Der Mittag zieht heran

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Der Mittag zieht heran, so traurig, schaurig, schummrig, fahl ...

In einer Zelle des Praiostempels zu Luring: Das Spitzbogenfenster ist mit einer dicken Decke verhangen, um die beißende Morgenkälte dieses Borontages abzuweisen, der Raum durch fünf Kerzen auf einem Kreuzkandelaber erleuchtet, in einer Nische srahlt ein gusseiserner Ofen Wärme ab. Das Licht der Kerzen flackert über die roh verfugten Wände aus riesigen Quadern, während sich unter den Decken auf der schmalen Lagerstatt Bewegung zappelnd Bahn sucht. Keuchend richtet sich eine schweißgebadete Frau auf und wirft die Decken von sich. Ihre Augen sind schreckgeweitet, ihr Mund zu stummem Schrei aufgerissen. Das blonde Haar klebt an ihrem Schädel, Perlen kalten Schweißes stehen auf ihrer Stirn. »Heiß, so heiß!« stößt sie hervor und beginnt still und krampfhaft zu weinen. Der Mann, der schlafend auf einem gepolsterten Schemel neben der Lagerstatt gesessen hatte, richtet sich aus dem Schlf gerissen auf, schwingt sich schnell auf das Bett und umfängt die Gepeingite mit seinen Armen. An sich gepresst wiegt er sie beschwichtigend, raunt ihr tröstende Worte ins Ohr: »Halva, ist gut, alles ist gut. Beruhige Dich; Du bist im Hause des Herrn, kein Übel kann Dir hier widerfahren. Halva, beruhige Dich.«

Der Geweihte, dessen Praiotenrobe zerschlissen und zerdrückt ist, sieht alt aus – älter als er in Wahrheit ist. Tiefe Schatten umlagern seine Augen, die Stirne legt sich in tiefe Falten, zwei Gräben des Grams haben sich von den Nasenflügeln bis zum Kinn in sein Gesicht gefurcht. Sein schütteres Haar scheint lichter als je zuvor, zumal es gänzlich ungeordnet vom Kopf absteht.

Nachdem sich Halva wieder beruhigt hat, bettet er sie zurück unter die Decken und harrt aus, bis ihr Atem geichmäßig geht. Dann erhebt er sich ächzend und schlurft zur Tür. Noch einen prüfenden Bick, dann tritt er hinaus auf den Gang, von dem die Zellen der Geweihten und Diener des Praios abgehen, die hier in Luring ihre Pflicht tun. Gebeugten Hauptes wandelt Garetiens Staatsrat – denn niemand Geringeres als Praiodan von Luring ist jener erschöpfte Geweihte – den Gang hinab bis zu dem kleinen Lichthof zwischen Dormitorium und Tempel, wo er den nasskalten Morgen erwartet.

›Keine Sonne heute‹, denkt er. ›Borons Mond ist trostlos wie kein zweiter. Vor allem dieser.‹

In der Tempelküche genehmigt sich der Staatsrat eine Brühe zum Frühstück und hockt gedankenverloren an dem sandgescheuerten Tisch, umsorgt von der guten Rethlinde, die Herde und Öfen bereits befeuert hat und alles für einen neuen Tag mit hungrigen Praiosdienern vorbereitet hat. Hier trifft ihn Manegold von Halmenwerth, der alte Praiosgeweihte, der den Staatsrat vor ach so vielen Götterläufen im Sonnentempel zu Gareth ausgebildet hat, ehe er sich auf das ruhige Altenteil ins beschauliche Luring zurückzog.

»Praiodan, mein Sohn, Du bist früh auf«, spricht er den abwesend wirkenden Staatsrat an.

»Auf? Auf bin ich noch lange nicht, Manegold. Noch lange nicht ...«, haucht der Staatsrat und blickte den Greis endlich an. »Es geht ihr so schlecht, Vater. Dabei schien es im Herbst noch, alles sei überstanden!«

»Praiodan, Du tust gut daran Dir Sorgen zu machen«, erwidert Manegold, während er sich mühevoll an den Tisch setzt und die Linke des Staatsrates ergreift. »Aber auch ich mache mir Sorgen – um Dich. Du hast Aufgaben für den Götterfürsten und für die Garetier zu erledigen; Du bist wie eine Schulter, an die sich die Sonnenkirche lehnen kann, wenn es um das weltliche Geschäft geht. Keiner hier beneidet Dich um Deine Berufung, denn schwer ist sie und mühevoll und voller Fallstricke und Gefahren, die da draußen lauern. Fallen, die von schlechten und bösen Menschen oder gar von finsteren Mächten gestellt werden, um Dich und damit die Ordnung und unsere Gemeinschaft zu schädigen. Du musst stark sein!«

»Stark? Ich bin stark, seit Götterläufen schon. So stark, dass ich zu oft vergesse, wo ich herkomme, was meine ursprüngliche Bestimmung war.« Der Staatsrat seufzt und entzieht dem Alten seine Hand.

»Ja, mein Sohn, so stark, dass Dich die Alpträume nicht drücken, die Halva und andere seit Monden belasten. Danke dem Götterfürsten dafür. Wie könntest Du Dein Amt versehen, wenn Du ständig vor der Dunkelheit erzittertest, allüberall schlimme Omen sähest, Dich das Jahresorakel zu zitternden Untätigkeit verdammte?« Manegold ergreift die Hand des Staatsrates erneut und drückt sie herzlich. »Du brauchst ein wenig Ruhe nur; leg Dich zu Bett, ich gehe zu Halva und wache bei ihr.«

Wenige Stunden später sitzt der Staatsrat wieder auf dem Schemel neben dem Lager der Geweihten Halva Selissa von Hartsteen-Rothermund und liest ihr aus dem Zwölfgötter-Brevier vor. Die Frau hat sich sichtlich erholt, auch wenn die hohlen Wangen und die müden Augen noch immer Zeichen tiefer Erschöpfung bleiben. Sie lächelt sogar, als der Staatsrat sich mehrmals verliest.

»Praiodan«, sagt Halva schwach, »Du bist nicht bei der Sache. Das hört Praios nicht gerne, dass Du Dich bei ›Erleuchtung‹ immer wieder verliest! Komm, nimm die Decke vom Fenster – ich will das Licht sehen.«

Der Staatsrat klappt das Bändchen zu, erhebt sich schwerfällig und zerbelt die Deke von ihren Halterungen. Fahles Licht eines regenverhangenen Tages fällt in die Zelle. Die Frau zieht eine enttäuschte Grimasse: »Wie spät ist es denn?«

»Praiosstund, mein Liebes. Mittag.«

»Das kann nicht sein, es ist zu ...« Den Rest des Satzes verschluckt die die Frau, die erneut zu weinen beginnt. Wieder nimmt der Staatsrat sie in seine Arme, ist stark an ihrer Statt. Sorgen zerfurchen sein Antlitz.

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Bor 1027 BF zur mittäglichen Praiosstunde
Der Mittag zieht heran, so schaurig, traurig, schummrig, fahl
Was man nicht an den großen Gong hängt

Kapitel 13

Zweifel
Autor: BB (05.06.2004)