Am Ende - Ballraths Vermächtnis

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Forlopp von Ballrath

Das Gemach war klein, viel kleiner, als man in diesem palastartigen Patrizierhaus erwartet hätte. Aber der alte Forlopp von Ballrath fror leicht. Darum war er nach dem Tod seiner Gattin in dieses kleine getäfelte Gemach gezogen, in das er ein Sitzbett hatte bauen lassen. In diesem befand sich sein schwacher Greisenkörper. Der Atem ging flach und hob kaum die zahlreichen Decken an, aus denen nur der weiße Bart wie Seifenschaum quoll und darüber das faltige Gesicht des Eslamsgrunder Stadtmeisters. Die Stirn schimmerte fast grünlich über den milchigen Augen.

Bei ihm waren seine Enkelin Alwide Ballrath, der Ratsmeister Treuthwin Seidinger, der Schreiber und Gelehrte Kerpold Flötritzler, der Schwiegervater Alwides, sowie Draxel Ulmenspaeter, der gerade ein Tuch über einer Schüssel auswrang.

»Alwide, komm her, mein Augenstern«, presste Ballrath mühsam hervor. »Lass dich und dein Ungeborenes segnen. Mögen dir die Götter gewogen sein, dem Haus stets einen guten Stern schenken und dir ein gesundes Kind, das dich mit Stolz erfüllt.« Ballraths knochige Hand hatte sich auf Alwides blonden Scheitel gelegt. Der Enkelin liefen die Tränen über die Wangen. Es ging zu Ende, alle konnten es sehen.

»Großvater, wir werden dich nicht enttäuschen! Alrik und ich haben beschlossen, das Kind nach dir zu nennen. Auf dass wieder ein Forlopp Ballrath in den Mauern Eslamsgrund lebe!«

»Das ist lieb, mein Kind. das ist lieb.« Ballrath unterbrach sich, denn eben kam die Hüterin des Rabens in den kleinen Raum und verdunkelte alles mit ihrem schwarzen Habit wie der Schatten des Todes.

»Euer Hochwürden«, erhob sich Alwide.

»Geh hinaus«, sprach die Hüterin des Rabens mit sanfter Stimme. Ihr Gesicht war alt, aber frei von den Spuren innerer Kämpfe. Die Augen blickten klar und tief wie die Seen Obercaldaias. Die Hände der Geweihten waren weiß und weich. Mit ihnen ergriff sie nun die knochige Rechte Ballraths, während sie neben dem Sterbenden Platz nahm.

»Hättet Ihr nicht jemanden schicken können?«, presste Ballrath mühsam hervor.

»Ihr seid nicht nur ein Kind der Stadt und Borons Schuldner, Forlopp, sondern auch Eslamsgrunds Stadtmeister. Länger als jemals ein anderer über diese Stadt geherrscht hat,. Ich schicke Euch kein Räblein. Dass ich eine Illgeney bin, muss Euch nicht bekümmern.« Die Hüterin des Raben Nemrah hatte beschwichtigend gesprochen. Nun wandte sie sich deutlich befehlender an die drei noch im Raum befindlichen Herren. »Ihr könnt nun auch gehen, meine Herren.«

Flötritzler legte seine Hand zum Abschied auf Ballraths Hände und drückte sie leicht. Ulmenspaeter murmelte ein paar Segensworte und ging dann. Doch Seidinger ließ Ballrath nicht so leicht gehen.

»Die Götter lieben mich nicht, Treuthwin. Dass sie mich nun vor dem Lumpen gehen lassen … Ich würde ihn am liebsten noch erwürgen! Treuthwin, man wird Euch wählen, ich bin gewiss.« Ballraths Stimme verlor weiter an Kraft.

»Wenn die Götter es so fügen«, brummte Seidingers Bass. Seine roten Wangen leuchteten so frisch und lebendig, wie Ballraths Stirn verwelkte.

»Treuthwin. Versprecht mir … versprecht, dass Ihr die Schule haltet. Die Schule … sie muss bleiben. Ich habe in meinem Testament … eine Summe. Ich stifte sie … versprecht es!« Ballraths Atem ging imemr flacher. Die Worte wurden zum Flüstern.

Seidinger nickte. »Boron sei mit Euch«. Dann verließ auch er den Raum, in dem die Hüterin des Raben bei dem Sterbenden blieb, den das Leben nur eine Stunde später für immer verließ.

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Texte der Hauptreihe:
K3. Ballraths Vermächtnis
11. Bor 1036 BF zur abendlichen Boronstunde
Ballraths Vermächtnis
Gesalzene Preise

Kapitel 3

Treuthwins Tribüne
Autor: BB