Deutung von Trautmundes Traum - In Perricum

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Reichsstadt Perricum, Mitte Phex 1040 BF, Kloster des Vergessens

Da war es wieder. Dieses überderische Gefühl der Ruhe, das Trautmunde bereits empfunden hatte, als sie dem Noioniten in Beilunk begenet war.

Die Aura um Vater Bishdaryan war stark genug, dass auch Nichtgeweihte sie spüren mussten. "Und der tröstende Boron mit Euch, Schwester", erwiderte er ihren Gruß und - tatsächlich - lächelte.

Es hatte ein Weilchen gedauert, bis eine heftig stotternde Botin - fraglos eine Schutzbefohlene des Klosters - die beiden Geweihten im Radgang zusammengeführt hatte, der um den Innengarten verlief. Trotz der Frühlingssonne, die zwischen den Säulen auf sie schien, fröstelte es die Traviadienerin etwas. Ihr Gesprächspartner stand im Schatten, zeigte aber kein Gefühl von Wärmebedürfnis. Seine Stimme war fest, trug aber seltsamerweise nicht weit. Trautmunde bezweifelte, dass die rothaarige Frau am anderen Ende des Gangs verstanden hätte, was sie spachen - wenn sie denn gelauschht und nicht fortwährend einem unsichtbaren Zuhörer von ihren Erlebnissen und Heldentaten erzählt hätte. "Ich denke, ich weiß, was Euch zu mir führt, Schwester", sagte Bishdaryan. "Doch berichtet selbst: Wobei kann dieser Diener Bishdariels Euch beistehen?"

"Verzeiht, wenn ich Euch so unvermittelt überfalle, jedoch bin ich mir sicher, dass Ihr mir helfen könnt", kam sie gleich zum Punkt und versuchte ihre Aufregung zu zügeln. Mit geröteten Wangen erzählte sie ihrem Gegenüber von Ihrem Traum. Nachdem sie geendet, holt sie erstmal tief Luft. "Nur das purpurne Feuer macht mir sorgen. Ansonsten hatte ich eher ein positives Gefühl. Auch wenn es ... seltsam war." Mit großen Augen wartet die junge Frau auf die Reaktion des Geweihten vor ihr, darauf bedacht, jede Regung zu erhaschen.

"Es fehlen das Feuer und die Ehrfurcht vor der Gütigen Mutter", hielt Bishdaryan fest. "Das ist eine Sorge, die Euch direkt betrifft. Aber in manchen Teilen des Landes ist es keine Sorge, sondern die gegenwärtige Wahrheit. Es ist die heilige Pflicht einer Dienerin der Heiligen Gans, das wärmende Feuer wieder zu entzünden, wo es erloschen oder gelöscht worden ist. Die vier Lichtstrahlen könnten ein ferner, schwacher Schein sein, der die Hofffnung auf ein Wiedererstarken der göttlichen Herrschaft symbolisiert."

Trautmunde erwartete ein Wechselspiel der Gefühle auf seinem Gesicht. Doch nur sein Blick schweifte in die Ferne, so wie Bishdaryans Gedanken immer rascher die Pfade des Verstehens beschritten. "Doch Ihr müsst selbst etwas tun, damit sich diese Hoffnung erfüllt. Der Marktplatz...", er stockte, grübelte. "...kommt mir bekannt vor. Ein Symbol des Zusammentreffens, Austauschs. Habt Ihr Andere, die Euch unterstützen können?"

Ehe die Traviageweihte antworten konnte, sann er schon laut weiter: "Das tulamidische Gebäude... ein möglicher Hinweis darauf, dass Ihr Wissen aus alter Zeit bedürfen werdet. Aus einer Zeit, als die zwölfgöttliche Ordnung noch nicht so fest gefügt war wie heute, und als die bosparanischen Siedler allenfalls symbolisch herrschten. Ohnehin... Herrschaft... die Macht über das Land, spiegelt sich in der Gemeinschaft der 20 wieder: Zwölf Götter und die Macht eines Königs, zahlenmystisch kodiert in der Acht, konstituieren diese. Das habt Ihr im Traumbild gesehen. 'Korgond' scheint das Erkennungswort zu sein, unter dem diejenigen zusammentreffen, die die Herrschaft neu begründen können. Was verbindet Ihr damit?"

Doch noch ein letztes Mal sprach er weiter, ehe Trautmunde antworten konnte: "Zuletzt... Eure Sorge bezüglich der ominösen Farbe... Sie scheint mir eines zu verdeutlichen: Es liegt in den Händen der Menschen, ob die Macht zum Guten oder zum Bösen verwendet wird. Schließlich beinhaltet die 20 nicht nur die göttergewollte Adelsherrschaft des Zwölf plus Acht, sondern auch die Sieben des Chaos und die Dreizehn des Namenlosen. Die Götter haben uns einen freien Willen geschenkt und nichts vorherbestimmt. Fragt Euch selbst: Seid Ihr willens und fähig, das Richtige zu tun und andere auf diesem Weg zu leiten, dass alte Macht wiederhergestellt wird - auf dass die Zeichen der Zwölfe wieder über dem erschöpften Land strahlen? Und dann handelt Eurer Antwort gemäß."

Die junge Geweihte erschauderte ob der Worte Bishdaryans. Ehrfürchtig sah sie ihn an. "Es war die richtige Entscheidung euch aufzusuchen", hauchte sie. Dann, mit fester Stimme: "Die Zeiten sind hart. Der schädliche Schattenmarschall hat den Menschen einen hohen Blutzoll entrichten lassen. Ich wünschte mir manchmal, diese schlimmen Bilder in meinem Kopf zu vergessen, jedoch", sie schaute dem Diener Barons in die Augen, "werde ich nicht vergessen, wofür die tapferen Männer und Frauen stritten und fielen. Eine... ganze Kompanie opferte sich für mich."

Sie schloss die Augen und schluckte kurz um sich zu sammeln, eine Träne rann bei der Erinnerung über ihre Wange. "Sie stritten für Ihre Familien. Für ihre Freunde. Und der Hoffnung, dass die Götter ihre Heimat beschützen, wenn sie es nicht mehr können."

Trautmunde wischte eine Strähne aus ihrem Gesicht und fädelte diese wieder in ihren Dutt. Nach diesem kurzen Moment hatte sie sich wieder im Griff und sprach mit fester Stimme:" Ich werde nach Korgond reisen. Ich werde tun, was tun immer ich kann und muss, um das Feuer des Miteinander neu zu entfachen und denen, die ich dort treffen werde, auf den rechten Pfad, den der 12 und 8, zu leiten. Das ist mein Weg."

Tiefes Verständnis für ihre Gefühle zeigte sich auf Bishdaryans wie mit harten Linien gezeichneten Gesicht: "Ich ahne, was Ihr erlebt habt. Und ich kann es nur zu gut nachempfinden. Fraglos, wir beide wissen, dass es für die Gläubigen schlimmere Schicksale als den Tod gibt. Doch das Wissen, dass andere sich buchstäblich für einen selbst geopfert haben, ist mit die schwerste Last auf der Seele einer Geweihten. Eure... Kampfgefährten sind aber nicht ohne Sinn gefallen, Schwester." Seine Linke legte sich tröstend auf Trautmundes Schulter - und etwas wie ein sanfter Flügelschlag wehte ein Gran ihrer Trauer davon. Wissend fingen seine Augen ihren Blick: "Nun geht auf den richtigen Weg. Sie werden Euch folgen, daran zweifle ich nicht, wenn Ihr sie führt."

"Sie?"

"Ihr werdet Euch nicht alleine auf den Weg machen, den alten Bund neu zu schließen, verspricht Euer Traum. Und..." Er zögerte einen Moment, ehe er das Angebot tatsächlich aussprach: "...falls Euch die Erinnerung je so sehr schmerzen sollte, dass es Eure Kraft zu übersteigen droht, kehrt zu mir zurück. Auf dass Euch Borons süße Gnade zuteil werden soll."

Einen Moment dachte die Dame in Orange nach und antwortete schlicht: "Ich danke Euch, mein Freund." Dann lächelte sie und drückte den Geweihten kurz, aber herzlich. "Ich muss mich jetzt sputen, denn Korgond ruft."

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Texte der Hauptreihe:
K3. In Perricum
15. Phe 1040 BF
In Perricum
Abreise

Kapitel 3

Autor: Melli, Schling