Anthologie 1040 BF - Verstummende Gänse

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Markt Gaulsfurt, Travia Tempel

Sichtlich genervt ging er hinaus, um zu sehen, weshalb die Gänse so ein Gewese machten. Es war so trübe, sogar heute früh schon bräuchte man Kerzen. Ihr Schnattern war inzwischen ohrenbetäubend. An sich waren sie ruhig, nachdem sie erst gefüttert worden waren. Ob es schon wieder der Fuchs war, der um die Häuser strich, fragte er sich, derweil er pflichtbewusst die Holzschuhe anzog. Der Strolch wurde auch immer dreister. Jetzt schon am helllichten Tag zu kommen! Es hatte die letzten Tage anhaltend geregnet, und man tat gut daran dafür Sorge zu tragen, keinen Schmutz ins Heim zu bringen. Da verstand seine Dontje keinen Spaß. Aber vor gut einem halben Stundenglas war seine Frau auch schon draußen gewesen, um die hungrige Schar zu füttern. Sie sollten also eigentlich satt und zufrieden sein.

Er selbst bereitete sich gerade auf eine Zeremonie für einen Traviabund vor, derweil seine Gemahlin zum Viehmarkt gegangen war. Das junge Paar wollte auch schon bald vorsprechen mit seinen Eltern, um die Feierlichkeit zu besprechen. Warum passierte immer so etwas zu Unzeiten?

„Bin draußen bei den Gänsen, aber gleich wieder da!“ rief er dem jungen Novizen zu, der den Herd mit Kohle bestückte.

Mit einem Besen bewaffnet schritt der Mann hinaus ins bleigraue Licht. Den Schleicher würde er vertreiben. Keiner sollte es wagen, sich den Gänsen der Herrin zu nähern! Er musste vorsichtig gehen. Der Weg zum Pferch war schlüpfrig. Die Schuhe wollten ihm von den Füßen gleiten so matschig war dann auch der durchweichte Grund am kleinen künstlich angelegten Teich unweit des Tempels. Es war eine gute Überlegung gewesen von Dontje. So hatte man gleich auch genügend Wasser, falls es einmal brannte, hatte sie gesagt. Er suchte mit den Augen die Umzäunung ab, doch keine Spur vom Fuchs.

‚Vielleicht auch Ratten,‘ dachte er bei sich,‚die machten sie auch immer so nervös!‘

Die Schar Gänse beachtete ihn erst gar nicht. Sie hatte sich schnatternd um den Trog versammelt. Hatte Dontje etwa doch vergessen ihnen ihre Ration für den Tag zu geben, und das Gatter zu öffnen? Das sah ihr gar nicht ähnlich. Im Näherkommen sah er auch den Eimer, in dem die aufgeweichten Körner sonst raus gebracht wurden am Boden liegen. Und auch ein kleiner Holzschuh steckte im Schlamm. Ein ungutes Gefühl begann sich in seiner Bauchgegend breit zu machen.

Die Gänse bemerkten jetzt auch seine Anwesenheit, zumindest wendeten sie sich ihm zu, und zu seiner Überraschung kehrte auch Ruhe ein. Raschen Schrittes überbrückte er die Strecke zum Trog. Die Tiere die im Weg standen machten protestierend Platz, ob seiner Eile. Jetzt sah er auch die dreckbesudelte Tracht seiner Frau leuchtend aus dem Matsch hervorblitzen.

„Dontje?“ War sie gefallen und jetzt hilflos dort? Als die letzten Gänse gewichen waren, ergab sich für ihn das ganze elende Bild. Sie lag mit blicklosen Augen vor ihm. Eine große Platzwunde an der Schläfe, aus der viel Blut geströmt war, verunstaltete ihr sonst so makelloses Gesicht. Blut hatte die Pfützen gefüllt, und auch am Trog war davon zu finden.

Er kniete sich fassungslos neben sie und hob sie sacht an. Doch kein Atem war mehr zu sehen oder fühlen. Tränen schossen ihm in die Augen, und er begann hemmungslos zu weinen. Die Gänse drängten sich an seine Seite und gaben dabei leise Laute von sich. Es begann wieder zu regnen.