Angewandte Staatskunst in St. Ancilla

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Rechtsseminar für angewandte Staatskunde zu St. Ancilla, Rondra 1042 BF

„Meine gelehrsamen Schüler, heute haben wir uns zusammengefunden um an einem Praxisbeispiel über die angewandte Staatskunst zu parlieren.“ Der Dekan Bander Linderhold ließ es sich nicht nehmen, diesen Exkurs selbst zu leiten.

Im Innenhof unter dem schattenspenden Baum saßen Hesine von Fuchsbach, Selinde von Hartwalden-Hartsteen, Thyrian von Zweifelfels und Iralda von Ochs. Allesamt lauschten den Ausführungen des Dekans mit hesindegefälligem Wissensdurst.

„Nehmen wir an, der Adlige, den ihr beratet, bekommt eine Einladung zu einer Hochzeit. Es gibt ja nichts traviagefälligeres als einen Ehebund. Der zu schließende Traviabund ist rein politischer Natur und über dem Stand des eingeladenen Adligen.“

Hesine und Selinde tuschelten und lugten schelmisch in Richtung der Bärenauerin, während Bander weiter fortfuhr.

„Nehmen wir an, der Adlige der einlädt, lädt nicht alle Adligen ein, sondern lädt explizit welche aus. Hier unser heutiges Fallbeispiel. Baron Alrik von Sturmfels erhält eine Einladung zur Hochzeit der Grafentochter seines Grafen Gerbald von Grafenberg. Seine Frau Alrike von Sturmfels gehört zu einem Personenkreis, die Graf Gerbald nicht bei den Feierlichkeiten sehen möchte. Baron Alrik ist entrüstet und gleichfalls weiß er, dass er nicht gern gesehener Gast am Hofe des Grafen ist, da er den Tugenden seines Lehensherren nicht entspricht. Was ratet ihr Eurem Lehenherren?“ Bander setzte sich in den Schneidersitz, einen Foliaten auf seinem Knien und schaute in die Runde.

„Baron Alrik könnte seinen Ärger herunterschlucken und ohne Baronin Alrike zu der Hochzeit erscheinen.“ Warf Iralda von Ochs ein.

„Baron Alrik ist aber so entrüstet, dass er das gar nicht möchte. Aber einen diplomatischen Affront möchte er auch nicht auslösen.“ Entgegnete der Dekan.

„Baron Alrik muss sich eine Ausrede einfallen lassen, damit eine Absage glaubhaft akzeptiert wird, ohne dass Baron Alrik gesellschaftlichen Schaden nimmt.“ Erklärte Thyrian von Zweifelfels seine geistigen Ausschweifungen.

„Aber was sollen wir ihm raten für eine Ausrede anzuwenden?“ fragte Hesine von Fuchsbach.

„Er könnte aber auch erst seine Zusage übermitteln und eine kurzfristige Absage aus Krankheitsgründen übermitteln.“ Beteiligte sich Selinde von Hartwalden-Hartsteen an der Diskussion.

„Verschärfen wir die Situation ein wenig. Baron Alrik ist langwieriger erkrankt und kann nicht zur Hochzeit anreisen. Nach den Regeln des Standes müsste ihn seine Frau Alrike vertreten.“ Der Dekan änderte die Aufgabenstellung.

Die vier Studiosa debattierten hitzig untereinander.

„Vielleicht ist Baronin Alrike schwanger und kann nicht anreisen.“ Kicherte Selinde. Alle wussten, dass sie hier auf die Absage ihrer Mitstudentin Iralda verwies.

Ein Lächeln huschte dem Dekan durchs Gesicht, aus diplomatischer Sicht, war der Fall wirklich nicht einfach. „Nein, in unserem Fall ist die Baronin nicht schwanger und kann sich nicht so gekonnt aus der Affäre ziehen.“

Thyrian erhob das Wort. „Hm, schwierig, sie könnte anreisen und ihren Mann vertreten, wie es ihr Stand erwartet. Das erachte ich aber als unklug, da es ein offener Affront gegenüber Graf Gerbalds Einladung gewesen wäre.“

„Hat der Baron Alrik eine Schwester oder einen Bruder, der im Namen des Barons die Aufgabe erfüllen könnte und den gesellschaftlichen Pflichten nachkommen würde?“ fragte die Baronin von Bärenau.

Dekan Bander Linderhold schüttelte den Kopf. „Nein er hat keine Geschwister und seine Kinder sind noch zu jung, um die repräsentativen Pflichten ausüben zu können.“

„Baron Alrik könnte einen seiner Lehensnehmer in seinem Namen zur der Hochzeit entsenden.“ Schlug Hesine von Fuchsbach vor.

„Das würde ich auch als die beste Variante erachten. Keine Person zur Hochzeit entsenden führt zu geballtem Unmut am Grafenhaus. Seine, explizit ausgeladene Frau, zu entsenden schürt nur das Feuer der Konfrontation. Einen Lehensnehmer an seiner Statt zu schicken, wird auch nicht zu großer Freude führen, scheint aus diplomatischer Sicht jedoch die angenehmste aller Lösungsstrategien zu sein.“ Selinde von Hartwalden-Hartsteen versuchte die gesammelten Ideen in Worte zu fassen.

„Oder er schickt eine Absage aus Krankheitsgründen mitsamt einem Geschenk für die noch zu trauenden Eheleute. Einen Ersatz zur Hochzeit schickt er nicht.“ Hesine wollte die Gedankenspiele auf die Spitze treiben.

„Alrik ist Baron und kein Vogt. Selbst wenn Graf Gerbald ihn nicht mag, solange er sich nichts Größeres zu Schulden kommen lässt, ist er für den Grafen nicht so leicht auszutauschen. Für eine Entlehnung müsste schon viel vorfallen.“ Thyrian nahm Selindes Ideen auf.

„Ich denke, Baron Alrik muss es im Innersten für sich selbst entscheiden. Möchte er den diplomatischen Weg, dann wird er einen Vertreter entsenden, der in das Einladungsprofil des Grafen passt. Möchte er offen kundtun, wie sehr ihm die Einladung missfällt, wird er nicht anreisen und auch keinen Vertreter schicken.“ Iraldas Worte sprachen aus, was ihre Gemütslage zurzeit berührte.

„Gut, ich denke wir werden die Situation sacken lassen und morgen das Thema abschließen.“ Der Dekan beendete den Gesprächskreis und ließ nun freien Raum für offene hesindianische Gespräche.