Abtasten und Annähern - In Anbetracht

Aus GaretienWiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

„Verwundert? Nein, immerhin war Haselhain Ausrichtungsort der ‚Blutspiele‘, ein Name der auch mir etwas archaisch erschien, aber Ihr kennt ja die Gepflogenheiten der Nebachoten – Nicht immer einfach. Doch so galt es hier die Nebachoten auf die kommenden Ereignisse, Ihr kennt ja sicherlich die Meinung des Brendiltalers dazu, einzuschwören und den sogenannten „Ersten Reiter“ zu küren. Ein wahrhaft denkwürdiges wenn auch recht brachiales Ereignis, dass die Nebachoten nach dem schweren Schlag – dem Tod meines Bruders - wieder näher zusammen gebracht hat.“

Roderick nickte an dieser Stelle, betrauerte doch insbesondere er selbst den herben Verlust des wirklich umsichtigen Nebachoten zutiefst.

„Zugegeben für Außenstehende mag so ein Ereignis etwas…heftig anmuten, auch ich habe ein paar Tage Eingewöhnung benötigt, doch letztlich galt das Spektakel der Sicherheit Perricums. Aber das wolltet Ihr ja sicherlich auch nicht in Frage stellen, oder?“, Selo lächelte freundlich, fühlte sich dabei aber selber unwohl. Denn eigentlich suchten ihn die Bilder der Spiele teilweise immer noch Heim. Er verstand diese zügellose Leidenschaft für Blut immer noch nicht, selbst nach den Erlebnissen in den Trollzacken. Doch machte er wie immer gute Miene zum „bösen“ Spiel.

Dennoch - er war hier noch lange nicht angekommen und trotz einiger naiver Erfolge die er hier bereits verbuchen konnte, verstand er sein Volk immer noch nicht und hatte mit seinen bisherigen Manövern mehr Glück als Verstand bewiesen. Denn die Nebachoten waren so sprunghaft und unkalkulierbar, ganz anders als die Menschen in Gareth oder auch nur die Leute nördlich des Darpat. Da brachte ihn alles was er über Politik zu wissen glaubte selten weiter. Er improvisierte häufig, manches Mal sogar ohne auch nur zu erahnen was das Ergebnis sein würde. Zu seinem Glück hatte er Lyn, die die Nebachoten schon besser verstand, aber eben auch nur einen Blick von außen auf dieses, sein Volk hatte. Sie verstand ihn deshalb, auch seine vielen Bedenken nach den Ereignissen um Perlenblick. Gemeinsam hatte man davor die Idee von den Blutspielen ersonnen. Zugegebener Maßen eine politisch gewagte Aktion, die er in Gareth so nie vollführt hätte. Hier schien sie ihm aber unvermeintlich zu sein. Doch eben auch wieder improvisiert. Die Rechnung dafür bekam er anscheinend jetzt. Aber er durfte sich nichts anmerken lassen und fügte deshalb noch hinzu: „Ich stehe voll und ganz hinter der Entscheidung des Barons und unseres Verbündeten aus Brendiltal.“

Der Aufklärungsmeister hatte den jungen Adligen bei seinen Ausführungen nicht aus den Augen gelassen, und schien hinter den Worten des noch an Jahren jungen Mannes lesen zu wollen. Ihm entging daher auch nicht, dass er hier nur den Teil der Dinge hörte, eben jene von denen Selo glaubte ihm anvertrauen zu können. Ob er dabei nur nicht Illoyal wirken wollte, oder eher ein Plan dahinter stand war aus seinen reinen Worten nicht zu entnehmen. Wie so oft klangen eigene Zweifel oder Lügen in Pausen und Längen aus einer Rede heraus, ohne dass man genau deuten konnte, was der Grund dafür war. Das Alter und die gemachten Erfahrungen hatten ihn darin geschult! Der junge Mann war schwer zu durchschauen, wenn auch nicht gänzlich intransparent, da er gerade seine ersten eigenen Schritte auf diesem Parkett machte.

Der Aufklärungsmeister bezog sich auf die letzte rhetorische Frage: „Wenn ich glauben würde, dass solche Zeremonien ausreichen würden, hätte ich vermutlich nicht den Posten inne, der mir zugedacht wurde!“ Er lächelte dünn und hintersinnig sein Gegenüber an und holte zur Erklärung weiter aus.

„Hier ist man nicht einfach Nebachote Wohlgeboren, oder Angehöriger des alten Raulschen Adels- der Gedanke, dass wir alle Perricumer sind, das ist es was zählen wird! Das ist die einzige Rettung, wenn es soweit kommen sollte, dass wir auch hier Kämpfe auszufechten haben. Es stimmt mich immer bedenklich, wenn große Truppen bewegt werden, ohne die einfachsten Regeln der Etikette zu befleißigen, und das in diesen Zeiten. Das Parkett der Diplomatie ist ein eisiges, aber ich denke, dass brauche ich Euch nicht zu dozieren. Vielleicht könnt Ihr ja in diesem Sinne einmal tätig werden, und das Auge und das Gespür für Nuancen schulen im Umgang mit Nachbarn.“

Selo fühlte sich etwas angegriffen. So einfach wie es dieser Isenbrunn es hier verkaufen wollte war es nicht. Vor allem nicht nach dem Tod Simolds und den dadurch entstandenen Unstimmigkeiten unter den Nebachoten, deren Einigkeit Perricum dringend brauchte wenn Eslam tatsächlich Recht behalten sollte. Das spürte sogar er, ohne das er jetzt schon einen tiefen Einblick bekommen hätte, dass das Gefüge der Nebachoten gerade bröckelig war. Ein Funke würde eine Fehde unter den Stämmen auslösen, die Perricum ganz sicher nicht gebrauchen könne.

Aber es war auch nur ein Gefühl, keine politische Sicherheit, damit hatte der Isenbrunner Recht und in Gareth hätte er diese Dinge auch ganz anders gelöst. Doch Selo verstand die Nebachoten trotzdem jetzt schon besser als Roderick es vermutlich je könnte, doch wollte er dem Adligen aus Gnitzenkuhl den schweren Stand Siyandors nicht offen bekunden. Daher entgegnete er: „Dann, werter Isenbrunn, sagt mir warum beim Perricumer Aufgebot welches die Kaiserin begleiten soll die Nebachoten kaum beachtet wurden wenn es doch ganz Perricum repräsentieren soll und wir alle Perricumer sind? Das fassen hier einige als Kränkung auf. Dies sehe sogar oder gerade ich als gerade erst dazu Gereister so und der Baron hat meines Erachtens mit den Spielen einen guten Beitrag zur Beruhigung der Situation geleistet. Was die Befindlichkeiten der Nachbarn angeht, waren sie durchaus informiert. Zudem wissen doch alle um die legitimisierten Sonderregelungen für die Nebachoten. Der Bannerherr hat das Recht dazu.“

Auch hier improvisierte er, hatte sich aber im Vorfeld der Spiele gerade hierzu nochmal gut informiert.

„Und in Anbetracht der Nichtbeachtung durch den Heerbann wider Haffax hielten es der Baron und der nebachotische Bannerherr für eine gute Idee die Truppen hier einzustimmen. Natürlich werden diese letztlich den verbleibenden Truppen unter dem Heermeister Firunslicht unterstellt, sollte es tatsächlich zum Schlimmsten kommen und die Nebachoten werden Seite an Seite mit den anderen Märkern – zu denen übrigens auch eine beträchtliche Anzahl von Haselhains Raulschen gehören - kämpfen, bereit ihr letztes Blut zu geben gegen den Erzverräter an Rondra. Oder wie mein Bruder gesagt hätte der Mutter Kors! Allein aus dem Willen heraus sich vor ihr reinzuwaschen. Aber dies benötigt nicht die feingeistige Rhetorik und Diplomatie der Raulschen und das wisst ihr genauso wie ich. Denn Ihr braucht mir dies wahrlich nicht zu dozieren, obwohl mich der geistige Austausch von Nuancen mit Euch durchaus reizt.“

Mit einem Lächeln und dem wohlwollenden letzten Satz schloß er und hoffte dass seine nun steigende Unsicherheit ihn nicht ins Verderben führen würde, in solchen Momenten kamen sie zurück die Gedanken um seine Identität, wer er nun war und ob er sich jemals hier oder in Gareth zuhause fühlen könnte. Denn nirgendwo verstand er die Leute vollends und umgekehrt sie ihn auch nicht. Dieses Leben zwischen den Stühlen war gefährlich wie er jetzt merkte.

Texte der Hauptreihe:
K2. In Anbetracht
K5. Prolog
Autor: Jan, Tomira