Den Marschallsstab im Gepäck - Abschied von einer Legende

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Auf Burg Rubreth, Anfang Praios 1037 BF

Die Vorburg der gräflichen Feste war gut gefüllt - rund hundert Leute standen hier, Ritter mit Gefolge und Gesinde, und jeder hatte eine Fackel in der Hand. Gegen diese Leuchtkraft konnte die finstere Regennacht nicht an – es war taghell. Die Leute standen um eine freie Fläche herum, die ziemlich genau sechs Schritt Durchmesser hatte, in deren Mitte ein Katafalk. Sie schauten sich in die Gesichter – die Augen glänzten im Fackelschein und in den Tropfen auf den Helmen und Rüstungen. Alle hatten sie zur Ehren des Anlasses einen roten Mantel oder Umhang übergeworfen und ein schwarzes Tuch mit einer Rabenfeder um den Helm oder das Haupt gebunden. Olortisa von Bugenhog endete soeben mit ihren Schilderungen aus der Jugend Adhemars von Halmenwerth, denn beide waren zur selben Zeit Knappen auf Burg Luringen gewesen – fast fünfzig Jahre war das her.

Adhemar von Halmenwerth. Der Name hatte Macht im Reichsforster Land, er war der Titel seiner eigenen Heldenlegende: armer Ritter aus dem caldaischen Hochland, Knappe bei Graf Rondger, Turnierritter, Ogerjäger im Wall, Orkenjäger im Kamm, Menschenjäger auf Maraskan. Dann Schwertmeister auf Burg Luringen: Die Luringer Knappenschar der Jahre Acht bis Einundzwanzig hatte bei ihm das Fechten gelernt, den Körper zu stählen, in den Kampf zu gehen. Bei ihm und bei Graf Danos. Und der hatte seinen Schwertmeister mit Bedacht gewählt. Der König der Ritter wählt nicht irgendeinen zu seinem Stellvertreter als Knappenvater, sondern nur den Besten. Doch das war vor der Dämonenschlacht, aus der Adhemar seine Knappen alle heil nach Hause brachte, jedoch selbst das Augenlicht verlor. Blind, der größte Schrecken des Grafen, wie er einmal gestand, blind war nun sein Schwertmeister.

So ungefähr hatte Olortisa das Leben Adhemars des Recken zusammengefasst. Dann erhob Adhemars Onkel seine klare Greisenstimme. Vater Manegold war zwar nicht Boron, aber doch den Zwölfen geweiht, Praios, um genau zu sein, und der Richtige, den Lebensweg Adhemars seit der Dämonenschlacht zu schildern: Blind, kein Ritter mehr, stellte sich der kühne Held den eigenen Dämonen, die ihn mit Zweifeln an seinem Leben, seiner Existenz und seinem Schicksal befielen, und bezwang sie mit Borons Ruhe und Mythraels Sicherheit. Adhemar weihte sein Leben dem Gott der Stille, des Vergessens und des Todes und war auch hier, jenseits des Kampfes, eine Legende unter jenen die Trost suchten nach einer verlorenen Schlacht, einem verlorenen Leben oder einem verlorenen Geliebten. Auch über das Ende Adhemars sprach er - gefunden außerhalb von Spinnried, gestorben voll Schrecken vor einem furchterregenden Grauen während der Namenlosen Tage, als hätte der Blinde in die Niederhöllen geblickt. Vater Manegold sprach gegen den stärker werdenden Regen, der die eine oder andere Fackel zu löschen versuchte. Gegen das Zischen der Tropfen in den Flammen. Gegen das Plätschern der Tropfen auf Pfützen. Gegend das Hämmern der Tropfen auf den Helmen. Es war seien schwerste Predigt seit Jahren – nicht nur wegen der Widrigkeiten, sondern auch weil Adhemar sein Sohn hätte sein können.

In den Kreis traten anschließend die ehemaligen Knappen, die hatten anreisen können – zu viele waren mit Graf Danos derzeit auf der Ritterwallfahrt. Es waren drei Frauen, die nun im weißen Wappenrock miteinander Aufstellung nahmen und glockenhell eines der vielen Heldenlieder auf Adhemar sangen: Emer Alara von Rallerspfort und Lechmin Rondara von Luring mit ihren hellen Sopranstimmen und die einarmige Irmhelde von Nuzell mit einem dunklen Alt. Es hätte dem Blinden gefallen – doch war er noch blind, nachdem er von Uthar gewogen worden war?

Als der Klang verstummt war und der fallende Regen erneut mit seinem leisen Trommeln die Klangwelt erobert hatte, schritten zwei alte Kämpen in den Kreis, die Seite an Seite mit Adhemar gefochten hatten: Odo von Luring-Mersingen, Nachfolger als Schwertmeister, und Ugo von Mühlingen, der zusammen mit Adhemar einst die Schwertleite empfangen hatte. Odo war der Ältere, doch hielt er sich aufrecht und gerade wie ein Schilfrohr, er federte leiht in den Knien und nötigte manchem Respekt für seine körperliche Tüchtigkeit ab, der weitaus jünger war. Mühlingen, der ›Blutige Ugo‹ humpelte leicht - offenbar hatte er Schmerzen in den Füßen und Beinen. Er hatte das ritterliche Leben nach der Schwertleite aufgegeben und war in das kaiserliche Heer eingetreten - hatte nie einen Knappen und war ganz dem Kommiss verschrieben. Dennoch nannte ihn Adhemar oft seine »größte Enttäuschung«, denn Mühlingen war der beste Fechter, den der Schwertmeister je ausgebildet hatte. Und das konnte die Trauergemeinde nun erneut bestätigen!

Während Odo mit der rechten Hand sein Schwert zog und eine Linkhand in die andere nahm, zog Ugo seine gekrümmten maraskanischen Säbel - zwei gekreuzte, schlanke Waffen, die so gefährlich fremd wie Spinnenbeine wirkten mit ihrem dunklen Funkeln im Fackelschein.

Da! Klinge schlug auf Klinge, Klinge auf Klinge, Klinge auf Klinge. In schnellem Tanz umkreisten die beiden Männer sich, vergessen die Gicht in des Marschalls Füßen. Behände wechselten sie Stand- und Sprungbein, wirbelten die Waffen über die Köpfe, zogen sie waagerecht durch die Luft, als wollten sie das Korn des Kontinentes mähen, stießen zu, blockten ab, ließen krachen, kreischen, klirren, kratzen. Mochten die beiden auch Jahrzehnte über ihre beste Zeit hinaus sein - so gut wie heute würden die meisten nie werden. Wie verzaubert starrten die Umstehenden auf die Männer mit ihren singenden Klingen, tauchten in die Bewegungen, Kreisel, Schwünge, das Zucken und Rucken, die Stiche ein, in das Glitzern und Funkeln, den blitzenden Widerschein der Fackeln. Rondra und Kor würden gelacht haben, hätten sie den langen Odo und den Blutigen Ugo gesehen, wie sie ihres alten Weggefährten gedachten. Immer heißer wurde der Kampf, immer schneller der Wirbel - ein Wunder, dass sie sich nicht verletzten! Und dass sie durchhielten! Mit einem letzten Schwung verharrten die beiden in Kämpferpose: die Klingen über dem Kampf gekreuzt, ehe sie sie vor dem Katafalk senkten, schwer atmend auf die Knie gingen. Die Leute taten es ihnen gleich.

Und nun gingen sie alle auf die Knie, ließen sich in den Morast der Vorburg nieder und senkten die Häupter. Fast alle Fackeln wurden gelöscht - nur jene der Borondiener von Spinnried, die zur Aussegnung Adhemars sangen, flackerten weiter. Bald sprach der Priester das »So sei es«, und die Leute erhoben sich, verabschiedeten sich, zerstreuten sich, strebten den Unterkünften zu, manche dem Remter, wo ein Mitternachtsmahl bereit stand.

Am Rande, unter dem regennassen, vollgesogenen Wollmantel streckte sich Gerobald Leuhold von Ruchin, des Königreiches Bannerträger und half dem alten Ritter Barnemund von Plitzenberg auf. Langen Knien bei nächtlicher Feuchtigkeit war selbst dem Paraderitter Gerobald in die Glieder gekrochen - wie mochte es den Alten gehen!

»Hätte ich ihm nicht zugetraut«, sprach er Barnemund leise an.

»Was, dem Odo? Der hält noch immer strenge Zucht auf Luringen, das sag ich Euch. Gegen den ist Falkwin von Goyern eine zahme Amme gewesen! Ich weiß es - war mein Schwertmeister wie der des seligen Adhemar!« Barnemund schlug sich ein wenig stolz auf die Brust, immerhin war er auch ein Mitknappe Adhemars von Halmenwerth und Ugos von Mühlingen gewesen - und sein Ausbilder gar ›König der Ritter‹!

»Nein, dem Ugo«, präzisierte Gerobald, der vorsichtig prüfte, ob die Rabenfeder noch unter dem schwarzen Tuch am Helm steckte.

»Ja, der kann es noch. Hat sich richtig aufgerafft für den ›Luringer Klingentanz‹, muss man sagen«, erwiderte Barnemund, während sich beide in Richtung Oberburg aufmachten.

»Nein, ich meinte nicht, dass er es noch kann, sondern dass er es überhaupt kann. So gut mit der Klinge umgehen! Immerhin kennt man ihn doch nur als den Blutigen Ugo«, stellte gerobald fest.

»Natürlich kann er das«, mischte sich Mulziber von Tannengrund ein, ebenfalls ein Mitknappe Ugos in der Luringer Knappenschar, »war damals schon besser als wir anderen, aber in seiner Zeit auf Maraskan ist er zum Meister geworden. Ihr Jungen habt halt keine Ahnung. Ihr denkt nur an heute und vielleicht noch fünf Jahre zurück. Da kann man schon einen solchen Eindruck von Mühlingen bekommen.« 

»Das stimmt«, pflichtete Barnemund ihm bei. »Ugo war immer schon toll an der Klinge! Und zusammen mit Adhemar haben wir einiges erlebt, das sage ich Euch! Wir waren zum Beispiel als Knappen noch mit Eolyn von Eslamsgrund auf Marschallsqueste!«

»Ha, die Geschichte«, grunzte Tannengrund wissend.

»Marschallsqueste?«, hakte Gerobald nach.

»Ja, so eine Tradition. Machen die meisten garetischen Marschälle, hat was damit zu tun, das Heer auf ritterliche Weise führen zu sollen«, erklärte Barnemund.

»Und außerdem geht es um Rondras Segen! Der muss auf dem Marschall liegen. Und damit auch auf dem Heerzug!«, sprang Tannengrund bei.

»Das hat bei Eolyn aber nicht viel gebracht, oder erinnere ich mich falsch?«, sagte Gerobald.

»Das war aber nicht unsere Schuld! Und Mühlingens schon gar nicht! Der hat damals ja erst deswegen auf beidhändig umgelernt! Wegen der Marschallsqueste!« Barnemund von Plitzenbergs Augen begannen zu leuchten. »Dolle Sache, echtes Abenteuer, Gerobald! Besser noch als Ugos eigene Marschallsqueste!«

»Der war auch auf Marschallsqueste? Ugo von Mühlingen?«, wunderte sich Gerobald.

»Ja, ist eigentlich kein Geheimnis. Fragt mal in Eurer Familie, Gerobald. Die meisten werden sich noch gut erinnern, 1016 war das. Wir sagten damals natürlich noch ›23 Hal‹. Ging in den Raschtulswall«, erklärte Barnemund.

»He, Plitzenberg, du wolltest erst von der berühmten Orkfresserqueste erzählen: die Luringer Knappen mit Eolyn von Eslamsgrund auf der Suche nach der Klinge Thordenins des Alten im Orkland!«, unterbrach Tannegrund. »Dann kommt Ugos Queste und die Ogerhochzeit im Wall!«

»Ogerhochzeit?«, fragte Gerobald.

»Später«, Barnemund war jetzt gut aufgelegt. Der Remter war nahe, der Wein desgleichen - genau die richtige Zeit für eine gute Geschichte und ein paar aufmerksame Zuhörer. »Später. Zuerst die Orkfresserqueste! Und einen guten Kelch großen Weins.«

»Großen Kelch guten Weins«, korrigierte Gerobald, dann waren sie am Remter angelangt, gaben den Pagen die nassen Mäntel und stießen zu den anderen.

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Texte der Hauptreihe:
K1. Abschied von einer Legende
16. Pra 1037 BF zur nächtlichen Rahjastunde
Abschied von einer Legende

Kapitel 1

Orkfresserqueste
Autor: BB
Wappen Rondra-Kirche.svg
Ereignis:
Adhemar von Halmenwerth, der ehemalige Schwertmeister der Grafschaft Reichsforst und Vorsteher des Spinnrieder Boron-Tempels, kommt während der Namenlosen Tage auf ungekläörte Weise und unter schrecklichem Umständen zu Tode.
Datum:
3. Nam 1036 BF