Das Einhorn in Eslamsgrund - Herr ohne Leute

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Dramatis personae:


Dorf Sellach (Junkertum Eychgras), 6. Travia 1036 BF

Mit einem dumpfen Gefühl erwachte Erdo von Sindelbrück aus dem Schlaf. Soweit er sich erinnern konnte war heute Praiostag. Es würde wieder einen kleinen Gottesdienst im Tempel des Dorfes geben, dem er wie immer mehr oder weniger aufmerksam folgen würde, es würden die Lete da sein, deren Namen er mehr oder weniger gut kannte und es würde wieder die Bauerstochter da sein, welche er mehr oder weniger aus der Ferne liebte. Sie war wahnsinnig hübsch, bemerkenswert klug und schrecklich versprochen an einen Knecht aus der Nachbarschaft. Erdo war nie ein großer Frauenheld gewesen. Er mochte sie, keine Frage, aber er selber fiel ihnen nur selten auf. Er war klein, wie beinahe jeder aus seiner Familie. Er hatte eine Schwäche für Wein und Bier und gutes Essen und setzte leicht Fett an. Aber er war ein Ritter und treu zu seinen Lehnsherrn und das war alles was er zur Zeit hatte.

Er erhob sich aus seinem Bett, wusch sein Gesicht und ging zum Fenster, um die frische Luft hinein zu lassen. Er schlug die Fensterläden zurück und blickte auf den kleinen Platz seines Dorfes. Was er sah und hörte gefiel ihm nicht. Oder viel mehr das was er nicht sah und nicht hörte. Er sah und hörte nichts. Kein Rufen der Frauen, die ihre Kinder und Männer zur Eile trieben, keine Mägde und Knechte, die letzte Arbeiten verrichteten, um ebenfalls dem Gottesdienst beiwohnen zu können und keine Tiere, die um Aufmerksamkeit baten. Nichts dergleichen.

Erdo zog sich an und verließ sein Haus ohne ein Frühstück. Das Dorf war wie ausgestorben. Nichts regte sich. Er schlug den gewohnten Weg zum Tempel ein, öffnete die Pforte und trat ein. Die Blicke einiger Weniger wendeten sich ihm zu. Die Blicke von Alten und Kindern. Doch wo war der Rest?

„Wo finde ich Mutter Nelanda?“, fragte Erdo und einer der Greise zeigte auf eine Tür, die in einen Nebenraum des Tempels führte. Unsicher ging Erdo darauf zu und sah sich die Gemeinde verwundert an. Er klopfte. Es dauerte nicht lange, bis die Tür geöffnet wurde und Mutter Nelanda im Priestergewand vor ihm stand.

„Ihr könnt es wohl kaum erwarten, mit dem Gottesdienst zu beginnen, was?“, fragte sie, während sie letzte Falten ihres Gewandes glättete.

„Wo sind die ganzen Leute?“, fragte Erdo, während er erneut die Gemeinde musterte.

„Sie sind fortgegangen. Letzte Nacht, als ihr“, sie beugte sich zu ihm vor, „euch vermutlich in den Schlaf getrunken habt. Ein Bote kam vorbei und berichtete von den Aufständen in Eslamsgrund. Das Volk erhebt sich und Euer Volk ebenfalls.“

„Ich war ihnen stets ein guter Herr, oder nicht? Oft fragte ich gerade Euch um Rat.“

„Ihr seid ja auch noch am Leben, mein Herr, oder etwa nicht?“ Sie ging an ihm vorüber.

Erdo nahm seinen Platz ein und der Gottesdienst begann, doch Erdo hatte noch weniger Aufmerksamkeit für diesen, als sonst. Was ist ein Herr ohne Leute? Die Antwort schlich sich bei ihm langsam ein. So langsam, dass er es kaum bemerkte. Ein Herr ohne Leute ist bloß ein Mann in einem leeren Dorf.