Owilmar von Gareth

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Als im Jahre 378 BF ein kleiner Junge in dem Bauerndorf Rosskuppel in der Nähe der Capitale Gareth das Licht der Welt erblickte und den Namen Owilmar erhielt, war nicht vorauszusehen, dass dieser Knabe mit einer seltenen Gabe gesegnet und mit dem besonderen Glanz Praios’ ausgestattet war. Owilmars Eltern waren Freibauern und hatten bereits zwei Kinder. Deshalb wurde Owilmar in ein Kloster gegeben, und zwar in die Sankt-Horas-Abtei, die es schon lange nicht mehr gibt und von der man nicht genau weiß, wo sie einstmals lag.

Owilmar lernte eifrig und war fromm, doch wollte aus ihm kein Priester oder Mönch werden. Der Junge war zu ungestüm, zu neugierig, zu wissensdurstig und zu naschsüchtig, als dass die Regeln der Klostermauern mit dieser heranwachsenden Persönlichkeit vereinbar gewesen wären. Owilmar verließ darum das Noviziat und wurde einem Schreiber in die Lehre gegeben. Hier – wie auch vorher im Kloster schon – offenbarte sich Owilmars verblüffendes Rechentalent. Wie eine Rechenmaschine konnte Owilmar geschwind die kompliziertesten Zahlen ausrechnen; zudem konnte er sehr gut zeichnen, lebensnah und sehr realistisch. Der Schreiber aber hatte von diesen beiden Talenten nichts, störte sich aber sehr an Owilmars Fresssucht, seiner Unkonzentriertheit und dem unverschämten Auftreten des Jungen gegenüber den Töchtern des Hauses.

Es war auf einer Reise ins nahe Myrthenhain (heute Halsmark, dass Owilmar seinem Meister davonlief, um in einer Taverne mit gestohlenem Geld Naschwerk und Alkohol zu erstehen, als ein Unwetter den Burschen überraschte und ihn beinahe zu Tode brachte. Doch da erschien ihm Ucuri, Praios’ Sohn, errette Owilmar aus seiner Not und wies ihm seine Bestimmung: Owilmar solle des Götterfürsten strahlendste Gebäude errichten und unter die Großen seines Gefolges eingereiht und einen Ehrenplatz in Praios’ Lichthaus erhalten.

Von jenem Tage an war Owilmar fleißig und lernte eifrig und ließ sich aus der Anstellung beim Schreiber loskaufen, indem er den Kaiserlichen Baumeister Falgarth Maurensetzer von der Ernsthaftigkeit seiner Vorsätze überzeugte. Bei Meister Falgarth lernte Owilmar, Häuser zu errichten, Dächer zu konzipieren und Fundamente zu berechnen. Zwar waren Naschsucht und das Interesse an Frauen nicht aus Owilmars Persönlichkeit gewichen, doch schon im Alter von 22 Jahren übertraf er seinen Lehrmeister an Kunstfertigkeit und lieferte ein Meisterstück mit der Kapelle der heutigen Sankt-Gilborns-Abtei, die just an der Stelle erreichtet worden sein soll, wo Ucuri ihn erleuchtete. Die Kapelle ist noch heute Ucuri geweiht.

Unmittelbar danach rief Priesterkaiser Noralec den jungen Baumeister zu sich, erkannte in ihm ein architektonischen Genie und einen praiosgefälligen Glanz, berief ihm zum Ersten Kaiserlichen Baumeister und beauftragte ihn mit dem Bau eines großen Praiostempels, der in Form einer Sonne gestaltet sein sollte – also mit einer großen und kreisrunden Kuppel. Gemeinsam mit Meister Falgarth Maurensetzer entwarf Owilmar einen Kuppelbau von bosparanischer Größe. Der Kaiser sah, dass er gut war, und befahl den Bau des Tempels in Gareth daselbst. In nur achtjähriger Bauzeit war der Kuppelbau errichtet und wurde 408 BF als Sankt-Noralec-Sakrale feierlich eingeweiht. Während die Pläne von Owilmar stammten, hatte Falgarth die Bauarbeiten überwacht. Denn Owilmar war erkrankt: Sein vom Naschwerk und mangelnder Bewegung vollkommen aufgeschwemmter Körper hatte ihn verlassen, und Owilmar lag zwei Jahre lang siech darnieder. Angeblich war es neuerlich Ucuri, der ihm erschienen sei, ihn an seine Aufgabe erinnert und wieder aufgerichtet habe.

Nach dem Bau der Sakrale in Gareth widmete sich Owilmar zahlreichen anderen sakralen Gebäuden in Garetien und ließ Tempel in vielen Städten des Königreichs und darüber hinaus errichten. Als Kaiser Noralec 412 BF starb, folgte ihm Kaiser Kathay, der grausam, herrschsüchtig, neidisch und größenwahnsinnig war. Er duldete es nicht, dass sein Vorgänger mit einem solch prächtigen Tempel geehrt worden war, doch ließ er von seinem Plan ab, die Priesterkaiser-Noralec-Sakrale einzureißen, sondern befahl stattdessen, diesen Kaiserlichen Baumeister zu holen. Owilmar ward befohlen, ein noch größeres Tempelgebäude zu errichten, des Götterfürsten das größtes und schönstes Heim auf Dere, den Tempel der Sonne nämlich. Und nicht nur den, sondern eine Stadt des Lichts darum herum.

Erneut machte sich Owilmar ans Werk, eingesperrt und von den antreibenden Blicken des Kaisers immer wieder gestreift, von den kaiserlichen Beratern fortwährend gedrängt. Es heißt, dass Owilmar, wenn er nicht schnell genug arbeitete, in ein lichtloses Verlies gesperrt wurde, um »durch seinen Anblick Praios nicht zu freveln«. Doch – und dies waren Wunder! – Owilmar setzte auch in völliger Finsternis seine Arbeiten fort und zeichnete die Pläne des Tempels und der Stadt des Lichtes, erleuchtet durch die Gnade Praios’.

Mit dem gewaltsamen Tode Kaiser Kathays 414 BF entließ man Owilmar aus seinem Gefängnis. Doch Kaiser Gurvan wurde gewahr, dass Praios daselbst die Arbeiten Owilmars unterstützt hatte, selbst wenn sein unrühmlicher kaiserlicher Vorgänger sie angestoßen hatte. Darum erhielt der Baumeister alle Privilegien, die er benötigte, und setzte seine Arbeiten fort. Etwa 418 BF wurde mit den Bauarbeiten an der Stadt des Lichtes begonnen, und Owilmar, der mehr denn je mit seinem Gewicht und seinen Gebrechen zu kämpfen hatte, begleitete sie fast ununterbrochen. Mitunter aber wandet er sich anderen Projekten zu. Als das Alter mehr und mehr an ihm zu nagen begann, kehrte er an den Ort zurück, an dem sein neues Leben begonnen hatte: Er entwarf einen Wandelgang für die Ucuri-Kapelle, an die sich ein kleines Kloster gelagert hatte. Und dieser Wandelgang gilt als der schönste, der je erbaut worden ist. Unterbrechungen im Vorankommen des Baus traten durch den Gegenkaiser Helus ein, der Kaiser Gurvan fast 20 Jahre ins Exil geschickt hatte, jedoch nur an Einzelheiten des Tempelkonzeptes Änderungen befahl. Je mehr aber der Wahnsinn den Gegenkaiser ergriff, desto unwürdiger fand er den Ort Gareth für das Zentrum der Sonnenkirche. Und als er die Stadt anzünden wollte, da schloss seine Verachtung auch die Stadt des Lichts mit ein – obschon keineswegs ein »lästerlicher Ort«. Mit der Rückkehr Kaiuser Gurvans aus dem Exil im Jahre 440 BF wurden die Bauarbeiten mit verstärkter Kraft aufgenommen. Der zurückgekehrte Kaiser war in seinem Exil erleuchtet worden und brachte die Gurvanischen Choräle mit nach Gareth. Um für diese einen optimalen Klangraum zu erstellen, musste Owilmar seine Pläne noch ein weiteres Mal verbessern.

451 BF war der Tempel der Sonne fertiggestellt. Er beherrschte den Tempelbezirk der Stadt des Lichts durch seine wuchtige Kuppel und seine erhabene Größe. Von nah und fern kamen Arm und Reich, um diesen Bau zu schauen, und bis zur Zerstörung der Kuppel im Jahr des Feuers ließ der Bau jeden Sterblichen erschauern vor der Macht Praios’, egal wie mächtig er war.

Owilmar war nun alt, 73 Lenze zählte sein von Krankheiten geprägtes Leben, und deshalb zog er sich in die Abgeschiedenheit des Ucuri-Klosters zurück. Am selben Tage wie Kaiser Gurvan verstarb 452 BF auch der Kaiserliche Baumeister Owilmar von Gareth, und 100 Adler sollen über dem Kloster gekreist haben, als seine Seele zu Praios’ Lichthaus emporstieg – sie vertrieben Golgari, dem Owilmars Seele nicht zustand.

Am 20. Tage des Mondes Praios 460 BF wurde Owilmar heilig gesprochen und in den Kreis der Mittler zu Praios aufgenommen, und noch heute verehrt man in Gareth und Garetien diesen erleuchteten Baumeister an diesem Tag im Jahr. Sein Grab befindet sich in der Sankt-Gilborns-Abtei, am schönsten Flecken des Wandelganges.

(BB)