...und seine Auswirkungen

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Der Wahnsinn kam langsam. Kaum merklich schritt er voran und wer von ihren Bediensteten die Herrin zu Vellberg tagtäglich sah, hätte im nachhinein nicht sagen können, wann dieser Wahn begonnen hatte, welcher vor knapp zwei Monaten über die Adlige gekommen war - zumindest waren die Anzeichen seitdem unübersehbar. Auch wäre man sich wohl uneins darüber gewesen, wann er auffällig und wann er untragbar geworden war. Noch wilder waren nur die Gerüchte, die auf Burg Mallvenstein und in dem gleichnamigen Weiler über dessen Entstehen kursierten. Einerlei, Elissa vom Berg war offenkundig wahnsinnig geworden und nicht mehr in der Lage, ihre Pflichten als Baronin wahrzunehmen.
Zunächst hatte sie nur ein wenig zerstreut gewirkt, dann schwankte die Adlige zwischen Phasen völliger Teilnahms- und unbändiger Rastlosigkeit. Mal erging sie sich in langen gemurmelten Selbstgesprächen, mal unterhielt sie sich mit Personen, die gar nicht da waren. Einmal war sie ohne jede Ankündigung ausgeritten und kehrte erst nach vier Tagen völlig verwahrlost zurück und fragte bei ihrer Ankunft auf der Burg, jeden, dem sie begegnete, wo sie denn gewesen sei. Mal war Elissa die Sanftmut in Person und geradezu überfürsorglich zu ihren Bediensteten, mal absolut cholerisch, sodass sie ohne jeden Grund alle in ihrer Nähe anbrüllte, auf das Übelste beleidigte und zuweilen gar handgreiflich wurde. Selbst im Schlaf wurde sie zunehmend von offensichtlich schweren Alpträumen geplagt. Kurzum, die Baronin ließ mit der Zeit kaum eine bekannte Spielart des Irrsinns aus, während zugleich die Phasen, in denen sie zumindest einigermaßen 'normal' war, immer seltener bzw. kürzer wurden.

Dies stürzte den Kastellan der Burg und informellen Vogt der Baronie, Norholt von Rickenberg, in ein großes Dilemma: Einerseits die Verwaltung des Lehens aufrechtzuerhalten und andererseits das Gerede zumindest ein wenig einzudämmen. Schließlich hatte er sich - nach zwei schlaflosen Nächten - dazu durchgerungen, seine Herrin in ihren Quartieren einschließen zu lassen, wo sie von wenigen vertrauenswürdigen Bediensteten (so zumindest die Hoffnung Norholts) mit allem Nötigen versorgt wurde. Dennoch war dem Kastellan klar, dass dies keine Dauerlösung sein konnte. Irgendwann würde dieser Umstand - vermischt mit wilden Gerüchten, Halbwahrheiten und Übertreibungen - auch in die Reichsstadt und damit an die Ohren Rondrigan Paligans und seiner Administration dringen. Nicht auszudenken! Was also tun? Der für ihn einfachste Weg bestünde vermutlich darin, zum Markgrafen zu reisen, ihm die Situation zu schildern, dessen Entscheidung abzuwarten und gegebenenfalls umzusetzen. Das hätte Norholt zwar von jeder weiteren Verantwortung enthoben, was ihm eigentlich ganz recht gewesen wäre, doch zugleich die Reputation seiner Herrin ein für allemal ruiniert. Selbst wenn sie dereinst von ihrem Wahnsinn geheilt werden sollte, könnte sie sich nirgendwo mehr blicken lassen, sondern wäre überall als 'die Irre' verschrien. Mal ganz abgesehen davon, dass es längst nicht ausgemacht war, dass sie überhaupt Baronin bliebe. Insbesondere der letzte Gedanke bereitete dem Kastellan großes Unbehagen. Zum einen, weil er mit der Elissa bisher sehr gut zusammengearbeitet und auch von ihr als Person eine hohe Meinung hatte. Zum anderen, da er nicht daran glauben mochte, dass dies unter einem anderen Herrscher auch so harmonisch abliefe.

Nach einer durchwachten Nacht hatte Norholt, so hoffte er zumindest, eine Lösung für sein immer drängenderes Problem gefunden. Er setzte einen Brief an die Halbschwester Elissas, Selinde von Pandlarilsforst und vom Berg, auf, schilderte darin in knappen Worten die Situation und bat sie hierzu um Rat und Hilfe. Die Baroness von Zackenberg schien in den letzten Jahren deutlich ruhiger und besonnener geworden zu sein und der Kastellan hatte sie aus ihrer Zeit in Vellberg noch in guter Erinnerung. Außerdem residierte sie nur wenige Tagesreisen entfernt auf Burg Trollwacht und war daher relativ rasch zu erreichen. Alle anderen Personen aus Elissas Umfeld kamen für ihn nicht infrage: Das Verhältnis zu ihrem Halbbruder Ugdalf - und damit auch zu dessen Mutter Fredegard - war mit 'angespannt' noch milde umschrieben. Und ihr Gemahl Sequim saß fernab in Perricum. Da er zudem als Archivar zur markgräflichen Verwaltung gehörte, stand ferner anzunehmen, dass eher früher als später auch der Markgraf selbst von den Vorgängen Kenntnis erhielte, was eben zumindest vorerst vermieden werden sollte.
Als die Botin gen Zackenberg aufgebrochen war, ergriff Norholt plötzlich ein starkes Unwohlsein. Nun gab es kein Zurück mehr und er konnte nur noch darauf hoffen, das Richtige getan zu haben. Wenn es denn in einer solchen Situation überhaupt so etwas wie 'das Richtige' gab. Mit schleppenden Schritten und gebeugt wie unter einer großen Last begab er sich in seine Kammer und versuchte dort, die zahllosen Gedanken, die ihm durch den Kopf gingen, zu ordnen. Wie hatte es bloß zu alledem kommen können?