Den Marschallsstab im Gepäck - Orkfresserqueste

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Aus den Erinnerungen Adhemar von Halmenwerths

›Es regnete in Strömen. Das Wasser rann in braunen Bächen die Klüfte und Schründe des Finsterkamms hinab, und ich fragte mich zum wiederholten Male: Was mache ich eigentlich hier? Was war schuld daran, dass ich mit verrostetem Kettenhemd, verschlammten Stiefeln, Schorf auf den entzündeten Augen und einem dreckigen Handverband am Nordrand des Finsterkamms hockte, dem Regen beim Fallen zusah und nicht wusste, wirklich nicht wusste, wo ich war? Es war das Ehrgefühl, das man uns in Luring eingetrichtert hatte, und die allgemeine Euphorie der Gruppe gewesen: Als Falkwin von Goyern seine Zöglinge aus der Luringer Knappenschar gefragt hatte, wer den Marschall Eolyn begleiten wollte, da hatten sie sich alle überboten, wer am lautesten Hier schreien könnte. Wir mussten wohl gleich laut gewesen sein, denn wir gingen dann alle, Falkwin mit dabei. Der hatte es schwer, sich den Anweisungen des Marschalls zu beugen. Sehr schwer. Zum Beispiel an diesem Tag, wo ins der Marschall in die Irre geführt hatte; im Regen; mit fast verbrauchten Vorräten; mit durch den Dauerregen beschädigtem Material; mit einem abgesunkenen Mut, den die jähzornigen Ausbrüche Eslamsgrunds nicht besser machten. Ugos Wange brannte noch rot, wo ihn die Ohrfeige getroffen hatte, weil er den Abstieg in diese ausweglose Klamm kritisiert hatte. Ich sah ihm an, dass er es hasste, noch Knappe zu sein, nicht satisfaktionsfähig. Ich selbst hatte die Klappe gehalten, als Jüngster in der Bande. Ich hatte gebettelt, noch mit kommen zu dürfen, ich Trottel. Jetzt war ich nasser als ein Schwamm - nur rostiger.‹

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›Der Lialinsweg von Teshkal nach Lowangen sollte uns einen sicheren Zugang ins Orland sichern. Sicher war nur, dass die Drugash-Orks praktisch auf uns gewartet hatten. Den Hinterhalt hatten wir rechtzeitig bemerkt und uns in die Ruine dieses Lialinsturms zurückgezogen. Die Orks schossen mit Kurzbögen nach uns und erwischten Ritterin Azingard und Ugo. Das war bemerkenswert: Ugo hatte zurückgeschaut und die Hand weit von sich gestreckt, um in deren Schatten besser gegen die Sonne gucken zu können. Da war der Pfeil sauber durch den Handteller gegangen, fast zwei Spannen wiet, und stoppte kurz vor Ugos Auge. Hätte er die Hand an die Stirn gelegt, wäre der Pfeil in sein Hirn gedrungen.‹

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›Da es seit Tagen regnete und wir vor der Messergrassteppe ordentlich gejagt hatten, war abzusehen, dass die Drugash uns sobald nicht aushungern konnten. Sie lagerten vor Lialinsturm, wir drinnen. Dennoch war diese Belagerung unschön – Marschall Eolyn wurde von Tag zu Tag nervöser. Ein richtiges Nervenbündel. Irgendwann war es Falkwin zu viel, und er legte seine Waffen ab; nicht jedoch die Rüstung. Mit ausgebreiteten Armen trat er vor den Turm und brüllte den Orks etwas zu. Auf Orkisch! Zuerst hatte ich gedacht, er räusperte sich nur, wie er es immer tat, ehe er uns Knappen zur Schnecke machte, aber: Das war Orkisch. Ein bunt bemalter, mit Raubtierkrallen und Federn geschmückter Orkkrieger stapfte auf Falkwin zu. Der Ork war fast so breit wie hoch, der hatte so kräftige Schulter, dass man sich das Joch hätte sparen können, wenn man ihn vor den Ochsenkarren gespannt hätt. Die beiden palaverten im Regen, ziemlich lange.

Dann kam Falkwin zurück: ›Die Orken lassen uns gehen. Aber nur im Zweikampf.‹

Marschall Eolyn rastete aus: ›Was heißt Zweikampf? Die werden uns mit ihren Kurzbögen abschießen wie Tauben auf dem Zwölfgötterplatz, wenn wir da alle rausgehen! Das wäre doch Wahnsinn!‹

Falkwin lief rot an: ›Keineswegs, Exzellenz‹, knurrte er, wobei ich niemals wieder die Anrede Exzellenz so sehr wie Exkrement haben klingen hören, ›das sind stolze Krieger der Drugash-Sippe. Die würden sich nicht entehren, indem sie uns beim Zweikampf hintergingen!‹

›Das glaubt Ihr vielleicht!›, setzte Eolyn nach. ›Aber ich bin nicht so vertrauensselig. Ich glaube kaum, dass die Orken uns passieren lassen, wenn unser Kämpfer deren Kämpfer besiegt hat.‹

Falkwin grinste maliziös: ›So läuft das auch nicht. Wir müssen uns jeder den Abzug erkämpfen. Die Knappen bekommen orkische Jungkrieger, die Ritter erprobte Orkkrieger, der Anführer den Anführer.‹ Eoyln wurde bleich, aber Falkwin beschwichtigte ihn: ›Keine Sorge, den Häuptling übernehme ich, aber als Knappe geht Ihr nicht mehr durch.‹

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›Die Zweikämpfe waren hart, aber wir waren besser gerüstet als die Orken und gewannen sie fast alle. Nur Ulmia von Fuchsbau verlor den Kampf. Glücklicherweise starb sie noch am Kampfplatz, sonst hätte sie als Sklave ins Orkland gemusst.

Am spektakulärsten waren gar nicht einmal der Kampf Falkwins mit dem Orkhäuptling, der mit einer Verletzung des Wilden endete, sondern der Kampf Ugos. Denn der hatte ja den Pfeil durch die rechte Hand bekommen und konnte sein Schwert kaum halten. Und mit links konnte er auch nicht kämpfen. Das war ein ganz schöner Eiertanz, den Ugo nur deshalb gewinnen konnte, weil er den Orken dadurch verwirrte, dass er immer wieder die Schwerthand wechselte. Wenn es mit rechts gar nicht mehr ging, verteidigte sich Ugo mehr schlecht als recht mit links, bis er dann mit rechts nach quälend langer Zeit endlich seinen Gegner verwunden konnte. Damals beschloss Ugo, dass er mit beiden Händen gleich gut kämpfen können musste. Wozu hatten die Götter den Menschen den zwei Hände gegeben? Um einen Schild an den linken Arm zu kleben?‹

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›Bis heute werde ich nicht vergessen, wie wir hinter Arsingen – wie wir dahin kamen, werde ich bis ans Ende meiner Tage verschweigen, das mussten wir Marschall Eolyn versprechen –, wie wir also in Arsingen diese Weidener Ritterin trafen. Sie kannte sich trefflich aus in der Geschichte ihres Herzogtums, und eigentlich hatten wir am Lagerfeuer prahlen wollen, auf was für einer wichtigen Queste wir wären. Marschall Eolyn allen voran breitet seine Marschallsqueste vor der Weidnerin aus – eine grauhaarige Veteranin mit nur einem Auge – und tönte großspurig, er werde die Klinge Thordenins des Alten aus dem Bornland bergen. Zack!, bekamen wir einen Satz roter Ohren, als die Ritterin die vier Worte sagte: Das liegt in Trallop. Nein, widersprach Eolyn, das sei doch im Orkkrieg 133 BF verloren gegangen – trotz der verlorenen Schlacht. Davon wisse sie nichts, aber Thordeinen der alte habe mit seinem Bruder Thordenan zwei Jahre nach dem Fall Bosparans von Kaiser Raul den Weidener Thron erhalten. 133 BF seien die Geschwister natürlich schon längst tot gewesen. 133 BF war es Thordenin V., der regierte, gemeinhin als Thordenin der Schlaue bekannt. Einen Thordenin den Alten hätte es sowieso nicht gegeben, nur einen Isegrein den Alten, das sei aber 500 Jahre und mehr vor dem Fall Bosparans gewesen. Und 133 BF habe es auch keinen Orkkrieg gegeben, sondern einen Goblinkrieg, und auch nicht im Orkland, sondern an der Roten Sichel.

Danach herrschte Stille am Lagerfeuer, Totenstille. Und das war gut so. Hätte uns die Stille der peinlichen Scham nicht erfasst, dann hätten wir die Orks gewiss überhört, die sich an unser Lager angeschlichen hatten. So aber merkten wir auf, ergriffen unsere Waffen und erwehrten uns sehr erfolgreich unserer Haut. Marschall Eolyn befahl: kein Pardon. Deshalb machten wir die Orken bis auf den letzten nieder – und deshalb sprachen wir stets von der Orkfresserqueste. Die war freilich dann zu Ende, und zwar sofort. Von Arsingen reisten wir stracks gen Greifenfurt – Trallop umgingen wir beschämt – und weiter nach Gareth, wo wir im Rondratempel den Lohn für die Queste empfingen und unsere Taten bezeugen lassen konnten. Marschall Eolyn schaffte es nicht, das peinliche Ende der Queste unter dem Deckel zu halten. Ich weiß aber bis heute nicht, wer damals geplappert hat. Ich habe aber Falkwin von Goyern im Verdacht.

Seit jenen Tagen ist jedenfalls die Geschichte der Herzöge Weidens Teil der Knappenausbildung in Luring.‹

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Texte der Hauptreihe:
K2. Orkfresserqueste
Autor: BB