Düstere Schatten - Haariger Schrecken

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Waldalriksrode in der Baronie Wehrfelde, Rahja 1036 BF

Es dämmerte bereits und Nebel zog aus dem Wald heran. Die Dörfler eilten sich, um ihr Tagesgeschäft zu beenden. Die Hühner und Gänse wurden in die Ställe getrieben, Werkzeuge wurden in die Schuppen gebracht. Die Kinder waren bereits in den Häusern an diesen langen Tagen. Fest wurden die Fenster und Türen verriegelt, um die Geheimnisse des Reichsforstes auszusperren.

War der Wald sonst sehr ergiebig und hell gewesen, wurde es zur Zeit immer unheimlicher. Sicher konnte man bei Tage noch immer Holz schlagen und die Aufforstungen hegen, aber des Abends eilte man schnell zurück zu den Weilern. Selbst die Köhler blieben nun immer mindestens zu dritt am Meiler auf Nachtwache.

Angefangen hatte es, nachdem der alte Gronil, ein eigenbrödlerischer Jäger, der einige Wegstunden weiter im Wald hauste, der Travinia aufgelauert und sie davongeschleppt hatte. Ein Dutzend Leute hatten sie gesucht, aber niemand konnte sie finden. Ein paar Tage später war das Mädchen völlig aufgelöst wieder ins Dorf gekommen, voller Schrammen, Beulen und blauer Flecke und kaum zu beruhigen. Seitdem sprach sie kein Wort mehr, nicht einmal mit ihrer Mutter, und hielt sich lieber allein bei den Schafen und Ziegen auf. Oft schien sie Gefangene ihrer Gedanken zu sein. Dann war ihr Blick in die Ferne gerichtet und sie hörte niemanden nahen, erschrak und fing an zu weinen. Wütend waren ihre Brüder und der Vater in den Wald gezogen, doch konnten sie nur die zerfetzte Leiche des Alten finden. Als sie zurück waren, erzählten sie von riesigen Wolfsspuren. Obschon die Pranken des Tieres eher von der Größe eines Bären aufwiesen, waren sie sich dennoch einig, dass es sich um Wolfsspuren handelte.

In der folgenden Nacht hörte man lautes Geheul aus dem Wald. Alle Hunde des Dorfes spielten verrückt und bellten sich heiser. Kaum jemand fand in dieser Nacht auch nur einen Quentchen Schlaf. Wieder waren einige in den Wald gezogen, doch wegen des trockenen Wetters konnte man nichts finden. Ein Fetzen Fell an einem Brombeerbusch und die Überreste eines gerissenen Rehs deuteten darauf hin, dass ein Wolf in der Nähe gewesen war. Die Köhler berichteten, dass ein Schatten, so groß wie ein Pferd, sich an ihrem Lager vorbei geschlichen hatte.

Seitdem kam der Nebel. Nicht jeden Abend, aber öfter als sonst. Rauchschwaden gleich verdichteten er sich und man meinte, rot glühende Augen aus dem diffusen Licht der Dämmerung blitzen zu sehen. Immer wieder behauptete jemand, das sei nur, weil der Meiler im Wind stünde, aber dazu war zu wenig Holzgeruch in den weißen, dichten Schwaden. Immer wieder wurde ein großer Schatten gesehen. Die umliegenden Weiler berichteten das genauso. Hatte man den Wald erzürnt? Wollten die Mären ihre Hände nach diesem Stück Land ausstrecken und es sich zurückerobern?

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Knut war nur eben Wasser lassen, während Sigil und Griffan ein paar Schritte weiter am Meiler warteten. Sie wollten den Meiler nur einmal rundherum prüfen und ihn dann hier wieder einsammeln. Jederzeit konnte er nach ihnen rufen, denn weit war das ja nicht. Ein paar Schritte machte er in den Wald hinein und drehte sich an einen Baum, während er an seinen Beinkleidern nestelte. Erleichterung machte sich in ihm breit und er hatte die Augen geschlossen. Seit Gronils Tod waren sie nicht mehr zu dritt auf Wache gewesen. Das letzte Mal, dass er sich so entspannt hatte, war, als er zusammen mit den anderen beiden Jungs im Wald den Jäger besucht hatte, eine Nacht vor dessen "Unfall". Alle hatten sie ihren Spaß dabei gehabt, auch das Mädchen!

Plötzlich erklang hinter ihm ein Knacken. "Sigil? Griffan? Lasst den Blödsinn, ja? Ich bin nur pissen!" Ein weiteres Knacken erklang, diesmal deutlich näher, und dazu ein tiefes Grollen. Erst wusste Knut nichts damit anzufangen, doch dann stellten sich seine Nackenhaare auf, während er sich langsam umdrehte. Rauch und Nebel hatten ihn eingehüllt und ein riesiger Wolf stand nur wenige Meter von ihm entfernt und knurrte ihn an. Schreiend lief er los, doch schlug er fast sofort hin, da seine Hose noch an den Knöcheln hing. Sein Schrei gellte zur Köhlerhütte hinüber, in der die anderen Köhler dichter zusammenrückten. Erst ein Stundenglas später, als die drei nicht wieder zur Hütte gekommen waren, brachen sie alle gemeinsam auf, um den Meiler zu prüfen. Am nächsten Tag erst wagte man sich abseits des Hügels in den Wald und fand dort Blutspuren und einen Stiefel von Knut, aber die anderen beiden Männer blieben verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Aber die übrigen Köhler schwörten, schrille Schreie und dumpfe Flügelschläge wie von riesigen Schwingen gehört zu haben. Und natürlich das Heulen des haarigen Schreckens!