Die Faust des Grafen - Die Regeln des Krieges

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Vor der Festung Feidewald, 13. Peraine 1031 BF

Heidelinde wußte nicht wo sie zuerst hinschauen sollte. Die junge Priesterin war erst am Vortage angekommen und folgte einfach der Menge der Schaulustigen. Zu Hause an den verträumten Rakula-Auen hatte es nie so ein Schauspiel gegeben. Vor den Mauern der trutzigen Burg wimmelten Menschen und Tiere durch einander. Landsknechte in ihren farbenfrohen Gewändern, mit und und ohne Rüstung, aber alle in Waffen, Reiter hoch zu Roß im blanken Harnisch und mit Lanzen, Knechte und allerlei fahrendes Volk und nicht zuletzt die neugierigen Dorfbewohner. Ein ganze Kolonne von Wagen war zusammengestellt worden und wurde zum Teil noch beladen. Auf einigen waren Fässer und Säcke zu sehen, auf andere wurden lange Spieße gestapelt. Auf mehre Wagen hatte man grob gezimmerte lange Leitern gestapelt, auf einem Wagen lag ein spitz zugehauener Baumstamm, an den man quer Stangen genagelt hatte, wohl um ihn tragen zu können. Eine handvoll Zwerge in Kettenhemden machte sich an einem Karren zu schaffen, auf dem man Äxte, Hacken, Schaufeln und behauene Balken, die anscheinend zu irgend etwas zusammengesetzt werden sollten, sehen konnte. Viele der Soldaten hatten dunkle Haare und dunklere Haut.

Neugierig fragte die Geweihte den Bauern neben sich: „Verzeiht, was geschieht denn hier?“

„Na, das siehste doch!“ kam die mürrische Antwort. Der Blick des Mannes fiel auf das grüne Gewand Heidelindes und die aufgestickten Kornähren und ihm dämmerte, wen er da vor sich hatte. „Oh, verzeiht Euer Gnaden! Ich hatte gar nicht gesehen, dass ...“ Schamesröte schoß in sein Gesicht. „Ja, also, wißt Ihr, der Herr Graf hat diese Söldlinge angeheuert. Extra aus Almada sinse gekommen, wie letztes Jahr, als fast die große Schlacht hier war. Und nun ziehen sie los in den Krieg. Gegen wen weis man eigentlich nich so genau, die hohen Herren streiten sich ja immer noch.“

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Von der Burg näherten sich weitere Reiter, angeführt von einem Almadaner in voller Rüstung. Ein Mädchen, das bereits die geschlitzte Kleidung der Landknechte trug, begann auf einer Trommel zu schlagen. Nun kam Bewegung in die Menge. Die Soldaten begannen sich in langen Reihen aufzustellen, die Sergeanten brüllten Befehlen und richteten die Banner ordentlich aus. Die Reiter ließen ihre Pferde neben den Haufen der Infanterie Aufstellung nehmen. Der Troßweibel mit seinen Knechten trieb die Menge der Schaulustigen zur Seite. Schließlich war alles an seinem Platz und das Trommeln hörte auf. Gespannte Stille herrschte über dem Platz.

Boraccio D'Altea lenkte seinen Rappen auf den freien Platz vor der Formation, Ludorand von Schwingenfels ritt an seine Seite. Leutnant Jacopo Furlani postierte sein Pferd zwischen die Befehlshaber und die Truppen. Er warf der kleinen Trommlerin einen Blick zu und ein Trommelwirbel ertönte. Jacopo zog eine Rolle aus einer Lederhülle und entrollte das Pergament. Mit lauter Stimme begann er vorzulesen.

„Höret! Höret! Es werden nun noch einmal die Kriegsartikel verlesen, auf daß Ihr ihnen aufmerksam lauscht, sie Euch merket und sie befolget!

Derjenige, der feige vor dem Feind flüchtet, soll von seinen Kameraden niedergemacht werden. Ein Deserteur geht seiner Ehre verlustig und wird an Leib und Leben bestraft. Ohne Befehl dazu darf niemand plündern und brandschatzen. Geweihte der Zwölfe und Tempel der Götter gehören verschont, ebenso Kinder, Alte und Weibsvolk in tsagefälliger Hoffnung. Diebstahl auf befreundetem Gebiet ist nicht erlaubt. Es ist verboten, ohne Genehmigung des Condottieres ein Treffen zu veranstalten. Aufrührer in der Truppe müssen gemeldet werden, Unruhestifter dürfen erschlagen werden. Bei Verspätung der Soldzahlung verfällt die Dienstpflicht nicht. Es soll Kameradschaft im Lager herrschen. Trunkenheit und Glücksspiel soll nicht im Übermaß betrieben werden. Zum Zapfenstreich haben die Weinfässer verschlossen zu sein. Wer auf Wache trunken oder schlafend angetroffen wird begeht Verrat und soll strengstens bestraft werden. Bei Raufereien ist jeder verpflichtet, einzugreifen. Wer nicht eingreift, gilt als Beteiligter. Die Zwölfe müssen in Ehren gehalten werden. Den Befehlen der Offiziere ist Folge zu leisten. Die Einwilligung in die Regeln gleicht einem Eid. Jeder Verstoß ist ein Eidbruch!“

Boraccio lenkte sein Pferd neben das seines Leutnants. „Sturmfalken, hergehört! Nun gilt es Euch Euer Silber zu verdienen! Wer zuerst über die Mauer oder durch die Bresche geht soll den vierfachen Sold erhalten. Wer mir eine Caballera oder einen Caballero von Stand bringt, der soll den fünften Teil des Geldes bekommen, das die Familie zahlt um sie auszulösen. Ein weiteres Fünftel soll an sein Banner gehen, und noch eines an alle. Aber bringt sie lebend, tot bringen sie nichts mehr ein!“

Zustimmendes Gemurmel war aus den Reihen der Söldner zu hören. Boraccio wartete, bis wieder Ruhe im Glied eingekehrt war.

„Alle Zeit!“ rief er.

„KAMPFBEREIT!“ antwortete es vielstimmig im Chor.

Sein Leutnant übernahm wieder. „Alle Banner rechts um! Die Reiter aufgesessen! Die Fuhrleute auf die Wagen!“

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Heidelinde hatte den Reden gebannt gelauscht und ihre Augen waren immer größer geworden. „Gute Herrin! Das wird ja Mord und Totschlag zu Hauf geben!“

Der Bauer neben ihr zuckte mit den Schultern. „So geht’s eben zu beim Kriegsvolk, Euer Gnaden. Wenigstens haben se dafür nich hier die Leute von den Feldern geholt.“

„Ich ... ich ... da muss man doch was tun!“ Die junge Geweihte der Peraine drängelte sich durch die Schaulustigen.

Traurig schaute der Mann hinter ihr her. „Ja, mein Kind, da haste genuch zu tun. Diesmal wird keine Gräfin dazwischen gehen und die Streithähne trennen.“