Bekennt euch, Frevler - Bastion unter dem Mondenlicht

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Stadt Breitenbruck, 17. Peraine 1041 BF

„Auf ein Wort, Sigman.“ Malwarth von Eslamsgrund bat den jungen Mann vor die Tür der Herberge und die Treppe hinauf hinauf auf die Bastion des Stadtmäuerchens, die im Mondlicht des späten Abends in silbriges Licht getaucht wurde. Der weite Himmel wölbte sich dunkel und klar über der Breitenau, doch nur die hellsten Sterne funkelten gegen das Licht des Mondes an.

Auf der Bastion, an den Zinnen und mit Blick auf die träge fließende Breite vor sich und das Dörfchen, das sich Stadt nannte, hinter sich, warteten bereits Leomar von Zweifelfels und Marnion von Sturmfels. Es musste also um irgendetwas Ernstes gehen, denn die drei Männer mochten einander nicht sehr, waren aber stets diejenigen, die Sigman die Welt erklärten. Das fand er oft spannend, lehrreich – und immer zu lang.

„Was gibt es, Ihr Herren?“, fragte Sigman und wischte sich die Hände an den Hosenbeinen ab. Er war erhitzt vom Gespräch im Remter, von der Reise, der Vorfreude und wohl auch von dem Krug Greifenbräu, den er gerade getrunken hatte.

„In zwei Tagen wollen wir auf Kaiserley sein, mein Prinz, und dort werden wir auf allerlei Menschen treffen – vielleicht auch Zwerge und Elfen –, zu denen Ihr Euch verhalten müsst, weil sie sich Euch gegenüber verhalten werden.“ Leomar hatte seine samtene Erläuterungsstimme verwendet, die oftmals im Ungefähren sirrte. Sigman hatte schon öfter mal das Ende eines Satzes verpasst, weil er dachte, es ginge noch weiter.

„Ja?“, fragte er zögerlich nach. „Was heißt verhalten?“

„Das fängt bei der Markgräfin an“, setzte Sturmfels fort: „Wie Ihr wisst, besitzt die Mark Greifenfurt nicht viel: nicht viel Gold, nicht viele Waffen. Nicht viel Einfluss.“

„Hm“, machte Sigman.

„Alles, was Greifenfurt an Einfluss besitzt, hängt unmittelbar mit der Markgräfin zusammen. Sie stammt aus einer extrem wichtigen Familie, auch wenn sie heute nur noch ein Schatten von einst ist. Außerdem teilt sie mit der Kaiserin ein schweres Schicksal, nämlich frühes Leid. Die beiden Frauen sind sich angeblich freundschaftlich verbunden.“ Sturmfels machte ein Pause, in die Malwarth vorstieß: „Außerdem ist sie nicht ganz richtig im Kopf.“

„Na, na, na“, widersprachen Leomar und Sturmfels, während Siman erneut „hm“ brummte.

„Was denn? Stimmt doch! Die hat jahrelang im Turm gesessen und wurde kalt von den Noioniten gebadet!“, verteidigte Malwarth sich.

„Ja, sie war eine Zeitlang nicht sie selbst“, gab Sturmfels zu, „aber sie hat sich gefangen. Sie ist wieder schwanger – und das in ihrem Alter! –, und sie hat den Greifenfurter Adel fest hinter sich. Das darf man nicht unterschätzen.“

„Und Edelbrecht!“, warf Sigman ein. Seine Augen glänzten vor Begeisterung. „das ist ein echter Ritter! Ein toller Kerl!“

„Hm“, machten nun die drei Herren. „Ja“, konzedierte Sturmfels, „Edelbrecht ist ein weiterer Grund, warum Greifenfurt mehr Einfluss besitzt, als ihm auf dem Papier zustünde. Aber lasst Euch davon nicht verleiten, mein Prinz. Die Markgräfin wird Euch und uns nicht wohlgesinnt sein. Sie hat eine eigene Agenda, lässt sich ungern hereinreden und genießt den Status als Provinzherrin. Und den macht Ihr ihr streitig.“

„Wieso?“, fragte Sigman nach.

„Weil Ihr die Markgrafen wieder zu Grafen Großgaretiens machen wollt. Wie zu Retos Tagen.“ Leomar säuselte wieder. „Die Markgräfin ist keine Politikerin, aber sie hat Instinkte und Menschenkenntnis. Sie hat ein Gespür für solche Dinge. Sie handelt mit Gefühl, nicht mit Kalkül. Und das Gefühl gegenüber einer so dynamischen Bewegung wie Korgond und das Fuchsrudel wird kein gutes sein. Sie ist im Herzen konservativ, ja restaurativ. Sie strebt nach dem Fürstentum Wertlingen. Nicht weil sie glaubt, ein Recht dazu zu haben, sondern weil sie das Gefühl hat, ihr und ihrer Familie stünde das zu.“

„Hm. Also was soll ich tun?“

„Verärgert sie einfach nicht. Zeigt Ihr, dass Euer Anliegen gerecht und gut ist. Dass Euer Herrschaftsideal mehr mit Ideal als mit Herrschen zu tun hat. Dass Eure Beweggründe auf Ehre, Tradition und Ritterlichkeit beruhen, dann wird sie begreifen, dass Ihr für Greifenfurt keine Gefahr seid. Sondern ein Segen.“

„Hm“, machten Sigman und Malwarth. Der eine. Weil ihm das so schwierig vorkam. Der andere weil er fand, zu viel Rücksicht auf die Rückständigkeit tumber Bauernritter müsse nun eigentlich auch nicht sein.

„Und nun zum zweiten“, setzte Leomar fort: „Die Pfalzgräfin.“

„Was ist mit ihr?“, wollte Sigman neugierig wissen.

„Sie ist ehrgeizig, empfindet sich als die eigentliche Herrin des Verfahrens – immerhin findet ja auch alles auf Kaiserley, also ihrer Burg statt – und sieht sich als die wahre Vertreterin der Kaiserin, bis diese anreist. Mir wurde zugetragen, dass sie bisweilen so auftritt, als wüsste sie besser, was gut für Rauls Krone ist, als Raul selbst.“ Leomar atmete tief aus. Sturmfels setzte fort: „Sie ist eine Mersingen, steht also dem Thron ebenfalls nahe und besitzt das intrigante Blut ihrer ganzen Sippschaft. Sie wird die Ideen des Fuchsrudels als Gefahr für eine Ordnung erachten, als deren Vertreterin sie sich wähnt.“

„Das klingt alles so kompliziert“, kommentierte Sigman und strich sich über die Stirn. „Mein Vater hat das auch schon alles gesagt.“

„Was hat Euer Vater gesagt?“, fragte Malwarth eilig nach.

„Dass diese Lange Jagd kein Spaziergang ist und dass hier viel zu viele Interessen zusammen kämen. Wörtlich hat er gesagt, wenn wir es nur mit der Blutigen Bestie der Hangemannklamm zu tun bekämen, hätte ich nichts zu befürchten.“

„Was für eine Klamm?“, fragte Sturmfels.

„Egal“, wischte Malwarth beiseite. „Hat Euer Vater noch etwas gesagt?“

„Nein, er hat mich nur ermahnt, bescheiden und anständig zu bleiben. Ob Edelbrecht mich als Knappen nehmen würde?“ Sigman blickte Malwarth erwartungsvoll an.

„Um Rondras Willen! Ja, das wäre denkbar. Und eine Katastrophe!“ Malwarth wischte den Gedanken mit einer harten Handbewegung beiseite. „Wie gut, dass Euer Vater nicht ebenfalls anreisen wird. Wie überhaupt die ganzen Großkopferten. Auf das Frettchen oder die Perricumer Elster hätte ich jetzt gar keine Lust.“

Die drei Männer lachten humorlos. Dann klopfte Sturmfels Sigman auf die Schulter: „Wird schon, mein Prinz. Korgonds Ideen haben schon ganz andere überzeugt. Und Eure Lauterkeit wird es ebenfalls tun.“