Bekennt euch, Frevler – Öffentliche Bekenntnisse

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05.ING 1041 BF, Stadt Kressenburg

Braniborian war am Vortag in aller Frühe aufgebrochen ohne sich bei Frau und Kindern zu verabschieden. Er wusste, dass der Weg den er jetzt einschlagen würde, ihn vermutlich sein Lehen, wenn nicht sogar das Leben kosten würde. Diese irdischen Dinge waren ihm zwar inzwischen gleichgültig, jedoch er wollte niemanden weiter mit hineinziehen, ging es hierbei doch allein um sein Seelenheil, dass durch sein frevlerisches Handeln bedroht war.

Es war Markttag in Kressenburg. Dieser wurde inzwischen aus Platzgründen nicht mehr auf dem kleineren Alten Markt zu Füßen des Klosters Kressenberg abgehalten, sondern auf dem Neumarkt vor dem Portal des neuen Praiostempels. Der Junker stand unter der Kanzel am Rande des Platzes, von der aus sein Onkel vor etwa zwei Wochen seine letzte Predigt wider die Bekenner an das Volk gerichtet hatte. Er wartete eine kleine Weile, bis die Stadtwachen ihre Runde am anderen Ende des Marktes zogen. Zwar war ihm bewusst, dass seine Aktion nur mit seiner Verhaftung enden konnte, doch wollte er um keinen Preis gestört werden, bis er fertig gesprochen hatte. Als die Luft rein war, erklomm er zügig die hölzernen Stufen und richtete sich auf der Kanzel sogleich zu voller Größe auf. Ein jeder Marktbesucher sollte ihn im Licht der morgendlichen Praiosscheibe sehen. Er sah, dass die ersten Bürger stehen blieben und mit fragenden Blicken zu ihm hinauf zeigten. Braniborian atmete tief durch, die Zeit war gekommen.

„Ich bin Ritter Braniborian von Praiostann. Vor einigen Götterläufen hat mich der Baron auf Betreiben meines Onkels, des Prätors von Kressenburg, zum Junker erhoben. Dies ist nicht rechtens gewesen, denn es ist falsch sich über jenen Stand zu erheben, der einem vom gerechten Götterfürsten von Geburt an zugewiesen wurde. Es ist ein Frevel in den Augen des Herren Praios.“

Braniborian machte eine kurze Pause bevor er zu dem Teil kam, der ihn vermutlich auf den Scheiterhaufen bringen würde.

„Ebenso ist es ein Frevel von Baron Ardo gewesen, sich mit dieser Geste das Wohlwollen des Prätors und damit das des Herren Praios erkaufen zu wollen. Der Bau des neuen Tempels hier hinter mir erfolgt ebenfalls aus dem frevlerischen Gedanken heraus, sich das Wohlwollen der Kirche zu seiner jungen Herrschaft zu erkaufen. Zugleich ist es aber auch ein Frevel des Prätors! Denn er hat dem Baron diese Taten abverlangt um die Ehre seiner und meiner Familie zu mehren und nicht zuletzt seine Position in der Praioskirche zu stärken. Dafür jedoch wurde er von Praios gestraft, denn Praios’ Gnade ist nicht käuflich!“

Auf dem Marktplatz hatte sich gespenstische Stille ausgebreitet. Braniborian konnte förmlich spüren, wie den Bürgern unter ihm ob seiner Worte der Atem stockte. Am anderen Ende sah er, wie sich die ersten Büttel in Bewegung setzten und sich ihren Weg durch die Marktbesucher bahnten. Er hatte nicht mehr viel Zeit.

„Ich bin Braniborian von Praiostann und ich bekenne mich schuldig. Ich bin ein Frevler vor dem Götterfürsten, denn ich habe mich über Meinesgleichen erhoben und den Platz verlassen, den der Herr Praios in seiner Ordnung für mich vorgesehen hat. Ich habe einem frevlerischen Lehnsherrn gedient und bin meiner Pflicht als Vasall nicht nachgekommen, ihn auf seinen frevlerischen Lebenswandel hinzuweisen. Ich habe ohne schlechtes Gewissen meinen Vorteil aus den frevlerischen Taten des Prätors gezogen, obgleich mir die Falschheit seiner Taten hätte bewusst sein müssen. Ich bin Braniborian von Praiostann und ich bekenne mich!“

Die Wachen hatten die Kanzel erreicht. Gemessenen Schrittes ging Braniborian die Stufen hinab und ließ sich ohne Gegenwehr fesseln und abführen. Die Bürger, an denen er auf dem Weg zur Burg vorbeigeführt wurde, sahen ein seliges Lächeln auf seinem Gesicht.