Der Marschall auf Breitenhain

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Auf der Kaiserlichen Pfalz Breitenhain

Praiodan von Luring, Staatsrat Garetiens, sass versunken unter dem Spitzbogenfenster des Remters der Pfalz Breitenhain, und drehte einen feinen goldenen Ring gedankenverloren mit seinen Fingern. Des Sommers laue Abendluft wehte durch das Fenster in den stickigen Saal und bauschte die weiten Ärmel der Robe, die der Mann der Praioskriche trug.

Nicht minder der Realität entrückt kritzelte der Schreiber Gsevino vom Prutzenbogen konzentriert und in allerbester Schönschrift garetische Minuskeln auf diverse Urkunden, die er Luring nachher noch vorlegen wollte, bevor es dafür zu dunkel sein würde.

Beide bemerkten darum nicht den jungen Mann, der selbstbewußt durch die Pforte schritt – seine eigene, denn es war Hilbert von Hartsteen, der Reichsvogt. Er verharrte in der Mitte des Raumes, dessen Kreuzgewölbe sich hoch über die Schieferplatten des Bodens und die eichernen Tische und Bänke erhob. Schließlich kniff er ein wenig verärgert die Augenbrauen zusammen (wie konnte man ihn denn immer noch übersehen?) und räusperte sich vernehmlich. Luring und Gsevino blickten gleichzeitig auf und in das Halbdunkel des Saales.

»Wer da?« frug Luring.

»Exzellenz, ich bin es, Hilbert von Hartsteen. Ich wollte Euch darüber informieren, dass eine große Reiterschar auf die Burg zuhält.«

»O je! Ich wusste es! Habt Ihr die Tore schon geschlosen, die Gräben schon ...«, entstetze sich Gsevino.

»Gsevino!« fuhr Luring dazwischen. »Es sind gewiss keine Orken. Hilbert – wer dann?«

»Die Reiter tragen Gold und Blau, Exzellenz, und führen das garetische Banner. Es wird wohl die ›Goldene Lanze‹ sein«, gab Hilbert zu wissen.

»Wie es scheint, sind es mehr als hundert Männer, dazu der Tross. Und sie kommen alle hierher, wollen sicher Kost und Gastung fordern ...«

»Ja, Hartsteen, es werden die Lanzenreiter sein. Bin nur ein paar Tage vor ihnen aufgebrochen. Schickt mir doch die Damen und Herren Offiziere zur Tafel, wenn Ihr mögt«, sprach der Staatsrat, steckte den Ring wieder auf den Finger und ließ sich von der Fensterbank auf den Boden gleiten. Dann stutzte er kurz und hielt den besorgten Hausherrn auf, der den Raum schon wieder verlassen wollte. »Hartsteen! Mir fällt gerade ein ... es wird Mühlingen sein.«

»Der bluti... mutige Ugo von Mühlingen, Exzellenz? Na dann. Ich schick’ ihn Euch gern zu Tisch!« Und mehr zu sich selbst murmelte er im Gehen: ›Dann werde ich wohl heute rohen Hackbraten servieren müssen ...‹

Eine Stunde später war der Vorhof der Burg mit weit über hundert Pferden und ihren Reitern gefüllt. Zwei Schwadronen des Garderegiments ›Goldene Lanze‹ unter dem Marschallsbanner quartierten sich auf Breitenhain ein, während ihre Offiziere – die beiden Rittmeister, einige Fahnenjunker und Bannerträger sowie der kleine Stab des Marschalls – in die obere Burg geladen waren. Hilbert von Hartsteen würde dort für gut zwanzig Personen Gastung schaffen müssen.

Stunden später waren die Reiter und Zossen untergebracht und mit dicker Suppe aus der Burgküche versorgt, und auch die Tafel des Burgherrn war aufgehoben. Die Begrüßung war der schwerste Teil des Abends gewesen. Hilbert hatte gute Miene zum bösen Spiel gemacht und den Marschall freundlich und höflich auf der Pfalz Breitenhain begrüßt. Mühlingen hatte nicht weniger gewandt gedankt. Doch dann auf der Treppe zischte er: ›Sieh da, heucheln koennen selbst die Pfortenritter ...‹ Luring und Mühlingen gaben sich wortlos die Hand, um just danach mit ihren jeweiligen Vertrauten zu tuscheln. Zweifelsohne Gemeinheiten über den anderen.

Die Tafel selbst war zwar reich, aber einfach gedeckt. Vor der Ernte – was sollte der Vogt denn auftischen? Dennoch nagte es an ihm, dass er vor dem Popanz des genusssüchtigen Marschalls nun vermutlich als Hinterwäldler dastand. Und dieser hatte vergnügt in der Wunde gebohrt, wenn er sich mit seinem schleimigen Adjudanten, Rittmeister Illehardt von Rathsamshausen, über die Vorzüge ländlicher Kost ausließ. »Schaut, schaut! Schaut, schaut! Herr Illehardt! Dies arme Hühnchen hier hat’s vor der Zeit erwischt. Ein paar Monde noch – es wäre fett und reif gewesen!« Und solcher Dinge mehr. Der Staatsrat gab mehrmals im Verlauf des Mahls ein indigniertes Bild und beschränkte sich – wie zum Kontrast – auf Brot und Hartkäse sowie verwässerten Wein. ›Er hat’s nicht leicht‹, dachte Hilbert, ›immerhin habe ich ihn gleich neben den Marschall placiert …‹

Im Kaminzimmer saßen sie nun in kleinerer Runde und hatten die Soldaten im Remter gelassen; sie und ein Fässchen Wein. Es waren nur der Hausherr, der Staasrat nebst Faktotum, der Marschall und sein Speichellecker, die sich im tanzenden Licht des Kaminfeuers unterhielten. Das war im Winter der einzige warme Raum der ganzen Burg, abgesehen von der Küche freilich. Doch welcher Burgherr wärmte sich schon am Gesindetisch? Gut, die bäurischen Greifenfurter, aber ein Hartsteen – nimmer!

Mühlingen trank aus eigenem Pokal den eigenen Wein, sein Reitermantel – exquisiter Stoff – war herrschaftlich um ihn drapiert, das ölige Haar glänzte bläulich. Rittmeister Illehardt hing förmlich an seinen Lippen und quittierte jeden Satz des Marschalls als wär’s ein Bonmot, der den ›Kaisersprüchen‹ ungerechtfertigt vorenthalten war. Dabei war es nur Klatsch. Klatsch aus der Kaiserstadt, Klatsch vom Hof, Klatsch aus Perricum, Klatsch aus Leihenbutt, darpatischer Klatsch und wieder Klatsch vom Hof. ›Entweder der Marschall hat gute Informanten oder er verbringt den Tag damit, die Gareteher Jounaille rauf und runter zu lesen‹, dachte Hilbert, der ansonsten genauso still war wie der Staatsrat.

(Fragment)