Der Konvent zu Natzungen - Von Praios’ Ratschluss

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Tief und glutrot stand der Praiosschild über dem Reichsforst, bereit, den Sieger in seinem Angesichte zu küren. Der anwesende Adel hatte mit seinem Anhang auf der großen Tribüne Platz genommen, der Staatsrat, der Geheime Inquisitionsrat und die Grafen und Gräfinnen saßen bei Ihrer Hochgeboren Maline auf der Ehrentribüne. Vor dieser hatten die Natzunger Armbrustschützen Stellung bezogen, um einen unritterlichen und hinterhältigen Angriff auf ein Zeichen des Waffenmeisters hin sofort mit dem Tide des Ausführenden zu bestrafen. Monoton hingen die einzelnen Schläge der Trommler in der Luft, große Fackeln loderten im Wind.

Baron Brander, der immer noch an die Unschuld seiner kleinen Schwester zu glaub schien, stand neben ihr zu Füßen der Ehrentribüne. In der Mitte des Kampfplatzes verharrten ruhig die beiden Kombattanten, beide angetan mit langen Kettenmänteln und Kettenhauben, darüber Wappenröcke in den jeweiligen Farben der Adelshäuser.

Nun trat der Waffenmeister (für dieses Mal hatte der würdige Ritter Ragosal von Greifenstolz dieses Amt übernommen) hoch zu Ross hinzu und fragte, ob einer der beiden Herren seine Anklage zurückzöge oder sich sonst wie äußern wolle. Doch beide schüttelten nur stumm das Haupt. So bat er denn Baron Wulf als Herausgeforderten, sich eine Waffe zu wählen. Er erbat sich das Schwert, welches ihm sogleich auf einem Schild überreicht wurde. Nun sprach der Waffenmeister zum Ritter Kilian: »Euer Gegner hat sich für den Nahkampf entschieden, daher scheidet die Lanze aus. Nun wählt zwischen Kriegsbeil, Streitkolben oder Morgenstern!« Da deutete der Ritter Kilian von Hardenquell auf den Morgenstern und nahm ihn auf einem Schild in Empfang.

Ein letztes Mal erhob der Waffenmeister Ragosal von Greifenstolz seine Stimme:: »Jetzt, meine Herren, rüstet Euch und begebt Euch in Position. Wenn ich mit meinem Streitkolben herunterschlage, soll der ritterliche Zweikampf beginnen!«

Gebannt erwarteten die Versammelten das Zeichen des Waffenmeisters, woraufhin die beiden Streiter ihren nervös tänzelnden Pferden die Sporen geben würden. Endlich ließ Herr Ragosal die schwere Waffe heruntersausen und die Reiter setzten sich in Bewegung. Schnell kreiste der Morgenstern des Ritters durch die Luft und traf laut scheppernd den eilig zur Deckung hochgezogenen Schild des Barons. Dieser konnte jedoch sein Reittier schneller wenden und führte einen wuchtigen Schwerthieb in Richtung des gegnerischen Kopfes, durchtrennte jedoch nur Luft, da sich der Ritter rechtzeitig ducken konnte.

Wieder sauste die schwere Kugel heran und wieder entlud sich ihre Wucht in einem Ohren betäubenden Scheppern an des Barons Schild. Nun, da die Reiter keinen Anlauf mehr nahmen, sondern darauf bedacht waren, ihr Reittier möglichst nach an das des Gegners zu führen, zahlte sich die Waffenwahl des Barons aus: Mit schnellen, trockenen Schlägen drang er auf den Ritter ein und zwang ihn, sich hinter seinem Schild zu verschanzen. Dieser hatte nur selten die Möglichkeit, seine schwere und träge Waffe aus der Deckung heraus effektiv einzusetzen., Doch wenn es ihm gelang, dann endete sein Schlag meist im Leeren oder am blitzschnell parierenden Schild des Barons. So rechneten die ersten Adligen bereits damit, dass es nur eine Frage der Zeit wäre, bis ein Schwertstreich die Deckung des Ritters durchdringen würde.

Dieser löste sich jedoch plötzlich mit einer geschickten Drehung des Pferdes von seinem Gegner, der nicht sofort nachsetzen konnte. Ein weiteres Mal sah sich da der Baron einer wuchtigen Attacke ausgesetzt, der er, schief im Sattel hängend, auswich, um sogleich dem vorbeireitenden Ritter seinerseits noch einen Hieb zu verpassen – der aber wirkungslos am engen Kettengeflecht abglitt.

Wieder und wieder drangen die beiden Kontrahenten aufeinander ein. Ihre Schilde waren vollkommen deformiert und die Wappenzeichnung wurde mit jedem Treffer unkenntlicher. Das Schwert des Barons erwies sich gegen das schwere Kettengeflecht wirkungsloser, als er es sich erhofft hatte – nur ein gezielter kräftiger Stoß würde es durchdringen können, und zu diesem hatte sich bis jetzt keine Möglichkeit ergeben. Außerdem legte sich langsam bleierne Schwere über des Barons Schwertarm.

Ähnlich erging es dem Ritter, dessen schwere Waffe jedoch bereits einmal mit dumpfem Geräusch die Schulter des Gegners getroffen und einige Kettenringe zerfetzt hatte. Als die Kämpfer nun wiederum gegeneinander anritten, geschah etwas Unerwartetes: Die beiden Pferde stießen mit voller Wucht aneinander, das Schlachtross des Barons stieg hoch und sein Reiter fiel wie eine reife Pflaume! Da erhoben sich die Zuschauer mit einem Laut der Überraschung und auch die Gemahlin des Barons sprang auf, die Hand erschrocken zum geöffneten Mund führend – denn dies konnte nur den sicheren Tod ihres Gemahls bedeuten!

Und es kam, wie es kommen musste: Den ersten wütend vom Ross herab geführten Schlag des Ritters konnte der Baron mit seinem zerbeulten Etwas, das einmal ein Schild gewesen war, abwehren, wurde jedoch von den Beinen gerissen. Beim zweiten konnte er der tödlichen Kugel noch mit einer Parade seines Schwertes eine andere Richtung geben, der dritte Schlag aber riss ihm den Schild vom Arm und schleuderte diesen weit über den Kampfplatz!

Es konnte nur noch Augenblicke dauern, bis der Sieger feststand und der Verlierer im Staube lag! Die nächste geführte Attacke traf den mühevoll ausweichenden Baron an der Brust und ließ ihn benommen hinstürzen., Des Kampfes müde, jedoch noch ungebeugt, stemmte er sich nochmals hoch, um den heranreitenden Ritter und seine kreisende Waffe zu erwarten. Erhaben beschrieb die Kugel ihre Bahn durch die Luft und riss ihrem Ziel ein weiteres großes Loch ins Eisengewand und eine klaffende Wunde ins Fleisch. Der nächste Angriff würde den Baron töten!

Stille legte sich über den Platz, etwa zwanzig Schritt trennten die Zweikämpfer – der siegessichere Ritter auf der einen, der mit Mühe sich auf den Beinen haltende Baron auf der anderen Seite. Dann trieb der Reiter sein Ross erbarmungslos an.

Schritt für Schritt sah Baron Wulf den Tod näherkommen, geistesgegenwärtig ergriff er mit der freien Hand die Spitze seines Waffe. Da sauste auch schon die Donnerkugel herab und Wulf hob sein Schwert, das er nun zwischen seinen Händen trug, zur Abwehr empor. Die Kette des Morgensterns wickelte sich um des Barons Klinge und wurde so zur Falle für den Angreifer – der Baron riss mit aller Kraft daran und zerrte so den verdutzten Ritter Kilian vom Pferd.

Ehe der sich bewusst wurde, was mit ihm geschah, beendete ein gezielter Schwertstoß diesen zuletzt so ungleichen Kampf. Mir einem leisen »Praios vergib« hauchte der Ritter Kilian von Hardenquell, gerichteter Hochverräter, sein Leben aus. Seine ebenso überführte Gemahlin aber sank schluchzend über dem Leichnam dieses Mannes zusammen.

Es erhob sich nun Seine Exzellenz Junker Praiodan von Luring, gab den Wachen ein Zeichen, die Dame in Gewahrsam zu nehmen, und stellte vor den versammelten Herrschaften des Barons Ehre und Integrität wieder her, ehe dieser zur kundigen Behandlung seiner Wunden ins Schloss gebracht wurde.

Baron Brander schien wie gelähmt, angesichts der Tatsache, solch übles Verräterpack in seinem eigenen Hause beherbergt zu haben, ja, dass es sogar zur Familie gehörte und sein Vertrauen genossen hatte.

Am selben Abend noch verließ der Geheime Inquisitionsrat Creutz-Hebenstreyt wegen dringlicher Angelegenheiten Schloss Nacia in Richtung Gareth. Mit ihm reiste die ambitionierte, doch so tief gefallene Bärenauerin, ihrem gerechten Schicksale entgegen.