Aufgetaucht

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Langkoppeln, Raulsmark, 19. Rondra 1043 BF

Dramatis personae:

Ondinai von Weyringhaus-Helburg,

Rilja von Langkoppel, alte Frau

Rilja von Langkoppel schlüpfte durch die unscheinbare hölzerne Tür. Nach der Eiseskälte dort unten in ihrem Heim traf sie die Hitze des garetischen Hochsommers wie immer mit voller Wucht. Dass sie sich auf ihren krummen Gehstock stützte, war an solchen Tagen weniger vorgespielt als sonst. Sie schnipste sich eine vorwitzige Schneeflocke von der Schulter – verlorene Liebesmüh, denn in der Sonne wäre das kleine Flöckchen ohnehin schnell dahingeschmolzen.

Verwundert blickte die hagere, grauhaarige Frau auf den Boden. Um den Tsa-Schrein herum, in dessen Rückseite sich ihre Tür befand, war das Gras ausgedörrt und gelb – aber über die trockene Erde zog sich eine feuchte Spur, als hätte jemand Wasser verschüttet. Noch hatte der Boden das kostbare Nass nicht aufgesogen. Rilja spürte selbst an den versickernden Tropfen, wie kühl und erfrischend das Wasser war – nicht aus einer Zisterne geschöpft, sondern aus einem kristallklaren Bergsee. Sie sah die Feen, die Nixen und die Nymphen fast vor ihrem inneren Auge, in den Tiefen ihres Gedächtnisses. Mit einem versonnenen Lächeln um die faltigen Mundwinkel humpelte sie um die Ecke.

Und erstarrte.

Vor dem Schrein lag eine Frau. Fast wie eine Ertrunkene, hier mitten auf der trockenen Wiese, weitab entfernt von jedem größeren Gewässer. Ihre Kleidung klebte triefnass an ihrem Körper, in den wirren und feucht glänzenden Haaren hatten sich Algenblätter verfangen, die Lippen waren blau verfärbt.

Aber sie lebte. Mit röchelndem, rasselndem Atem würgte sie das verschluckte Wasser hervor.

So schnell es ihre morschen, müden Knochen erlaubten, ging Rilja neben der – jungen? alten? Das war kaum zu erkennen oder zu schätzen – Frau in die Hocke. Fieberhaft suchte sie nach einem Scherz, den sie ihr erzählen könnte … doch der Anblick war für sie so bedrückend, dass ihr keine lustigen, aufmunternden Worte einfielen. Hilfesuchend schaute sie umher.

Ihr Blick fiel auf die blumengeschmückte Holztafel mit der bunten, wenn auch schon etwas verblassten Inschrift: „Der lebensspendenden jungen Göttin gestiftet von Oldebor von Weyringhaus, Burggraf von Kaiserlich Raulsmark, und seiner geliebten Gattin Merisa am sechzehnten Tag des Efferdmondes im Jahre 1003 BF anlässlich der Geburt ihrer ersten Tochter Ondinai. Möge Tsa über sie wachen.“

Die halbertrunkene Frau rang nach Luft. Kraftlos hob sie die Hand, deutete mit zitternden Fingern auf die Tafel. Mühsam und keuchend stieß sie Silbe für Silbe hervor:

„Das … bin … ich.“