Anthologie 1040 BF – Abenddämmerung

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Schloss Tikaris, Stadt Wasserburg, Rondra 1040 BF:

Es war ein lauer Sommerabend, träge schoben sich die Wassermassen des Darpat stromabwärts. Bald würde das Praiosmal hinter dem Wall verschwinden. Thamian de Vargas stand auf der Kaiserbastion und schaute auf den Fluss. Hier und da erspähte er einige Flusssegler. Eine Strähne seines rotblond gelockten, halblangen Haar tänzelte ihm durch das Gesicht. Der laue Sommerwind war angenehm auf der Haut.

Wie der Fluss war alles in Bewegung, dachte sich der Magus. Es war viel passiert in den letzten Götterläufen die er als Leibmagier und Leibarzt hier in Wasserburg diente. Baron Zordian, dessen Geist und Seele sich verdunkelt hatten, hatte Fortschritte gemacht – Dank ihm natürlich. Der unkonventionelle Magier hatte schon während Zordians Zeit im Kloster des Schweigens die professionelle Ebene verlassen und die beiden Männer waren sich nicht nur im Namen Borons, sondern auch im Namen Rahjas näher gekommen. Da es dem Behandlungserfolg keinen Abbruch tat, war es die richtige Entscheidung, empfand Thamian. Erfolgreich hatte er den Baron nach dessen Rückkehr nach Wasserburg von allen negativen Einflüssen abgeschirmt, besonders von dessen Gemahlin. Das war einfacher als er gedacht hatte, schien sie doch so überhaupt kein Interesse an ihren Gatten zu haben. Diese hatte gar den Drosselhof in der Efferdstadt bezogen und war so selten wie möglich im Schloss. So arrangierten sich die beiden, sie verwaltete im Namen des Barons die Baronie und er war für Zordians Seelenheil zuständig. So kam man sich nicht in die Quere. Dennoch lag ihre Anwesenheit wie ein dunkler Schatten auf der Seele des Barons, da war sich Thamian sicher. Sie musste also weg.

Die Umwälzungen der Namenlosentage und des Praiosmondes sollten sich diesbezüglich als glückliche Fügung herausstellen – zumindest für das Seelenheil des Barons. Denn nur die Götter wissen wie viele Seelen den Söldnern des Reichsverräters zum Opfer gefallen waren. Wasserburg war glücklicherweise mit vergleichsweise wenigen Schäden davon gekommen. Dennoch kam die Vögtin seltsam verändert von der Gaulsfurt wieder. Ohne weitere Erklärungen abzugeben, legte sie ihr Amt nieder und brach gen Rashia'Hal auf. Damit hatte Thamian nicht gerechnet. Doch die Auswirkungen waren enorm. Der Baron blühte nahezu auf, fasste neuen Tatendrang. Der dunkle Schatten auf seiner Seele schien sich endgültig zu lüften.

Nun, für die Niederungen der Verwaltung seiner Baronie ließ sich Zordian zwar immer noch nicht begeistern, was besonders seine Versallen freute. Aber solange diese pünktlich ihre Abgaben ablieferten, war dies zu verschmerzen und dafür sorgte der nun mit der herrschaftlichen Verwaltung betraute Haushofmeister Perainian Huflinger stets freundlich aber bestimmt. Huflinger war ein kompetenter Bürokrat, der das vollste Vertrauen des Barons hatte. Auch Thamian hielt ihn für fähig. Zum neuen Vogt über die freiherrlichen Ländereien wurde der Kaisermärker Malwin von Kobernhain ernannt. Ein unscheinbarer, aber tüchtiger Mann. Unproblematisch war auch das Verhältnis zwischen der Stadtmeisterin von Wasserburg und dem Baron. Man ließ sich in Ruhe und mischte sich nicht in die Belange des jeweils anderen ein. Auch bei der lange Zeit strittige Frage, ob die Efferdstadt überhaupt zur Stadt gehören würde, oder doch direkt dem Baron unterstellt war, wurde auf Vermittlung vom Kobernhainer zumindest ein Kompromiss gefunden.

So war Zordian von diesen Lasten befreit. Denn lieber jagte er wie eh und je seinen Tagträumen nach, doch schien er jetzt nicht mehr so sehr verloren in seiner Welt, die Bilder in seinem Geiste wurden konkreter, greifbarer. So hatte der Baron die Idee einen Tempel der Künste zu stiften, mehr noch, er wollte das größte Theater der Markgrafschaft errichten lassen. Worte eines Träumers, eines Größenwahnsinnigen, mochten einige bei Hofe meinen, doch Thamian wusste es besser. Er kannte die tiefsten Abgründe von Zordians Seele. Für ihn waren es die Worte eines großen Visionärs, der endlich Frieden bei der allwissenden Hesinde und der lieblichen Rahja gefunden hatte. So hatte der Baron schon eigenhändig Skizzen angefertigt. Allesamt nicht umsetzbar, da der Baron keine Ahnung von der Baukunst hatte. Es war also an der Zeit einen renommierten Baumeister zu beauftragen. Der den Travia-Tempel in Gnitzenkuhl gebaut hat galt als fähig, so hatte der Magus vernommen. Geschwind wurde ein Bote ausgesandt, denn der Baron hasste es zu warten.

Thamian löste seinen Blick vom träge dahinfließenden Darpat und blickte auf das herrschaftliche Schloss Tikaris. Eine Sache blieb noch ungelöst. Was sollte mit dem kleinen Romin von Tikaris geschehen? Der offizielle Erbe von Wasserburg wurde von seiner Mutter verlassen und wird von seinem Vater mit Nichtachtung gestraft. Es musste sichergestellt werden, dass Romin zu einem guten Herrscher heranwachsen würde. Thamian beschloss sich des Kleinen anzunehmen. Vielleicht würde ja auch Zordian bald gefallen an ihm finden.

Während Thamian seinen Gedanken nachhing, ging über dem Rashtulswall blutrot die Praiosschreibe unter.