.

»Fürwahr, es fällt schwer, diese Behauptung für bare Münze zu nehmen. Doch sagt ehrlich, Hochwohlgeboren: Glaubt Ihr, daß der Knabe Euch belogen hat?«

»Ihr habt erkannt, worauf ich hinaus wollte. So, wie er dort unten stand und sprach, wirkte er, als ob er wahr spräche. Und doch hat es den Anschein, als ob er es nicht sein könne!«

Die Baronin runzelte die Stirn. »Bedenket jedoch, daß er der Zweite oder gar Dritte dieses Namens sein könnte, wie er Euch selbst geantwortet hat! Und wie, in der Götter Namen, wollt Ihr ihm nachweisen, daß er unwahr sprach?«

Barnhelm von Rabenmund überlegte einen Augenblick. »Wißt Ihr, werte Alruna, genaugenommen bin ich nicht gewillt, ihm seine Unschuld an den Taten der Krähe nachzuweisen. Er ist erwiesenermaßen ein Dieb und wird seine gerechte Strafe erhalten, ganz gleich, ob er nun die Krähe ist oder nicht.« Damit erhob er sich, stieg hinab zur Tafel und füllte die Pokale. »Doch nun zu Euch selbst, Alruna Nella von Aschenfeld. Habt Ihr eine Erklärung dafür, wie sich solches Gesindel auf dem Euch anvertrauten Grund und Boden auszubreiten vermochte?«

Verlegen schüttelte die Baronin den Kopf. »So unverständlich es auch klingen mag, Euer Hochwohlgeboren, doch eine Erklärung vermag ich nicht aufzuweisen. Doch ich gelobe in der Götter Namen, Aschenfeld künftig aufmerksamer zu verwalten!«

»Nun, Eure Einsicht lobe ich mir. So werde ich gern fürs Erste auf eine Inspektion Eurer Ländereien verzichten. Allerdings trage ich Euch folgendes auf: Werft ein besonderes Augenmerk auf diesen Knaben!« Dann reichte er der Baronin einen der Kristallpokale.

»Das werde ich«, dachte sie, »wenngleich auch auf eine andere Weise, als Ihr es erwarten werdet!« Sie nickte dem Grafen zu, hob den Pokal an die Lippen und trank.

Eine helle Frauenstimme riß Talon aus seinem unruhigen Schlaf und ließ ihn aufspringen, um an der Türe zu lauschen. »Ich möchte den Gefangenen sprechen!« hörte er die Baronin von Aschenfeld sagen.

»Aber, Euer Hochgeboren, der Graf hat ausdrücklich Anweisung gegeben, daß niemand zu ihm gelassen werden dürfe. Ihr wißt doch...«

»Schon gut, schon gut. Wenn seine Hochwohlgeboren es befohlen hat, so mag ich mich seinem Willen nicht widersetzen. Haltet denn gut Wache, so Ihr den Grafen nicht entzürnen wollt!«

Enttäuschung überkam Talon, als er sich entfernende Schritte vernahm, und so setzte er sich mißmutig auf die Pritsche und starrte durch die Gitterstäbe in die Finsternis hinaus.

Wenig später erklang ein helles Scheppern jenseits der Türe, und kurz darauf hörte Talon, wie der Riegel seiner Zellentür zurückgeschoben wurde. Dann fiel der helle Lichtschein einer Fackel in seine Zelle, und die Baronin trat ein. Sie legte den Zeigefinger vor ihre Lippen und bedeutete ihm, still zu sein.

»Was, bei allen Göttern, hast Du Dir bloß dabei gedacht, in die Gemächer des Grafen einzusteigen? Bist Du denn von Sinnen?« flüsterte sie zornig.

»Schuld an allem ist nur mein Vetter Darbald. Ich habe mich von ihm zu einem Wettstreit verleiten lassen, da er behauptet hat, er wäre der bessere Dieb von uns beiden«, berichtete Talon zögerlich. »Und da wollte ich halt einen Ring aus dem Besitz des Grafen stehlen, denn daß hätte der Darbald niemals gewagt!« 

»Das war sehr unklug von Dir. Doch Du hast Glück, daß ich gerade jetzt hier auf der Burg weile und Dir helfen kann!« flüsterte sie. Talon blickte sie fragend an. »Ich werde Dir zur Flucht verhelfen,« verkündete sie zu seinem Erstaunen, »doch Du mußt mir eines versprechen: Du wirst Dich sofort auf den Weg zurück nach Aschenfeld begeben. Sobald Du dort bist, wirst Du meinen Majordomus aufsuchen und ihm sagen, daß der Herr Phex Dich schicke. Und dann tust Du genau das, was er Dir auftragen wird!« Sie legte ihre Hand unter sein Kinn und hob seinen Kopf sanft in die Höhe, so daß sie ihm in die Augen schauen konnte. »Hast Du das verstanden?«

Talon nickte, und Tränen standen in seinen Augen. »Warum tut Ihr das, Herrin?« flüsterte er verwundert.

»Weil wir Beide genau wissen, daß Du nicht die Krähe bist. Und nun schweig still, bis Du die Burg verlassen hast!« Dann führte sie ihn leise durch die Burg hinauf auf den Wehrgang und ließ dort ein Seil von der Mauer herab.

»Phex sei mit Dir«, flüsterte sie und drückte ihn sanft an ihre Brust. »Und nun geh!«

Geschickt kletterte Talon am Seil hinunter. Dann winkte er der Baronin noch einmal zu und verschwand schließlich in den Morgennebeln des Boronmondes.

Baronin Alruna Nella von Aschenfeld blickte ihm lange nach, auch wenn sie ihn längst aus den Augen verloren hatte. Am folgenden Tag schließlich, nachdem sich der Aufruhr um Talons Flucht gelegt hatte, verließ sie um die Mittagszeit die Burg des Grafen Barnhelm von Rabenmund, um die Heimreise anzutreten. Daheim wartete ein neuer Novize auf sie, und so Phex wollte, würde er ihr bester Schüler werden.

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Texte der Hauptreihe:
K2. Die Krähe
Autor: CD