Der Page - Wer ist Nandus? oder Nach dem Konkordat

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Dramatis personae:


Gareth, Schloß Hohenlinden, Ende Ingerimm 1036 BF

Ajax stand am Rand des Zimmers bereit und wartete darauf, daß man seine Dienste als Page benötigte, während sich Balrik mit Nahéniel über die Ereignisse in St. Ancilla unterhielt.

"Der Adel sprach sich für ein Verbot der Nandus-Kirche aus", sagte Balrik, wobei er etwas auf einen kleinen Zettel schrieb. Ajax überlegte was das für eine Kirche war. Er kannte Rondra und Praios, und natürlich auch die anderen zehn Götter Alverans. Als Page wurde er schließlich auch im Götterglauben unterrichtet, aber da er sich hauptsächlich nur für Rondra interessierte, hörte er nicht mehr genau zu, wenn von anderen Göttern die Rede war. Allerdings konnte er sich noch dunkel daran erinnern, daß er mal erwähnt wurde.

"Und was geschieht nun mit Dartan Serpolet?", fragte Nahéniel. Die Elfe saß halb auf Balriks Schreibtisch und blickte ihm über die Schulter.

Wenn Ajax daran dachte, wie er damals reagiert hatte, als er das erste mal der Elfe begegnet war. Er brachte kaum ein Wort heraus und blickte sie damals nur mit offenen Mund an. Es war das erste mal daß er eine Elfe zu Gesicht bekommen hatte und es stimmte was man sich über sie sagte: sie waren wunderschön. Allerdings hatten ihm die Geschichten auch Angst gemacht: es hieß sie konnten einem in die Seele sehen, wenn sie einem in die Augen sahen (etwas was Ajax sogar heute noch glaubte) und einem diese damit sogar stehlen (etwas, woran er mittlerweile nicht mehr glaubte) oder sie verzauberten einem mit ihrer Musik (auch hier mußte er es zugeben: ihr Gesang war zauberhaft). Doch im Laufe der Jahre hatte sich Ajax an ihre Anwesenheit gewöhnt. Ja, er lachte andere sogar herzhaft aus und spottete über sie, wenn sie einen Maulaffen feilboten, wenn sie die Elfe sahen.

"Nun, ihm droht im bevorstehenden Prozeß die Todesstrafe", sagte er und riß Ajax aus seinen Gedanken. Balrik blickte von seinem Schreiben auf. "Und mit dem Verbot der Kirche hat er nun einen schlechteren Stand. Noch dazu mußte ich ihn aus dem Heerbann entlassen."

"Aber die Königin hat doch das Verbot noch nicht ausgesprochen", entgegnete die Elfe.

"Das stimmt", bestätigte Balrik. "Aber ich rechne fest damit, daß sie das noch tun wird. Und ich möchte nicht darauf warten und Dartan erst dann entlassen." Er schien frustriert und strich sich durch die Haare. "Weißt du, Nahéniel, ich fühle mich irgendwie verantwortlich für Dartan. Ich habe mich sogar an die Praios-Kirche gewendet. Ich hoffte, daß ein Geweihter vielleicht die Wahrheit heraus finden könnte, was Dartan in Eslamsgrund getan hat und ich glaube, daß auch der Cantzler nichts dagegen gehabt hätte, doch die Praioten wollen sich aus dieser Sache heraushalten.“

Die Elfe schien nachdenklich. "Und was ist, wenn er sich dadurch als schuldig erwiesen hätte?", fragte sie.

„In diesem Fall“, entgegnete Balrik, „würde er die Strafe verdienen, die ihm droht. Doch ich bezweifle, daß ich mich so sehr in ihm getäuscht habe.“

„Was willst du dann machen?“

Balrik seufzte. „Nichts“, antwortete er. „Mehr kann ich nicht mehr für ihn tun.“ Er beendete sein Schreiben und rollte den kleinen Zettel zusammen und steckte sie in eine kleine Hülse, die er anschließend auch gleich versiegelte.

Er winkte Ajax zu sich. "Diese Nachricht geht nach Greifenfurt“, sagte Balrik und übergab ihm die Hülse.

"Ich eile", sagte Ajax und ließ seinen Worten sogleich Taten folgen, obwohl er ungern den Taubenschlag aufsuchte.

"Ach, Nahéniel", hörte er seinen Herrn noch hinter sich sagen, als er durch die Tür eilte. "Ich bräuchte für das Hochzeitsgeschenk der Kaiserin noch deine Hilfe …" Mehr konnte er nicht mehr verstehen. Ajax fragte sich, was sein Herr der Kaiserin wohl schenken wollte. Die Kaiserin heiratet!, dachte er abermals. Er hätte zu gern gelauscht, wobei die Elfe helfen mußte, aber er hatte einen Auftrag bekommen - und das mußte er erfüllen. Er würde danach fragen.

Ajax lief durch die Gänge und die Treppe hinunter. Wie groß das Fest wohl wird?, fragte er sich, als er hinaus ins Freie trat. Wo sie wohl heiraten wird? Doch sicher in Gareth, oder? Er eilte über den Hof zu einem etwas abseits gelegenem Gebäude. Da muß doch das ganze Reich zusammen kommen. Das muß ein riesiges Fest werden! Er stieg eine Treppe hinauf. Ob ich da dabei sein darf? Er öffnete eine Türe und ihm schlug ein luftiger Windzug, gemischt mit dem Gestank von Taubenmist, entgegen und in jeder Ecke des Raumes, das er nun betrat, standen Käfige aus denen das Gurren von Tauben zu hören war. Es dauerte nicht lange bis die massige Gestalt Kerholds vor ihm auftauchte und auf ihn hinunter blickte.

„Hrm, der Page“, stellte dieser fest und kaute auf seinem Tabak weiter, während er Taubenkot von seinem Wams kratzte. „Was willste?“

„Das soll nach Greifenfurt“, sagte Ajax und reichte ihm die Hülse. Kerhold ergriff sie. „Na, dann kanns ja keine wichtige Nachricht sein, wenn du's bringst.“ Ajax wollte darauf etwas erwidern, doch Kerhold drehte sich bereits grunzend um und öffnete einen Käfig. Mit flinken Fingern ergriff er eine Taube und befestigte die Nachricht am Bein. Anschließend brachte er sie zum Fester und ließ sie frei. Erst flog die Taube zwei Kreise über dem Gebäude um sich zu orientieren ehe sie sich nach Norden wandte.

„Bist ja noch immer da“, brummte Kerhold, als er wieder Ajax anblickte. „Na los! Worauf wartest du?“, herrschte er ihn an, als der Page sich noch immer nicht rührte, doch dann verließ er den Taubenschlag eilig wieder.

Ajax mochte Kerhold nicht. Er war immer unfreundlich und gemein. Das einzige was er liebte waren seine Tauben; ja, er hat sogar einer Katze das Genick gebrochen, weil sie seine Tauben jagen wollte – zumindest behauptete er, daß sie das wollte. Ajax hatte die Katze gemocht …

Wieder im Hof angekommen sah er Adran. Der Stalljunge saß im Schatten der Eiche, genoß seine freie Zeit und aß einen Apfel. Er blickte auf, als er Ajax aus dem Gebäude kommen sah. „He, Ajax! Willst du auch einen Apfel?“, rief er und hielt eine weitere hoch.

„Hast du den wieder vom alten Bogumil gestohlen?“, fragte Ajax.

„Gestohlen kann man da nicht sagen“, erwiderte Adran. „Ich habe sie vom Baum gepflückt.“

„Der aber dem Bogumil gehört.“

„Er wird die paar schon nicht vermissen.“

„Und dennoch ist es Diebstahl. Und Praios sieht sowas nicht gerne.“

Der Stalljunge zuckte die Schultern. „Mit Praios kenne ich mich nicht so aus. Er ist der Gott der hohen Herrschaft. Für uns einfachen Leute ist Peraine unsere Göttin. Und sie läßt für jeden diese Äpfel wachsen.“

„Weißt du eigentlich wer Nandus ist?“, fragte Ajax plötzlich, ohne groß darüber nachzudenken.

„Wer?“

„Das ist auch ein Gott“, sagte der Page bestimmt.

„Aber er gehört nicht zu den Zwölf“, stellte Adran fest.

„Nein, das nicht.“

„Dann kann er schon nicht so wichtig sein“, meinte der Stalljunge. „Willst du nun den Apfel oder nicht?“