Bruder des Blutes 5

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Vorsichtig schlich Amarelo hinter dem Reiter her. Zum Glück war das Gelände recht unwegsam, so dass der Geweihte mit seinem Pferd kaum schneller war. Amarelo war auf der Hut. Auch wenn die Art des Auftrags nach seinem Geschmack war, so hatte er doch Respekt vor dem Kor-Geweihten. Vor Jahren hatte er in einem Gefecht einen Geweihten des Gnadenlosen im Kampf gesehen. Bis dahin hatte er noch nie jemanden so kämpfen sehen. Der Geweihte damals hatte keine Rücksicht auf eigene Verletzungen genommen, wie in einem grausamen Tanz hatte er seinen Gegner umkreist und immer wieder zugeschlagen. Acht Mal. Jeder in der Nähe hatte es gehört, denn der Geweihte hatte laut mitgezählt.

Und dann kam der neunte Schlag. Amarelo kniff unwillig die Augen zusammen um das Bild vor seinem inneren Auge zu vertreiben. Doch es gelang nicht. Er sah die Szenerie vor sich, als wäre es eben geschehen. Als der Geweihte "NEUN" brüllte, hieb er mit einem gewaltigen Schlag auf seinen Gegner ein, und durchtrennte dessen kompletten Oberkörper. Amarelo hatte so etwas noch nie gesehen. Und wollte es auch gar nicht. Er wollte nicht auf dem Schlachtfeld Mann gegen Mann kämpfen. Ihm waren die Hinterhalte, die Überfälle, die Diebstähle lieber. Deshalb nannten seine Kameraden ihn ja auch "die Katze". Manchmal fragte er sich warum er Kor und nicht Phex ehrte.

Amarelo unterbrach seine Gedankenspiele. Der Geweihte hatte den alten Viehhof erreicht. Langsam ritt er mit seinem Pferd durch die alten, verkohlten Ruinen. Bevor er vor dem einzig erhaltenen Gebäude anhielt, warf er einen Blick in die Runde. Amarelo duckte sich rasch hinter einen Strauch. Als er wieder hervor schaute, war der Geweihte bereits abgestiegen. Er band sein Pferd an einen der verkohlten Balken, die überall aus der Erde ragten. Dann griff er in eine seiner Satteltaschen und holte etwas daraus hervor, dass Amarelo aus der Entfernung nicht erkennen konnte.

Als der Geweihte langsam zum Tor des alten Stalles ging, schlich Amarelo langsam näher. Die Brandruinen des alten Viehhofes gaben ihm gute Deckung. Er hatte es bis fast zum Pferd des Geweihten geschafft, als dieser das Tor öffnete. Er wartete ab, bis der Geweihte in das Gebäude gegangen war.

Ein leiser Fluch kam über seine Lippen als Amarelo sah, dass der andere das Tor hinter sich zuzog. Wie sollte er ihn jetzt beobachten? Außer dem eichenen Tor gab es keinen Zugang zum Inneren des alten Schlachthauses. Da waren zwar noch die alten Fenster, doch die hatte man zu Schießscharten verengt. Amarelo blieb keine Wahl. Vorsichtig schlich er im Bogen an das Gebäude heran. Als er angekommen war, fluchte er wieder.

Ogerbeerenranken. Er hasste das Zeug. Phex sei Dank waren die hässlichen Knospen noch nicht erblüht. Deren Gestank hätte es ihm sicher unmöglich gemacht, seinem Auftrag nachzukommen. Aber trotzdem musste er sich vorsehen. An den Stängeln der Ranke wuchsen kleine Härchen. Amarelo wusste aus Erfahrung leider zu gut wie schmerzhaft es war, wenn man versehentlich damit in Berührung kam.

Vorsichtig schob er sich an eine der Schießscharten und spähte hinein. Seine Augen brauchten einen Augenblick sich an das Halbdunkel des Raumes zu gewöhnen, doch dann sah er den Geweihten. Dieser stand vollkommen erstarrt vor der marmornen Mantikorstatue. Amarelo wusste, dass sich viele Besucher vor der Statue fürchteten. Wer auch immer das Wesen mit seinem Löwenkörper, dem Drachenschweif und dem furchterregenden Kopf, der fatal an einen Helburger Bluthund erinnerte, zum ersten Mal anschaute, sah sich dem Blick der kalten, schwarzen Obsidianaugen ausgesetzt. Nicht wenige waren schon schreiend aus dem Schrein gelaufen. Doch der Geweihte schien sich nicht zu fürchten. Im Gegenteil. Amarelo stellte erstaunt fest, dass er lächelte.

Langsam ging der Geweihte um die Kor-Statue herum und betrachtete sie aufmerksam. Amarelo versuchte, den Blick des Geweihten zu deuten. War es Zufriedenheit? Glück? Er wusste es nicht.

Als der Geweihte seine Runde um die Statue beendet hatte, stellte er sich an den steinernen Altartisch und griff zu zwei kleinen Beuteln, die er am Gürtel trug. Er öffnete den einen und schüttete ein schwarzes Pulver auf den Tisch. Er schloss den Beutel wieder und verteilte das Pulver zu fünf kleinen Häufchen. Aus dem zweiten Beutel schüttete er rotes Pulver, welches er auf vier Häufchen aufteilte. Nachdem er beide Beutel wieder sorgsam verschlossen hatte, zog er einen Dolch aus dem Gürtel und legte ihm auf den Tisch, dann holte er einen zweiten Dolch aus seinem rechten Stiefel und legte ihn daneben.

Amarelo hatte erwartet, dass der Kor-Geweihte einfach vor seinem Gott beten würde. Doch der hier schien mehr im Sinn zu haben. Amarelo zog seine Augenbrauen hoch als er sah, dass der Geweihte nun anfing sich eines Teils seiner Kleidung zu entledigen. Schnell war der Turban abgewickelt. Erstaunt sah Amarelo, dass der Geweihte seinen Kopf kahlgeschoren hatte. Aber seine Augen wurden noch größer, als der Geweihte seinen Oberkörper entblößte. Amarelo hatte bereits viel gesehen, doch nur wenige Menschen hatten so viele Narben am Körper. Arme, Brust, Rücken, alles war bedeckt von roten Wundmalen. Viele schienen das Ergebnis von Kämpfen zu sein. Amarelo wusste nur zu gut, wo ein Söldner typischerweise seine Wunden trug. Doch einige der roten Striemen passten nicht in das Bild, waren zu regelmäßig, als hätte sie jemand absichtlich so gesetzt.

Nun holte der Geweihte ein Zunderkästchen hervor. Geübt schlug er Funken aus dem Stein, setzte damit den Zunderschwamm in Glut und zündete mit der kleinen Flamme eine der Fackeln im Raum an. Der Geweihte griff sich die Fackel und ging damit zum Altartisch.

Er blieb einen Moment stehen, schaute auf die Statue und hielt dann die Fackel über seine schwarzen und roten Pulverhaufen. Zischend fing das Pulver an zu qualmen. Roter und Schwarzer Rauch stiegen auf und hüllten den Altar ein. Die Fackel, die der Geweihte zu Boden geworfen hatte, warf unwirkliche Schatten an die Rückwand des Schreins. Amarelo musste sich anstrengen, um noch zu erkennen, was im Innern des Gebäudes vor sich ging.

Der Geweihte schien seine Dolche ergriffen zu haben. Mit erhobenen Armen stand er inmitten des Rauches vor der Statue und begann zu schreien.

"KOR, Bruder des Blutes, höre mich an! Herr der Schlachten, Mitleidloser, der du lachend über das Schlachtfeld schreitest, Herr der neun tödlichen Streiche, Geifernder Schnitter, Donnernder Himmelsreiter, Schwarzer Prinz der Chimären, Gnadenloser, sieh mein Opfer und sende mir deine Kraft."

Amarelo tränten die Augen vom Rauch, der inzwischen durch die Schießscharten nach draußen quoll. Er warf noch einen letzten Blick in den Raum und sah, dass der Geweihte sich die Dolche quer über die Brust zog und zwei lange blutende Wunden hinterließ. Dann verschwamm das Bild vor seinen tränenden Augen und Amarelo kroch so schnell er konnte von der Schießscharte weg, krampfhaft versuchend, den Husten zu unterdrücken. Er stolperte weiter, bis er meinte, genug Strecke zwischen sich und den Schrein gebracht zu haben. Erst dann brach er zusammen und gab sich dem inzwischen übermächtigen Hustenreiz hin. Röchelnd lag er zwischen den Büschen und versuchte, seine Lunge wieder mit sauberer Luft zu füllen. Nach und nach gelang es ihm und er konnte wieder frei durchatmen. Doch noch immer fühlte er sich vom Rauch benommen . Amarelo erhob sich vorsichtig und kehrte zurück zum Schrein. Noch immer quoll schwarzer und roter Rauch aus den Schießscharten und bedeckte den Boden des alten Viehhofes mit unwirklichen Nebenschwaden. Amarelo schauderte. Ganz ähnlich hatte es in den vergangenen Tagen ausgesehen.

Ein markerschütternder Schrei riss ihn aus seinen Gedanken. Er drehte sich um... Doch da war nichts. Nichts außer den alten Ruinen rund um den Kor-Schrein. Ein Schrei aus einer anderen Richtung forderte seine Aufmerksamkeit. Doch auch dort war nichts zu sehen. In Amarelo stieg Panik hoch. Nach und nach gesellten sich zu den einzelnen Schreien weitere grausige Geräusche. Er hörte schreiende Menschen, das Prasseln von viel zu großem Feuern, den Lärm einstürzender Gebäude. Doch zu sehen war davon ... nichts. Amarelo hielt dem Lärm nicht aus. Er fiel auf die Knie, kniff die Augen zusammen und versuchte, seine Ohren mit seinen Händen vor dem Lärm zu schützen. Dann war plötzlich Stille...

Es dauerte einige Augenblicke, bis Amarelo sich traute, seine Augen und Ohren zu öffnen. Er schaute sich um und musste feststellen, dass der Rauch verschwunden war. Kein roter Rauch kroch mehr über den Boden, keine schwarzen Nebel flossen aus den Schießscharten des alten Schlachthauses. Verwirrt strich sich Amarelo über die schwitzende Stirn. Hatte er sich alles nur eingebildet? War der Rauch schuld? War da überhaupt Rauch gewesen?

Amarelos Gedanken drehten sich. Er hockte zwischen den Ruinen des alten Hofes und starrte auf den Boden vor sich. Erst als zwei Stiefel in sein Blickfeld gerieten, schreckte er aus seinen Gedanken hoch. Langsam hob er seinen Blick. Vor ihm stand der Kor-Geweihte, bekleidet und mit dem Turban auf dem Kopf. Amarelo öffnete den Mund, wusste aber nicht, was er sagen sollte.

Als der Geweihte mit einem schnellen Griff ein Schwert vom Rücken zog, löste sich endlich ein Schrei aus seiner Kehle und gellte über den Hof..