Die Faust des Grafen - Fragen

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Festung Feidewald, 05. Peraine 1031 BF, später am Tag

„Nun, Dom Ludorand, Ihr habt ja die Wünsche seiner Hochwohlgeboren vernommen.“

Boraccio nahm einen Schluck Wein aus dem Becher vor ihm. Mit einem leicht angewiderten Gesichtsausdruck stellte er ihn wieder auf den Tisch. Diese Barbaren hier im Norden verstehen einfach nichts von Rahjas Gaben. Er würde sich wohl nach einem zuverlässigen Händler umsehen müssen, der anständigen Wein bis hierhin nach Feidewald lieferte, wenn er wirklich dieses Edlengut beziehen wollte. „Wenn das stimmt, was ich über Euren ... Cousin?“

Das letzte Wort war als Frage formuliert. Auf das zustimmende Nicken seines Gegenübers hin, fuhr er fort.

„Über Euren Cousin gehört habe, dann wird er wohl kaum freiwillig unserer höflichen Einladung Folge leisten. Das bedeutet wohl, dass wir nicht umhin kommen dem Willen des Grafen mit Waffengewalt Nachdruck zu verleihen. Leider war es mir in der ganzen Eile bislang nicht möglich, mich mit den genauen Gegebenheiten vertraut zu machen. Aber da die Burg Stammsitz Euer Famiglia ist, hatte ich gehofft, Ihr könntet meiner Unwissenheit abhelfen. Sicherlich kennt Ihr die Stärke der Truppen, die Euer werter Cousin in der Lage ist auszuheben und wisst bestens Bescheid über die Toranlagen und andere, weniger offensichtliche, Zugänge?“ Der Almadaner schaute Ludorand von Schwingenfels erwartungsvoll an.

„Nun, selbst wenn ich Euch diese Zugänge zeigen würde, würden sie uns nichts nutzen. Mein Vetter kennt die Orbetreu besser als jeder andere und wird sich entsprechend vorbereiten.“

Der Almadaner zog die Augenbrauen zusammen. „Dom Ludorand, dass Euer Cousin kein Narr ist, davon gehe ich aus. Aber vielleicht lässt er sich ja ablenken, wenn wir ihn genügend an einer Seite beschäftigen. Nicht zuletzt bietet jeder Zugang auch die Möglichkeit eines Ausfalls. Und ich schätze es ganz und gar nicht, wenn man mir in den Rücken fällt.“

Der letzte Satz war sehr scharf betont. Ludorand überging die Schärfe in Boraccios Stimme: „Kein Zugang der Orbetreu ist geeignet, um unsere Streitmacht derart in Bedrängnis zu bringen.“

Boraccio verdrehte die Augen. „Dom Ludorand, muß ich Euch wirklich erst erklären, wie leicht es einem zu allem entschlossenen Trupp gelingen mag unser Belagerungsgerät zu sabotieren? Uns fehlen die Leute, um einen kompletten Belagerungsring rund die Burg zu bilden. Und was könnt Ihr mir über die Toranlage sagen? Über Gräben, Gitter, versteckte Unannehmlichkeiten?“

„Über die Toranlage mache ich mir tatsächlich Gedanken. Wisst Ihr, der äußere Ring müsste von unseren Truppen schnell überwunden werden. Doch damit beginnen unsere Probleme erst. Die eigentliche Burg ist von einem Graben geschützt. Das Tor ist schwer befestigt. Es besitzt zwei Fallgatter, zwischen denen Angreifer eingeschlossen werden können.“

Der Aracener brummte. „Habt Ihr auch mal gute Nachrichten? Da soll sich der Zwerg etwas einfallen lassen, wofür wird er sonst bezahlt. Zur Not müssen wir uns aufs Aushungern verlegen. Für einen überraschenden Vorstoß ist es zu spät, als daß wir es noch unterbinden könnten, daß Vorräte auf die Burg geschafft werden. Sorgen wir also dafür, daß sich möglichst viele auf die Burg flüchten und Euer Cousin zu viele Mäuler stopfen muß.“

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Burg Allingsruh, 05. Peraine 1031

Peridan hatte sich seit Tagen zurückgezogen und grübelte. Oft schwang er sich weit vor dem Morgengrauen auf sein Jagdpferd, wies die Torwachen barsch an, das Tor schleunigst zu öffnen und sprengte dann hinaus, hinunter. Durch die Heide, wo der Frühling die Welt wieder farbiger zu zeichnen begann, in den Buchenhaag, wo lichtes Grün sprießte. Peridans Augen waren trüb und blind für die Wunder der gütigen Peraine, er trieb sein Tier und sich wahllos durch Wiese, Feld und Geäst. Abends kehrte er von diesen halsbrecherischen Touren meist mit fürchterlich wirren Haaren, Striemen und sichtlich erschöpft in die geliebte Kastenburg zurück, stapfte wortlos in den Palas und schenkte seinen dumpfen Gedanken im Rittersaal einen angemessenen Begleiter: den Trunk.

Das Gesinde auf Allingsruh unkte bereits vielerlei sonderbare Dinge, und je mehr Tage verstrichen, desto öfter fiel, natürlich nur hinter vorgehaltener Hand, ein Name: Noiona. Der Allinger, ein Löwe von einem Kerl, solle den Verstand verloren haben, so hieß es. Idra von Allingen hielt es kaum noch aus. Die Luft schien von Tag zu Tag stickiger zu werden, und die Wände rückten wieder bedrohlich eng an sie heran. Sie wusste, dass ihr Gemahl unter dem Zerwürfnis mit seinem geschätzten Bruder litt, sie fürchtete allerdings auch, dass er es wie immer mit sich selbst ausfechten würde.

„Peridan?“

Sanft stupste sie die niedrige wurmstichige Tür zum Rittersaal auf, die ohnehin nur angelehnt gewesen war. Peridan Silhouette zeichnete sich vor einem Fenster ab, er hielt der Tür den Rücken zugekehrt und schien übers Land zu blicken, das sich vom Rittersaal aus bezaubernd gegen den weiten Horizont abzeichnete. Trotz ihrer gemütlichen Körperfülle verursachte Idra wenige Geräusche, als sie an ihren Mann herantrat. Lediglich einige der Holzbohlen knarrten vertraut unter ihren Füßen.

„Was willst du?“ fragte Peridan sie mit dumpfer Stimme, aber nicht unfreundlich. Er wandte sich nicht vom Fenster ab.

„Hier sein“, gab Idra simpel zurück.

Sie war keine Frau der großen Worte, und doch verfehlten ihre Worte ihre Wirkung nur selten. Auch wenn seit ihrem Traviabund keine echte große Liebe zwischen dem Allinger und der Sturmfelserin entstanden war, so hatten beide ein tiefgründendes Vertrauen und großen Respekt füreinander entwickelt. Es dauerte Idra, dass Peridan ihr Glück nicht teilen konnte. Sie zehrte immer noch von der langen Reise, die erst vor einem Jahr wieder ihr Ende innerhalb der Allingsruher Mauern gefunden hatte. Und von dem Stolz auf ihre Jüngstgeborene, die im Rahja das Licht der Welt erblickt hatte. Sie war ein wunderschönes Baby, und Idra fühlte sich in der Burg seit Rufina Ehrdanas Geburt wieder wohler. Still nahm sie auf einem nahen Stuhl Platz und ergriff Peridans eisige Hand.

„Lass es dich doch nicht so sehr quälen, Peridan.“

Peridan schnaubte. „Wenn es nur das wäre!“

Idra roch im schweren Atem ihres Gatten jede Menge Alkohol. Sie überging es geflissentlich. „Was ist es dann?“

Die liebevolle, kluge Art, die jeglichen Vorwurf entbehrte, drang durch Peridans Einsamkeit. „Eigentlich müsste ich den Grafen über diesen Vorfall genau unterrichten, Idra. Brinian ist womöglich zum Verräter und zur Gefahr geworden!“

Idras Hand verkrampfte sich. „Das meinst du doch nicht wirklich, oder?“ Ihre Unsicherheit schwang deutlich in ihrer Stimme mit.

„Ich WILL es nicht meinen, aber das ändert trotzdem nichts. Allingen hat Luidor die Treue geschworen, ich bin ihm verpflichtet.“

Idra nickte und senkte den Blick. Das waren also Peridans Qualen. Graf oder Bruder, Bruder oder Graf... „Brinian wird seine Familie aber niemals derart verraten, Peridan. Niemals. Ich kenne ihn fast ebenso gut wie du, das würde er nie tun.“

„Beten wir zu Praios und Rondra, dass du Recht behältst...“

„Wirst du Luidor benachrichtigen?“

Peridan schüttelte sacht den Kopf. „Vorerst nicht.“